Die Frau schlug sich fortan durch, indem sie für weniger als einen Euro am Tag als Haushaltshilfe arbeitete. Als sie im vergangenen Jahr mit ihren zwei Töchtern zum Arzt fuhr, fuhr das Auto auf eine am Straßenrand platzierte Bombe. So musste sie auch ihre zwei verbliebenen Kinder begraben. Heute, sagt sie, bete sie täglich für ihren eigenen Tod.
Der zweite Schicksalsschlag der 28-Jährigen aus Urusgan ist nur eine von Tausenden Tragödien, die sich 2018 in Afghanistan zugetragen haben und die das Team der UN-Mission Unama für ihren Jahresbericht zu den zivilen Opfern des Konflikts zusammengetragen hat. Seit zehn Jahren gehen die UN-Mitarbeiter akribisch jedem Bericht über zivile Opfer in Afghanistan nach. Und noch nie seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen 2009 mussten sie so viele zivile Todesopfer dokumentieren wie im vergangenen Jahr.
3.804 Zivilisten verloren ihr Leben, das sind um elf Prozent mehr als im Jahr davor. Doch 2018 brachte weitere traurige Rekorde. Noch nie starben so viele Kinder, 927 waren es. Noch nie kamen so viele Menschen durch Luftschläge der internationalen und afghanischen Luftstreitkräfte um, über 500. Und noch nie wurden so viele Zivilisten bei Selbstmordanschlägen und größer angelegten Angriffen getötet und verletzt.
Mehrere Denkfabriken, darunter die International Crisis Group, stufen den Afghanistan-Konflikt nach dem Abflauen des Bürgerkriegs in Syrien heute wieder als den tödlichsten Konflikt der Welt ein. „Der Anstieg an zivilen Opfern belegt, dass sich der Krieg 2018 intensiviert hat“, sagt Thomas Ruttig von der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Den Großteil der Opfer, 37 Prozent, rechnet die UN den radikalislamischen Taliban zu. Die Zahl der durch sie getöteten und verletzten Zivilisten ging allerdings um sieben Prozent zurück. Dafür verübte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Vorjahr mehr Selbstmordanschläge, wodurch sich die Zahl der Opfer, die die UN ihr zurechnen, mehr als verdoppelte. Der IS war im Vorjahr so für ein Fünftel aller zivilen Opfer verantwortlich.
Auch die Zahl der getöteten Zivilpersonen durch Regierungskräfte stieg um fast ein Viertel. Insgesamt sei ein Viertel der Opfer 2018 der Regierungsseite zuzurechnen, heißt es in dem Bericht. Auch Schams-ur Rahman aus der südlichen Provinz Helmand verlor im Vorjahr einen Bruder und einen Onkel, als eine Bombe detonierte, während die Männer ihre Felder bewässerten. Bereits davor hatte er drei Brüder verloren. „Unsere Familie musste schon so oft trauern“, sagt er. „Wir wollen endlich Frieden“.
Ungeachtet des Anstiegs der Opferzahlen ist Frieden heute ein Wort, das in Afghanistan überall zu hören ist. Nicht zuletzt, da die USA im vergangenen Sommer in einem Kurswechsel direkte Gespräche mit den Taliban aufgenommen haben, um den Konflikt politisch zu lösen. Am Montag begann im Golfemirat Katar die sechste Gesprächsrunde.
Die Hoffnung darauf, dass man sich einem Ende des Blutvergießens nähert, war nach den jüngsten Gesprächen im Januar gestiegen. Der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad hatte danach einen Etappenerfolg zu verkünden: Man habe sich mit den Taliban auf den „Entwurf eines Gerüsts“ geeinigt, der ausgestaltet werden müsse, bevor er eine Einigung wird.
Seither wagen es Afghanen, öffentlich zu träumen. Sie posten in sozialen Medien, was sie als erstes tun würden, sollte endlich Frieden in ihre Heimat einziehen. Khalilzads „Gerüst“ soll nun in Doha befüllt werden. Es geht um Details rund um einen Abzug der US-Truppen, der Hauptforderung der Taliban. Es geht auch um Garantien der Aufständischen, damit Afghanistan nicht zu einem sicheren Hafen für Terroristen wird. Khalilzad fordert zudem einen umfassenden Waffenstillstand und so rasch wie möglich direkte Gespräche der Taliban mit der afghanischen Regierung. Die Taliban hatten diese bisher verweigert. Die plötzliche Eile nach jahrelangem Stillstand ist der Ungeduld des US-Präsidenten Donald Trump geschuldet. Er hat wiederholt deutlich gemacht, dass er den Einsatz in Afghanistan herunterfahren oder ganz beenden möchte.
Wenn die Afghanen, die täglich Brüder, Schwestern und Väter in dem Konflikt verlieren, diese Woche nach Doha blicken, hoffen sie vor allem auf Fortschritte beim Thema Waffenstillstand.
Das hatte für große Unruhe in Teilen der Bevölkerung gesorgt, aber auch bei den afghanischen Sicherheitskräften – und zugleich NATO-Verbündete vor den Kopf gestoßen. Wenn die Afghanen, die täglich Brüder, Schwestern und Väter in dem Konflikt verlieren, diese Woche nach Doha blicken, hoffen sie vor allem auf Fortschritte beim Thema Waffenstillstand. Geht es nach den Experten der International Crisis Group, sollten sie allerdings keine zu großen Erwartungen haben. In dieser frühen Verhandlungsphase sei ein Waffenstillstand unwahrscheinlich, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik. Die Taliban waren in den vergangenen Monaten militärisch in der Offensive, sie fügten den afghanischen Regierungskräften hohe Verluste zu. Die Aufständischen würden sich daher sorgen, ihr Momentum auf dem Schlachtfeld zu verlieren, wenn sie einem Waffenstillstand zustimmten. Ihr militärischer Vorteil sei ein wichtiges Druckmittel in den Verhandlungen. (dpa)

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