99 von 100 Vergewaltiger bleiben straflos – Brüsseler Psychologin fordert rasches Umdenken

<p>Daniele Zucker hat 1.000 Fälle von Vergewaltigung in Belgien untersucht. Das Ergebnis wirft kein gutes Licht auf Polizei, Justiz und Gesellschaft.</p>
Daniele Zucker hat 1.000 Fälle von Vergewaltigung in Belgien untersucht. Das Ergebnis wirft kein gutes Licht auf Polizei, Justiz und Gesellschaft. | Foto: Photo News

Am Samstag wurde die von einem bereits zwei Mal verurteilten und sich doch frei bewegenden Sexualstraftäter missbrauchte und getötete Studentin Julie Van Espen zu Grabe getragen. Für Daniele Zucker, die mehr als 1.000 Opfer sexueller Gewalt behandelt und in diesem Zusammenhang eine Studie für die EU-Kommission erstellt hat, wäre der Fall nicht so spektakulär geworden, wäre die junge Frau nicht von einem schnell identifizierten Straftäter nach der Vergewaltigung ermordet worden.

Rein statistisch betrachtet, hatte auch in diesem Fall der Vergewaltiger 99 % „Chance“, nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Das ist das traurige Ergebnis ihrer Studie für die EU. In 100 untersuchten Fällen wurden 50 Täter nie identifiziert, und von den anderen 50 wirden ganze vier zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die allerdings nur ein einziger Straftäter effektiv antreten musste.

Zucker wertet dies als einen Schlag ins Gesicht der Opfer. Dabei sei Belgien gar nicht einmal so schlecht darin, die Opfer zu bewegen, ihren Schmerz und ihre Scham zu überwinden und den oder die Täter bei der Polizei anzuklagen. Hier liegt Belgien hinter Schweden und Island in Europa auf dem dritten Platz. Was danach folgt, ist für sie aber mehr als ernüchternd. Sowohl die Gesellschaft als die Polizei und die Justiz, so die Brüsseler Psychologin gegenüber der Zeitung „DH“, hätten Tendenz, die Taten herunterzuspielen. Man versuche nicht selten, den Täter zu verstehen. In ihren Augen würde es reichen, ihn zu kennen - und zu verurteilen.

Allzu oft, so stellt Zucker fest, suche man bei den Opfern einen Teil der Schuld. Entweder werde die Vergewaltigung die letzte Stufe einer Steigerung einer Beziehung sexueller Natur heruntergespielt oder man finde bei dem Opfer Ursachen, die zu der Tat geführt haben könnten, wie z.B. verführende Kleidung. Sie fordert ein Umdenken. Und zwar ein sofortiges.

Polizei und Justiz wirft sie vor, nicht genügend Kenntnisse von der Psychologie eines Sexualtäters zu haben. Wenn man gewusst hätte, so die Psychologin, dass nur die wenigsten Vergewaltiger nicht rückfällig werden, hätte man dann den Mörder von Julie Van Espen nicht eingesperrt, auch wenn er in Berufung gegen seine Verurteilung gegangen sei? Auch findet sie eine Verurteilung zu vier Jahren Haft zu wenig, wenn die Maximalstrafe zehn Jahre für solche Fälle ist. (os)

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