Die schriftliche Stellungnahme kam spät, und sie klang kleinlaut. Ganz und gar anders als die bunten Botschaften der Tage zuvor, die Novak Djokovic und seine Mitspieler von ihrer rauschenden Tennisparty um die Welt geschickt hatten. Doch der neuen Wirklichkeit kann auch der Branchenprimus aus Serbien nicht entfliehen, auch sein Coronatest fiel positiv aus. Dabei hatte sich Djokovic lange unangreifbar gefühlt.
Am Dienstagnachmittag verbreitete er eine Erkenntnis, die für viele staunende Beobachter der Adria-Tour, deren letzte beiden Stationen in Banja Luka und Sarajevo am Dienstag endgültig abgesagt wurden, wenig Neues beinhaltete.
„Leider ist das Virus noch immer da. Das ist die neue Realität, wir lernen noch, sie zu bewältigen und mit ihr zu leben.“ Djokovic schrieb, ihm tue „jeder einzelne Fall extrem leid“, er hoffe, dass keine Komplikationen auftreten „und alle gesund werden“.
Der 17-malige Grand-Slam-Champion, der bis zum Abbruch der Tour im März kein einziges Match in dieser Saison verloren hatte, ist nach Grigor Dimitrow (Bulgarien), Borna Coric (Kroatien) und Viktor Troicki (Serbien) der vierte Spieler, der sich bei der Tingelei über den Balkan mit dem Coronavirus angesteckt hat. Zudem sind auch seine Frau Jelena, Troickis schwangere Frau Aleksandra und zwei Trainer infiziert. Die Liste könnte leicht länger werden.
In Belgrad und Zadar/Kroatien traten die Hauptdarsteller auf, als mache das Virus an den Landesgrenzen Halt. Beim Fußball, beim Basketball, auf den Rängen oder beim Striptease in einem stickigen Klub: Abstand hielt hier niemand, auch nicht zu den zahlreichen jugendlichen Fans. Das wurde bestens dokumentiert. Als würde Djokovic der Welt beweisen wollen, wie harmlos dieses Virus doch sei - und überhaupt: Wir haben alle Maßgaben der Regierungen befolgt, behauptete der 33-Jährige bei Eurosport.
Seiner Vorbildfunktion nicht mehr ganz so sicher war bereits Alexander Zverev, der nach seiner Rückkehr aus Zadar und einem negativen Test etwas zerknirscht mitteilte: „Ich möchte mich zutiefst bei allen entschuldigen, die ich möglicherweise einem Risiko ausgesetzt habe durch das Spielen dieser Tour.“ Woher diese plötzliche Einsicht kam, nachdem auch Zverev die Nähe unter den hochbezahlten Tennisstars genossen hatte, sagte er nicht.
Womöglich waren es die prominenten Fälle um ihn herum, vielleicht war es auch die Kritik, die auf alle Teilnehmer einprasselte. Doppelspieler Bruno Soares, unter Präsident Djokovic Mitglied im Spielerrat, sprach bei GloboEsporte von einer „Horror-Show“. Der Brasilianer warf der Truppe hochbezahlter Superstars vor, „enorm unverantwortlich und höchst unreif“ gehandelt zu haben. ATP-Präsident Andrea Gaudenzi verglich Djokovic, Zverev und Co. sogar mit sturen Bengeln.
„Es ist ein bisschen so, als würde man seinen Kindern beibringen, immer mit Helm Fahrrad zu fahren. Zuerst sagen sie nein, nein, nein. Erst wenn sie vom Fahrrad fallen, tragen sie den Helm“, sagte der Italiener der New York Times. Doch es ist anders als in diesem Bild: Die Tennisspieler, die Djokovic auf seiner Showreise um sich geschart hatte, pfiffen auf Regeln und Sicherheit, sie gefährdeten damit viele.
Djokovic vermittelte zumindest den Eindruck, als wolle er bewusst ein Gegengewicht zu den strengen Maßnahmen im Großteil der Welt schaffen. „Mit reinem Herzen und aufrichtigen Absichten“ habe er die Adria-Tour organisiert, „um zu verbinden und eine Botschaft der Solidarität und des Mitgefühls in der Region zu verbreiten“.
In Kroatien hinterlässt Djokovic nun zahlreiche Coronafälle und noch mehr Menschen, die in den kommenden Tagen sorgenvoll in Quarantäne ausharren müssen. Seine „philanthropische Idee“ fiel durch den Realitätscheck. Djokovic selbst kündigte an, für 14 Tage in Isolation zu gehen. (sid)

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