Roman „Die wir liebten“: Ein Stimmungsbild der Bonner Republik

<p>Willi Achten lebt in Vaals und Aachen. Seit Anfang der 90er Jahre ist er als Schriftsteller tätig. Sein neuer Roman heißt «Die wir liebten» und ist im Piper Verlag erschienen.</p>
Willi Achten lebt in Vaals und Aachen. Seit Anfang der 90er Jahre ist er als Schriftsteller tätig. Sein neuer Roman heißt «Die wir liebten» und ist im Piper Verlag erschienen. | Foto: Heike Lachmann

Aachen/Niederrhein

So dient das ehemalige Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche in Waldniel-Hostert am Niederrhein als Vorlage für den sogenannten Gnadenhof, ein Heim für schwer erziehbare Kinder, in Achtens Roman. Die Nazis machten im Rahmen ihres Kinder-Euthanasie-Programms aus dem Heim eine „Kinderfachabteilung“, eine Versuchs- und Tötungsanstalt, die einzige im Rheinland. In Waldniel wurden 99 Kinder ermordet, durch bewusste Vernachlässigung, Spritzen und Tabletten. Heute erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer. Diese Gräuel der Nazis spielen im zweiten Teil des Romans eine entscheidende Rolle. Viele Mediziner, die Kinder und Jugendliche unter der NS-Herrschaft in den Tod geschickt hatten, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt in ihrem Beruf weiterarbeiten.

In Erziehungsheimen führten sie bis in die 70er Jahre hinein quälende medizinische Versuchen an Kindern und Jugendlichen durch.

Unter anderem führten sie in Erziehungsheimen bis in die 70er Jahre hinein quälende medizinische Versuchen an Kindern und Jugendlichen durch. Die dunkle Geschichte des Kinderheims in Waldniel hatte Andreas Kinast, ein Sparkassen-Angestellter nach jahrelangen akribischen Forschungen 2011 ans Tageslicht gebracht. Bis dahin war kaum etwas über den Schreckensort bekannt. Kinast veröffentlichte die umfassenden wissenschaftlich fundierten Ergebnisse seiner Spurensuche in dem Buch „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ - Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941-1943. Es erschien als „Rheinprovinz Band 18" in der Schriftenreihe des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), in dessen Besitz sich das ehemalige Kinderheim befindet.

Willi Achten, der nicht weit entfernt, in Mönchengladbach, aufwuchs, las die grauenvollen Geschichten und war elektrisiert. Es reifte die Idee, das Gelesene zur Grundlage eines Romans zu machen. Als dann die Pharmazeutin Sylvia Wagner 2016 in ihrer Doktorarbeit aufdeckte, dass noch bis 1975 in Kinder- und Jugendeinrichtungen (Erziehungsheime und Psychiatrien) medizinische Versuche für die Pharmaindustrie vorgenommen wurden, war für Willi Achten klar, das wird ein zentrales Thema im neuen Roman.

Ganz in der Nähe der ehemaligen „Kinderfachabteilung“ Waldniel, in einem Waisenhaus in Viersen-Süchteln sowie in der dortigen Jugendpsychiatrie des LVR, mussten etwa 30 Kinder unter den Experimenten mit dem Neuroleptikum „Dipiperon“ leiden. Sylvia Wagner fand heraus, dass es sich bei den verantwortlichen Medizinern in „nicht unerheblichem Maße (...) um ehemalig hohe NS-Funktionäre“ gehandelt habe.

Zum Roman von Willi Achten: Es ist 1971: Edgar und Roman erleben ihre Jugend am Niederrhein, in der westdeutschen Provinz. Sie genießen ihre Freizeit, hören Dylan und Cohen, machen erste sexuelle Erfahrungen auf dem nahe gelegenen britischen Militärflughafen, erstreiten sich neue Freiheiten und rebellieren gegen die starren Denkmuster im Dorf. Als ihre Eltern sich trennen, wird das Jugendamt auf die scheinbar unhaltbaren Zustände in der Familie aufmerksam. Schließlich werden Edgar und Roman in ein Heim gebracht, in dem das dunkle Erbe Deutschlands nach wie vor Wirklichkeit ist.

Und sie setzen alles daran wegzukommen, weg von der Unterdrückung durch die Pfleger, weg von den alten Denkmustern und den vorgezeichneten Lebenswegen. Auf einfühlsame und mitreißende Art zeichnet Willi Achten in „Die wir liebten“ ein Stimmungsbild der Bonner Republik. Er erzählt vom flüchtigen Glück der Jugend, vom Aufbegehren gegen die Autoritäten, vom Alltag zwischen Konditorei und Lotto-Annahmestelle. Es ist die Geschichte der ersten Nachkriegsgeneration, der das Schweigen weniger behagt hat als die Konfrontation.

Seine Schilderung des Heimalltages geht unter die Haut, ist schwer zu ertragen. Der „Gnadenhof“ ist schlimmer als ein Gefängnis. Hier herrschen Drill und Demütigung. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten, das Essen ist ungenießbar. Hier wird geprügelt, was das Zeug hält. Wer den Befehlen und Anordnungen des Personals nicht Folge leistet, muss mit Hungerrationen und drakonischen Strafen rechnen, mit Missbrauch und sogar mit Folter. Jeder anständige Charakter wird gebrochen, jeder kindliche Freiheitsdrang und Widerstand brutal im Keim erstickt. Wie in den letzten Romanen von Willi Achten geht es auch in „Die wir liebten“ um menschliche Abgründe, über das Böse, das in uns steckt und uns zu grausamen Tieren macht, fähig zu den unmenschlichsten Gräueltaten, wenn es Gewalt über uns gewinnt.

Willi Achten tauchte

bei seinen Recherchen wieder in die Zeit seiner Jugend ein und beschäftigte sich mit dem Landleben.

Willi Achten stammt selbst aus einem Dorf am Niederrhein. Bei seinen Recherchen für „Die wir liebten“ tauchte er wieder ein in die Zeit seiner Jugend, beschäftigte sich mit dem Leben auf dem Land, der Geschichte der Erziehungsheime in Deutschland und den Anfängen der RAF. Ihm gelingt mit seinem Roman ein liebevolles Geschwister-Porträt und das Soziogramm der deutschen Gesellschaft in den 70er Jahren. Seine Sprache ist einfach, sehr klar und rhythmisch. Die genaue Beobachtung mündet in präzise Beschreibungen. Immer wieder gelingen wunderbare Sprachbilder.

Willi Achten ist Jahrgang 1958 und am Niederrhein aufgewachsen. Er studierte Germanistik und Sonderpädagogik in Bonn und Köln und arbeitet als Lehrer in Aachen. Willi Achten lebt in Vaals und Aachen. Seit Anfang der 90er Jahre ist er als Schriftsteller tätig. Sein letzter vielbeachteter Roman „Nichts bleibt“ erschien 2017 im Pendragon Verlag, Bielefeld. (red)


Willi Achten: Die wir liebten, erschienen im Piper Verlag. 2020; EAN 978-3-492-05994-7

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