Die beiden Jungs aus Mons, die zusammen die Formation La Jungle bilden, haben einen neuen Fan hinzugewonnen. „Von denen bin ich begeistert, was einem Pink-Floyd-Fan nicht wirklich schwerfällt, und das, obwohl das Schlagzeug schon eher in Richtung Metal geht. Mag ich aber auch. Geil!“, schreibt Kai-Uwe Harloff aus Lemwerder bei Bremen. Denn so schön ein Live-Konzert im Alten Schlachthof auch ist und so sehr die Fans die Atmosphäre dort vermissen, 1.400 Zuschauer bekommt man dort nicht unter. Und Kai-Uwe Harloff wäre sicher auch nicht die 400 Kilometer von der einen zur anderen Weser gefahren.
Vorbereitet werden muss ein virtuelles Konzert mindestens genauso intensiv wie ein echtes. Eine Stunde vor Start herrscht Konzentration. Techniker wuseln herum und gehen sich sozial-distanziert aus dem Weg. Deren Plätze verteilen sich quer durch das Gebäude. Wo die „Süchtigen“ normalerweise in den Pausen zu ihrem Raucherkäfig eilen, versperrt nun ein Tisch mit diversem elektronischen Gerät, an dem ein Techniker an den letzten Einstellungen sitzt, den Weg. Überall liegen Kabel herum, die Theke, die normalerweise für Nachschub sorgt, ist mehr oder weniger abgebaut.
„Ich habe noch nie in der Garage gesessen“, sagt Tontechniker Marlon Stickelmann. Statt Selbstgekochtem aus dem Bistro gibt es für Musik und Technik Pizza vom Lieferanten. Die Damen und Herren der fotografierten Grabplaketten von Guido Paulussen betrachten von der Wand aus die Moderatoren Julia Slot (BRF) und Markus Hendrich (Radio Contact - Ostbelgien NOW) bei ihren Proben. Die Fotografien der aktuellen Ausstellung hängen noch an der Wand und erinnern an normale Zeiten. Draußen steht Drummer Andy Reinard von Grundrauschen. „Es wird wie bei ‚Wetten dass‘ in den Achtzigern“, hofft er. Es passiert etwas, und alle schauen per Bildschirm zu. Ganz neu ist so ein Konzert für die Aachener Elektroniker nicht, sie haben auch schon Radiokonzerte ohne Zuschauer gespielt.
Nun geht es los. Julia Slot und Markus Hendrich betreten die Bühne, auf der schon Yves Paquet und sein Gitarrist Raf Hendrickx Platz genommen haben. Die beiden machen ruhige, jazzig angehauchte Popmusik – teils gecovert, teils von Paquet selbst komponiert. „The Police ist eine meiner Lieblingsbands“, sagt der Eifeler. Und tatsächlich, Paquet kling wie Sting, aber nicht ohne der „Message in a bottle“ auch ein wenig eigenen Stil zu verpassen. Ausdrucksstark ist ebenfalls „There's a light that never goes out“ der Londoner Band The Smiths. Aber auch an eigenen Stücken wie „Talk about the weather“ merkt man, hier ist ein außergewöhnlicher Singer-Songwriter am Start, der sich Gedanken um seine Umwelt macht und sie in die passende Musik setzt.

Und dann der Dschungel aus Mons! Ja, das ist eine Musik, über die sich kräftig streiten lässt. „Andere meines Alters würden es als Krach bezeichnen, ich bin hin und weg“ schreibt der neugewonnene Fan aus dem hohen Norden, der bald seinen Sechzigsten feiert. Eines ist aber sicher: Roxy von La Jungle ist ein echter Virtuose am Schlagzeug. Es dürfte kaum einen geben, der ein derartiges Tempo vorlegt. Kollege Jim begleitet den Musiker an der Gitarre und an diversen elektronischen Effektmaschinen. La Jungle machen ihrem Namen alle Ehre, es ist richtig laut, aber ausgesprochen virtuos und auch melodisch. BRF-Moderatorin Julia Slot nutzt die Gelegenheit, ein wenig für sich zu tanzen.
Während die beiden Jungs aus Mons mit ihrem letzten Stück den Kühlraum rocken, macht sich Julia Slot bereit, Grundrauschen anzumoderieren. Und schon wieder ein anderes Genre. Nach dem Electro-Metal aus Mons setzt die Aachener Electroband eher auf klassischen Techno, Melodien und tanzbare Rhythmen.
Das Publikum ist angetan von diesem historischen Konzert, als das es Yves Paquet bezeichnet. „War ein Superabend, vielen Dank für diese Aktion“, schreibt Oliver Ligneth-Dahm. „Absolut genial“, meint Kiki Kokotta. „Ach ich vermisse den Schlachtes sehr - toll, dass ihr ein bisschen was davon in mein Wohnzimmer bringt!“, schreibt die Ex-PDG-Abgeordnete Nina Reip, die es nach Frankfurt verschlagen hat.
Organisator Marc Cürtz ist jedenfalls hochzufrieden mit dem Konzert. Klar, man habe Pannen befürchtet, umso zufriedener sei man, dass alles so gut gelaufen sei. Das Programm sei genau das gewesen, was die Konzerte im Alten Schlachthof ausmache, vielseitig und auch ein Stück jenseits des Mainstreams. Jetzt müsse man überlegen, wie es weitergehe. Sicher, es jucke in den Fingern, ein weiteres Konzert zu machen, aber da müsse Chudoscnik Sunergia erst einmal schauen, wie das zu stemmen sei. Geplant ist in jedem Fall ein virtueller Rundgang durch die Fotoausstellung und vielleicht das eine oder andere aus anderen Kunstgenres.
Kai-Uwe Harloff ist bis zum Schluss begeistert von den beiden „Junglisten“ aus Mons. „Ohne diese Aktion hätte ich hier in der Wesermarsch nie von denen gehört“, schreibt er, kauft sich sofort das aktuelle Album der beiden und lädt es herunter.
Wer das Konzert verpasst hat, kein Problem, Technik konserviert: Es ist hier jederzeit zu sehen.

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