Mit der Gießkanne durch die verkehrsberuhigte Stadt

<p>Sie appelliert an die Solidarität, andere prangern den Missbrauch des Begriffs an: Claudia Niessen.</p>
Sie appelliert an die Solidarität, andere prangern den Missbrauch des Begriffs an: Claudia Niessen. | Foto: David Hagemann

Es gärt und entsprechend brodelt es in der Suppe, die sich nach den ersten Wochen der Corona-Lockerungen zusammengebraut hat. In Brüssel – daran hat man sich fast gewöhnt, auch wenn die alleinige Gewöhnung schon wie Mittäterschaft anmutet – geht das Sandkastengeplänkel weiter. Nachdem die Präsidenten der beiden sozialistischen Parteien, Conner Rousseau (SP.A) und Paul Magnette (PS), sich aufgemacht hatten, eine Erweiterung der arg mager aus MR, CD&V und Open VLD besetzten Koalition zu bewerkstelligen, konterte am Mittwoch ebendiese Mehrheit mit einem Gegenvorschlag.

Man wolle, so der mit Bescheidenheit ... bescheiden ausgestattete MR-Vorsitzende Georges-Louis Bouchez, noch vor der „drache nationale“, dem Platzregen vom 21. Juli, eine Koalition bilden. Wahrscheinlich mit der N-VA. Klingt nach „Déjà-vu“. Bei Monopoly hieße das so viel wie: zurück auf das Los-Feld, natürlich ohne die 4.000 Euro. Schließlich sind längst alle Kassen leer.

Alle? In Eupen hatte man offensichtlich noch eine Schatulle versteckt, aus der jetzt drei Millionen Euro freigemacht werden, um dem darbenden Horeca-Sektor unter die Arme zu greifen. Dass der es nötig hat – daran dürften diesseits wie jenseits des Venns keinerlei Zweifel bestehen. Schließlich hat man den nach den klammen Wintermonaten traditionell bedürftigen Gastronomen und Gastwirten mit dem Lockdown und der Echternacher Springprozession bei der Entscheidung zum Neustart den sonnigen Frühling zur Regeneration genommen.

Ob allerdings just die DG – wohlgemerkt erst nach einigen juristischen Klimmzügen – auch noch in diese Bresche springen musste, darf man sich berechtigt fragen. Schließlich werden künftig Millionen im zweistelligen Bereich unter dem DG-Kissen fehlen. Mal ganz abgesehen von der notwendigen Aufwertung der Gehälter im Pflegesektor und geplanten Investitionen in vielen anderen Bereichen. Doch wer möchte schon in diesen ungewöhnlichen Zeiten des billigen Mannas den Sommer ohne Gießkanne in der Hand begrüßen?

In Eupen dürften Wirte und Köche gleich beide Hände aufhalten, wenn Oliver Paasch (ProDG) und Isabelle Weykmans (PFF) in Spendierhosen vorbeikommen – zu Fuß, wohlgemerkt, weil die Stadtmehrheit den Beschluss gefasst hat, die Innenstadt der Oberstadt verkehrszuberuhigen. Angeblich nach Konsultation mit den Geschäftsleuten. Viele davon wollen aber nicht so ganz mitgekriegt haben, welche Straßen und Gassen denn nun wann gesperrt werden sollen. Entsprechend sauer ist man in der Corona-geschädigten Geschäftswelt. Die CSP, die sich ohnehin vom ersten Tag zu Unrecht auf die Oppositionsbank im Rathaus verbannt gefühlt hatte, wittert gar einen Verstoß gegen ein fünf Jahre altes Referendum. Damals hatten die Eupener der verkehrsberuhigten Innenstadt die Rote Karte gezeigt. Die Eupener Bürgermeisterin Claudia Niessen (Ecolo) jedenfalls ist not amused und sieht sich gar als Opfer eines systematischen Boykotts ihrer grünen Pläne.

Die Ruhe, die Goethe in seinem in Bleistift auf einer Holzbaracke hinterlassenen Gedicht besingt, herrscht jedenfalls nur vor den Krankenhäusern des Landes, wo praktisch keine Coronapatienten mehr anstehen.

Kommentare

  • Lieber Redaktion;
    Die Frau Niessen(Unser Bürgermeisterin) spricht da von "SOLIDARITÄT"!!!!!
    Ich vermute mal das unsere Bürgermeisterin nicht genau weis wie viel "Solidarität" wir, das Fußvolk, schon leisten?!?!?!.
    Schaut mal die Energierechnungen bzw. den Solidaritätzuschlag auf Gehalt/Rente/Pension (seit 40 Jahre zahlen wir die schon obwohl war nur für 1 Jahr geplant)...und das sind nur 2 Bsp...
    Lieber Herr Leonard;
    Das Thema des Artikels heißt;
    ..."Mit der Gießkanne durch die verkehrsberuhigte Stadt"... Nur mal so nebenbei!!!
    Auch stehen im Kommentar des Herr Schröders die Spendierfreudigkeít der Ostbelgische Politiker...obwohl die Säckel schon seit Jahren leer sind...
    Auch davon ist in Ihren Kommentar nicht zu finden...
    MfG.

  • „Die Ruhe herrscht ... jedenfalls nur vor den Krankenhäusern des Landes, wo praktisch keine Corona-Patienten mehr anstehen.“

    Welch‘ zynischer Einwurf.

    Noch infizieren sich auch in Belgien täglich Menschen mit Covid19, noch erkranken täglich Menschen daran, noch werden täglich Menschen in Krankenhäuser aufgenommen und noch sterben täglich Menschen an/mit Covid19..

    Im Vergleich zu Schweden hat Belgien und fast alle anderen europäischen Länder allerdings die Pandemie zurückdrängen können.
    In Schweden verzeichnet man - außer an den Wochenenden (!) - weiterhin hohe Zahlen an Neuinfizierten und Opfer.
    „Der etwas andere schwedische Sommer“ ist ein Sommer des fahrlässigen Umgangs mit der Gesundheit der Menschen. Er kostet unnötig vielen Menschen das Leben.

    Weltweit nimmt die Zahl der Infizierten und Todesfälle weiterhin täglich zu.
    Über 140.000 Menschen infizieren sich täglich mit dem Virus. Mehr als 6.500 sterben täglich.

    In einem Kommentar über den Horeca-Sektor und Verkehrsmaßnahmen wirkt dieser abschließende „Geistesblitz“ befremdlich deplatziert.

    Die er rief die Geister, wird er offensichtlich nicht mehr los...

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2 Comments