Von Klaus Schlupp
Wo mag nur die Anne sein? Auch wenn die erst vor fünf Monaten gegründete Kleszmer-Formation „Elle est où Anne?“ schon im Namen nach der Unterstädterin fragt – Anne Gillessen steht rechts außen, spielt Klarinette und singt. „Wir waren noch bis gestern auf Fahrradtour und haben auf Straßen und Terrassen gespielt“, erzählt Geiger François Mathonet. Entstanden ist die Gruppe aus einer Arbeitsgemeinschaft in Lüttich. Virtuos feiert diese Gruppe das Leben auf der Bühne mit Klassikern wie der „Hava Nagila“ und unbekannteren Liedern, in die sie gekonnt Klänge vom Balkan und französischer Chansons einfließen lassen. Die Gruppe ist jedenfalls die Überraschung des Weltmusikfestes, und man darf hoffen, dass sie beispielsweise bei der nächsten „Weltkultour“ eine Station bespielt. Übrigens führt die Gruppe auch den Namen „C’est pas fanfare“.
Aber auch die Djembé-Trommelgruppe und die beiden Eritreer Tesfalem und Edris zeigen temperamentvolle Musik und hohes Können. Natürlich gibt es auch wieder kurdische Spezialitäten, dazu gesellen sich Bosnier mit Cevapcici. „Aber auch unsere gute belgische Fritte gibt es“, verkündet Bianca Croé von der Bühne und zeigt auf die Frittüre.
Was „Titschibija“ oder „Naktlumi“, oder wie man es auch richtig schreiben und aussprechen mag, bedeuten, weiß niemand. In jedem Fall macht das Publikum vergnügt mit, wenn die Lüttich-Marokkanische Band Dakka Royal Liège diese Vokabeln vom Publikum fordert. Die melodischen und rhythmischen Klänge von Gnawa und Berbermusik machen jedenfalls wach. Und da auch Bauchtänzerinnen dabei sind, stürmen auch einige Frauen aus dem Publikum die Bühne und tanzen fröhlich mit.
Frisch aus Venezuela eingeflogen sind Soledad Kalza und Sina Kienou, die auf einer neuen Gitarre spielen muss, ihre alte ist ihr geklaut worden. Das Duo präsentiert eine unwahrscheinlich variantenreiche Musik, gepaart mit der klaren Stimme von Sina Kienou. Kubanische Lieder bis hin zu Brecht und Weill – die beiden bieten eine echte musikalische Weltreise.
Äußerst vielseitig sind auch die kapverdischen Niederländer von „Rabasa“. Offenbar hat jeder, der auf den Inseln angelandet ist, musikalisch etwas dagelassen. Es sind die iberischen Klänge der ehemaligen portugiesischen Kolonialherren gepaart mit afrikanischen bis karibischen Rhythmen und sogar Anklänge französischer Chansons. Es ist eine Musik zum Zuhören und Mittanzen. Besonderen Applaus gibt es für ein den Eupener Flutopfern gewidmetes Lied.
Auch wenn das Fehlen jedes einzelnen Musikers sehr zu bedauern gewesen wäre, ein wenig zu dicht gepackt ist das Programm schon. Eine Pause zum Durchatmen und zum Miteinanderreden zwischen Einheimischen und Zugewanderten wäre nicht schlecht gewesen. Zumal auch noch ein kräftiger Regenguss dafür sorgt, dass der staubtrockene Temsepark wieder etwas Feuchtigkeit abbekommt und die Menschen von den Tischen ins Zelt treibt. Denn an diesen ersten Abend des Kulturfestivals „Haaste Töne“ treffen Menschen aufeinander und zeigen ihre Kulturen, die sich im Alltag seltener über den Weg laufen.

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren