Herr Antoniadis, beschäftigen Sie sich zurzeit noch mit etwas anderem als dem Ausbruch des Coronavirus?
Ich habe relativ früh damit angefangen, mich mit der Thematik zu beschäftigen, und zwar unmittelbar nach Karneval, als es die ersten Fälle im Kreis Heinsberg gab. Da war mir klar, dass dieses Virus auch zu uns kommen wird, nach Ostbelgien. Ich habe deshalb relativ schnell die Verwaltung angewiesen, sich darauf vorzubereiten. In den ersten Tagen danach gab es noch relativ viele Termine in anderen Bereichen, aber irgendwann hatte das Coronavirus oberste Priorität. Wir mussten uns komplett umorganisieren und haben andere Termine sukzessive runtergefahren.
Wie haben Sie die letzten Wochen und Tage erlebt?
Ich bin vom vermeintlichen Schreibtischtäter zum Krisenmanager geworden, weil es sehr viele praktische und logistische Fragen zu klären gab. Das hatte es vorher in meiner bisherigen Laufbahn als Minister für Gesundheit und Soziales nicht gegeben. Die ganze Regierung hat den Modus geändert.
Die Schutzmaßnahmen im Kampf gegen das Virus sind jetzt noch einmal verschärft worden. Reicht das aus? Oder bekommen wir eine drastische Ausgangssperre?
Zu Beginn gab es ja bereits Stimmen, die gesagt haben, wir sollten es so wie in China machen und alles abriegeln. Aber das Gesundheitsinstitut Sciensano hat immer deutlich gemacht, dass die Maßnahmen verhältnismäßig sein sollten. Dass China im großen Stil abriegeln kann, liegt auch an den politischen Verhältnissen dort. In einer Demokratie ist das nicht so ohne weiteres möglich – was auch gut so ist. Wir wissen, dass wir mit den Maßnahmen immer nur auf eine Entwicklung reagieren können. Das, was jetzt gemacht worden ist, ist das, was die Wissenschaft uns angeraten hat. Dem sind wir gefolgt. Und wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, müssen wir den nächsten Schritt machen.
Was heißt das denn jetzt? Müssen wir uns kurzfristig auf eine komplette Ausgangssperre gefasst machen?
Ich schließe nicht aus, dass wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen, sollte das bisher Beschlossene zu wenig bringen. Wir reagieren immer auf eine Entwicklung. Im Moment erfolgen die Entscheidungen im Wochentakt, deshalb kann man sich wahrscheinlich für den Beginn der kommenden Woche wieder auf etwas Neues einstellen.
Wovon ist das abhängig?
Von den Kapazitäten, die in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen. Es geht ja darum, Senioren und immunschwache Personen als Risikogruppen zu schützen. Das kann man tun, indem diese zu Hause bleiben. Es geht aber auch darum, dass sich das Virus nicht zu schnell ausbreiten kann, um die Kapazitäten der Krankenhäuser nicht zu überlasten. Ein Großteil der Bevölkerung, man spricht da immer wieder von rund 70 Prozent, wird irgendwann mit dem Virus infiziert. Wichtig ist aber, dass nicht alle gleichzeitig infiziert werden. Das würden unsere Kapazitäten wirklich nicht aushalten.
Wie hoch sind die Kapazitäten in der Deutschsprachigen Gemeinschaft?
Es ist ja schon beschlossen worden, dass die beiden Krankenhäuser in Eupen und St.Vith ebenfalls einen Notfallplan umsetzen. Das heißt, dass nicht dringende und planbare Eingriffe verschoben werden, um Freiräume zu schaffen für Notfälle und Covid-19-Behandlungen. In Eupen stehen 20 Betten in der Intensivstation zur Verfügung, in St.Vith sind es etwa zehn. Wir arbeiten daran, die Kapazität in St.Vith zu erhöhen. In St.Vith ist zurzeit eine Person aufgenommen, die sich mit dem Virus infiziert hat. In Eupen zurzeit niemand.
Hätten Sie gedacht, dass der Ausbruch dieses Virus jemals solche Ausmaße annimmt?
Ich persönlich habe wie gesagt damit gerechnet, dass eine Ausbreitung in Ostbelgien nach dem Fall in Heinsberg möglich ist, aber mit einem solchen Ausmaß hat niemand in Europa gerechnet. Das haben ja auch nicht die Virologen getan, die uns beraten. In einer ersten Phase ist gesagt worden, dass das Virus vor allem von Menschen importiert wird, die aus einem Risikogebiet nach Belgien zurückgekehrt sind. Die Vorgehensweise war: diese Personen und ihr Umfeld isolieren, um das Ganze in den Griff zu bekommen. Dann hat sich aber herausgestellt, dass das Virus auch auf anderen Wegen nach Belgien gelangt ist, sodass dies keinen Sinn mehr machte. Außerdem ist es ja auch nicht immer einfach, das Umfeld einer Person genau auszumachen.
Die Unterbrechung des Schulunterrichtes wird von Virologen kritisch gesehen. Was sagen Sie dazu?
Natürlich ist das Thema Kinder mit sehr vielen Emotionen verbunden. Die Wissenschaft ist sich sicher, dass Kinder sich bei Erwachsenen anstecken, aber nicht umgekehrt. Die Kinder stecken also Erwachsene eher nicht an. Sie treten zu Hause ja auch in Kontakt mit anderen Personen. Es macht wenig Sinn, die Schulen zu schließen, wenn alles andere weiter funktionieren soll. Wir wollen schließlich Lebensmittel im Supermarkt haben. Wir wollen im Krankenhaus versorgt werden. Wir wollen Strom und Wasser haben. Wir wollen am Geldautomaten Geld abheben. Irgendjemand muss arbeiten, damit das und noch viel mehr möglich ist. Deshalb ist es ja auch richtig, dass eine Betreuung in den Schulen garantiert ist.
Sie haben die Entscheidung, die Schulen zu schließen, aber mitgetragen…
…natürlich haben wir das. Weil wir gesagt haben, wir tragen alle Entscheidungen gemeinsam in ganz Belgien.
Das Thema Mundmasken ist in aller Munde. Es fehlten Masken, dann gab es mehrfach Probleme bei verschiedenen Bestellungen.
Wir hatten das Thema seinerzeit im Rahmen einer interministeriellen Konferenz in Brüssel angesprochen. Damals wurde zunächst gesagt, dass der Markt das regeln könnte. Aber der Markt hat es nicht geregelt. Vielmehr ist klar geworden, dass die öffentliche Hand hier aktiv werden muss. Auch für die DG gilt, dass wir uns nicht mehr dem Markt unterwerfen wollen. Wir werden für die Zukunft eine eigene strategische Reserve anlegen, damit es nicht mehr zu Engpässen kommt. Das machen wir, obschon die DG nicht zuständig ist. Damit das Material nicht abläuft, könnten Gesundheitsdienstleister dieses abkaufen. Wir würden die strategische Reserve immer wieder erneuern. Der Markt mit den Mundmasken ist in der gegenwärtigen Form unethisch und funktioniert nicht. Da sind in den letzten Wochen viele abenteuerliche Dinge passiert. Darüber könnte ich einen Krimi schreiben.

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