Viele Fragen um das Skandal-Video: Was wir wissen - und was nicht

<p>Dieser Screenshot aus einem Video zeigt Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (r.) am im Juli 2017 bei einem Gespräch mit einer angeblichen russischen Oligarchin (nicht im Bild).</p>
Dieser Screenshot aus einem Video zeigt Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (r.) am im Juli 2017 bei einem Gespräch mit einer angeblichen russischen Oligarchin (nicht im Bild).

Ein zwei Jahre altes Video aus Ibiza taucht auf - und stürzt Österreich kurz vor der EU-Wahl ins Chaos. Einiges über die Aufnahmen ist gesichert - vieles aber Spekulation. Ein Überblick:

Die Protagonisten: Fünf Menschen sind an der Gesprächsrunde im Sommer 2017 beteiligt: Österreichs damaliger FPÖ-Chef und späterer Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der jetzt zurückgetretene FPÖ-Fraktionschef Johann Gudenus - damals Wiener Vizebürgermeister - und dessen Ehefrau. Ferner zu sehen sind eine Frau, die Russisch und Englisch spricht - angeblich die Nichte eines russischen Milliardärs - sowie ein weiterer Mann, der Deutsch spricht. Seine Identität ist ebenso unbekannt wie die der angeblich reichen Russin. Gudenus, der in der Schule Russisch gelernt und nach eigenen Angaben von 1995 bis 2003 Sommerkurse an der Lomonosov-Universität in Moskau belegt hat, übersetzt. Beide Politiker haben das Treffen im Ibiza-Urlaub vor der Nationalratswahl in Österreich schriftlich eingeräumt.

Das Video: Redakteure von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“, denen das Material zugespielt wurde, stellen in ihrem Kommentar zum Video klar, dass die FPÖ-Politiker unter einem Vorwand gezielt in eine „Falle“ gelockt wurden. Doch ist das Gezeigte überhaupt echt? Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie bestätigte auf Twitter: „Unsere Experten für digitale Forensik haben das #strachevideo geprüft und als nicht manipuliert befunden.“ Am Institut befassen sich mehr als 200 Wissenschaftler mit Fragen zu Cybersicherheit und Datenschutz. Es zählt zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen. Zuvor hatten schon „Spiegel“ und „SZ“ betont, mehrere Experten hätten Manipulationen am Video in forensischen Gutachten ausgeschlossen. Für die Richtigkeit der verschriftlichten Zitate bürgen den Angaben zufolge eine externer Anwalt wie eine beeidigte Dolmetscherin.

Die Drahtzieher: Wer die Falle für Strache und Gudenus gestellt hat, ist weiterhin ungewiss. „Spiegel“ und „Süddeutsche“ wollen mit Verweis auf den gesetzlich verankerten Quellenschutz für Journalisten die Urheber nicht preisgeben. Die Aktion wurde sehr professionell geplant, über Monate Vertrauen zu Gudenus aufgebaut. Mit der Miete für die Villa sowie Kosten für Flüge, Überwachung und Verwanzung ist einiges an Geld investiert worden. Über verschiedene Initiatoren der Aktion wird spekuliert - ohne dass jeweils konkret Beweise vorliegen:

- Tal Silberstein: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sowie die FPÖ bringen den Politmanager ins Spiel, der beim Wahlkampf 2017 mit unlauteren Methoden - gefälschen Facebook-Seiten - Stimmung gegen Kurz gemacht hatte, wohl um den Sozialdemokraten zu helfen. In jener Zeit entstand auch das Ibiza-Video. Dafür, dass Silberstein daran beteiligt war, fehlt aber derzeit jeder Beweis.

- Zentrum für Politische Schönheit: Ebenso fehlen belastbare Hinweise für die Vermutungen, dass das Künstlerkollektiv seine Finger im Spiel haben könnte. In der Vergangenheit hatten die Aktivisten Aufmerksamkeit erregt, weil sie etwa nahe dem Haus des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke Stelen des Holocaust-Mahnmals nachgebildet hatten.

- Jan Böhmermann: Der Satiriker wusste von den Aufnahmen bereits vor ihrer Veröffentlichung, wie sein Manager der dpa bestätigte. Im April hatte der Komiker gesagt, dass er „mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchen-Villa auf Ibiza rumhänge“. Woher Böhmermann das Video kannte, wusste der Manager nicht.

- Geheimdienst: Strache sprach schnell von einem „gezielten politischen Attentat“ und einer „geheimdienstlich inszenierten Lockfalle“. Er wird nicht konkret, welchen Staat er in Verdacht hat. Der Verweis auf Geheimdienste ist ein gängiges Motiv unter Verschwörungstheoretikern.

Zeitpunkt des Leaks: „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ beteuern, dass die Veröffentlichung des Videos am Freitag nichts mit der Wahl zum Europaparlament zu tun hat. Beide Blätter geben an, die Aufnahmen erst im Mai 2019 unabhängig voneinander erhalten zu haben. Erst nach einer Prüfung des Videos auf seine Echtheit hätten sie sich zur Veröffentlichung entschieden. Wann der Urheber das Video anderen Medien oder Personen anbot, ist nicht bekannt - genauso wenig, warum mehrere Monate seit den Aufnahmen vergingen.

Legal veröffentlicht: Die Pressefreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut und in Artikel 5 des Grundgesetzes geregelt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Laut „Spiegel“ haben die Aussagen der FPÖ-Politiker „eine hohe politische Relevanz und sind von öffentlichem Interesse“. „Spiegel“ und „Süddeutsche“ wollen weder die Urheber preisgeben noch den Behörden die Originalaufnahmen zur Verfügung stellen. Tatsächlich gewährt die Strafprozessordnung (StPO) Medienmitarbeitern ein Zeugnisverweigerungsrecht, das den Schutz von Informanten und das Redaktionsgeheimnis sichern soll. Paragraf 53 StPO gilt zum Beispiel für Psychotherapeuten und Geistliche, für Ärzte, Rechtsanwälte oder Abgeordnete - und eben auch für Journalisten.

Strafen drohen aus Sicht des österreichischen ÖVP-Kanzlers Sebastian Kurz möglicherweise seinem früheren Vize Strache. Unter anderem gehe es um „offene Angebote der Korruption“ und „Attacken gegen die freie Presse“. Für Bestechung oder Bestechlichkeit sieht das Strafrecht in Österreich Haftstrafen bis zu zehn Jahren vor. Die Pressefreiheit regelt Artikel 13 des Grundgesetzes. In dem Video hatte Strache der vermeintlichen russischen Investorin öffentliche Aufträge in Aussicht gestellte, wenn sie seiner Partei zum Wahlerfolg verhilft - etwa durch Kauf und Instrumentalisierung der auflagenstärksten Zeitung des Landes. (dpa)

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