Der Mozart des Fußballs

<p>In Neapel erwiesen Fans Maradona vor dem San Paolo Stadion die letzte Ehre.</p>
In Neapel erwiesen Fans Maradona vor dem San Paolo Stadion die letzte Ehre. | Foto: EPA

Villa Fiorito. Da, wo alles anfing. Ein schäbiger Ort im Schatten von Buenos Aires, viel Gewalt, noch mehr Elend. Wenn die Familie Geld zum Einkaufen hatte, jonglierte Diego Maradona mit einer Apfelsine. Doch mit vier Jahren ist Diego der glücklichste Junge der Welt – sein Papa schenkt ihm einen Fußball. Und der Kleine mit dem Wuschelkopf gibt seinen Schatz nicht mehr her, nimmt ihn mit ins Bett, das kleine Zimmer teilt er sich mit sieben Geschwistern. Doch Diego träumt von etwas Großem. Gut 20 Jahre später ist Maradona ganz oben, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, Argentinien liegt seinem „Goldjungen“ zu Füßen, als er am 29. Juni 1986 den WM-Pokal in die Höhe reckt. „Es ist wie mit den Händen den Himmel zu berühren“, sagte Maradona einmal über diesen Moment.

Maradona machte seine Mannschaften und seine Mitspieler stärker.

Die, die das Glück hatten, ihn spielen zu sehen, sagen, dass es nie wieder einen Spieler wie ihn geben wird. Maradona war Spektakel pur, ein Auserwählter, der Herr über den Ball, ein Zauberer, der Argentinien und der Welt so viele Momente des Glücks und der Schönheit schenkte. Wer erinnert sich nicht an das Solo gegen England 1986. Oder wie Maradona 1989 beim Warmmachen in München den Ball im Takt der Musik tanzen ließ. „Im Laufe der Zeit wird man sagen, dass Maradona für den Fußball das war, was Rimbaud für die Dichtkunst und Mozart für die Musik war“, sagte Eric Cantona einmal über ihn.

Und Maradona verlieh Spielern Klasse, die ohne ihn höchstens gewöhnlich waren. Argentiniens WM-Sieg? Die Triumphe mit Neapel, wo sie ihn vielleicht noch leidenschaftlicher lieben als im Rest der Welt? Ohne Maradona undenkbar. Er war ein begnadeter Solo-Künstler, hatte aber auch den Raum im Blick. Wie bei seinem entscheidenden Pass auf Jorge Burruchaga im WM-Finale 1986.

Längst ist Maradona da schon der Liebling der Nation, ihr Held, ihr Heiligtum. Sie feiern die „Hand Gottes“ für seine Gerissenheit. Doch all der Ruhm, all die Verehrung überfordern den Emporkömmling. „Die Leute müssen verstehen, dass Maradona keine Maschine ist, die dazu da ist, sie glücklich zu machen“, sagte er einmal über sich. Schon in seiner Zeit in Barcelona verfällt Maradona dem Kokain, in Neapel, wo 1984 allein 80.000 Fans zu seiner Vorstellung ins Stadion strömten, gibt es dann Drogen im Überfluss. Er umgibt sich mit Speichelleckern, vertraut den falschen Leuten, die Mafia sonnt sich in seinem Glanz.

<p>Fans gedenken Maradonas in der Nacht zum Donnerstag im argentinischen Kolkata.</p>
Fans gedenken Maradonas in der Nacht zum Donnerstag im argentinischen Kolkata. | Foto: belga

„Man kann von Genies nicht verlangen, wie normale Menschen zu leben.“

Argentinien liebt Maradona auch deshalb so sehr, weil er wie so viele seiner Landsleute Schwierigkeiten hatte, geräuschlos durch das Leben zu gleiten. Aber vielleicht ist es auch so wie Corrado Ferlaino, Maradonas Ex-Klubboss in Neapel, sagte: „Man kann von Genies nicht verlangen, wie normale Menschen zu leben.“

Maradona gab sein Leben dem Fußball, er war der Sinn des Spiels. Doch als er kein Fußballer mehr sein konnte, nahm das Drama seinen Lauf. Noch mehr Alkohol, noch mehr Drogen. Die Bewunderung wich mit der Zeit dem Mitleid. Während Beckenbauer und Pele in schicken Anzügen um die Welt reisten, kämpfte ein kugelrunder Maradona in Ballonseide auf Kuba als Gast von Fidel Castro um sein Leben. Er verkam zu einer Karikatur seiner selbst und schoss schonmal mit einem Luftgewehr auf Journalisten. Aber das wunderte da schon keinen mehr.

Und doch werden von Maradona die anderen Bilder bleiben. Die von seinen Dribblings, Toren, manche reine Magie, von der Liebe der Argentinier, der Verehrung der Neapolitaner. „Mit Maradona ist der Hunger leichter zu ertragen“, stand dort einmal auf einem Fanplakat geschrieben. Einen wie ihn wird es nicht wieder geben. (sid)

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