Kunstgenie Raffael in Rom

<p>Eine Besucherin fotografiert mit ihrem Smartphone das Gemälde „La Fornarina“ (1519/20) beim Medientag der Raffael-Ausstellung im Museum Scuderie del Quirinale. Zum 500. Todestag des Renaissance-Malers werden Gemälde, Zeichnungen und Skizzen in einer bisher einzigartigen Zusammenstellung bis zum bis 2. Juni gezeigt.</p>
Eine Besucherin fotografiert mit ihrem Smartphone das Gemälde „La Fornarina“ (1519/20) beim Medientag der Raffael-Ausstellung im Museum Scuderie del Quirinale. Zum 500. Todestag des Renaissance-Malers werden Gemälde, Zeichnungen und Skizzen in einer bisher einzigartigen Zusammenstellung bis zum bis 2. Juni gezeigt. | Foto: Petra Kaminsky/dpa

Was zählt mehr, der Einzelmensch oder das große Ganze? Der Renaissance-Künstler Raffael verpackte seine Antworten auf solche Fragen in Malerei. Gemälde und Fresken machten ihn schon zu Lebzeiten zum Superstar. Vor 500 Jahren starb Raffaello Sanzio da Urbino, wie er in Italien heißt. Das Museum Scuderie del Quirinale in Rom widmet dem Kunstgenie aus diesem Anlass eine Schau der Superlative. Rund 120 Gemälde und Zeichnungen Raffaels sind dort seit Donnerstag zu sehen.

Noch bevor die Besucher zu anmutigen Raffael-Madonnen und kraftvollen Papstporträts von Leo X. und Julius II. gelangen, erwartet sie eine düstere Sterbebett-Szene: Der französische Historienmaler Pierre-Nolasque Bergeret zeigt auf dem Bild aus dem 19. Jahrhundert, wie gewaltig die Bestürzung in Rom nach dem Tod Raffaels gewesen sein muss. Kirchenobere, Fürsten, reiche Auftraggeber, alle drängen in den Raum.

In der Nacht des 6. April 1520 war der Jungstar plötzlich gestorben. Gerade mal 37 Jahre alt. Von da an rollt die Schau, die insgesamt rund 200 Exponate umfasst, darunter Wandteppiche, Grafiken, Briefe und antike Skulpturen, das Wirken des Hochrenaissance-Meisters rückwärts auf: Erst zeigen die Macher in großer Breite Raffaels Zeit in Rom ab 1508/9 als Star am päpstlichen Hof. Zeitweise war er Baumeister und Gestalter am Petersdom. Er galt zudem als früher „Denkmalschützer“, der antike Schätze Roms vor Verfall und Missachtung bewahren wollte. Davor lag eine Phase in Florenz. Dort schulte der Anfang Zwanzigjährige sein Können durch die Auseinandersetzung mit den Werken Leonardo da Vincis (1452-1519), der deutlich älter war, und Michelangelos (1475-1564). Auch aus der Florentiner Periode hat die Ausstellung einiges zu bieten, so das jungenhaft schöne Selbstporträt von 1506-1508. Der Maler blickt den Betrachter mit sanften Augen an. Es hängt am Schluss. Noch davor liegen die frühen Lehrjahre in Umbrien und seine Kindheit in den Marken. Dort wurde Raffael 1483 in Urbino als Künstlersohn geboren. Biografen berichten, dass sein Vater das Talent früh erkannte und Raffael nach dessen Tod als Teenager die väterliche Werkstatt weiterführte. „Es geht ihm darum, den menschlichen Charakter, die Seele zum Ausdruck zu bringen“, beschreibt Eike Schmidt, der deutsche Direktor der Uffizien in Florenz, die Strahlkraft Raffaels. Sein Museum lieh an die Scuderie viele Meisterwerke aus. Darunter ist das restaurierte Porträt von Papst Leo X., das Schmidts Team eigentlich gar nicht auf die Reise schicken wollte, weil es zu wertvoll ist. Also nimmt er am Presserundgang teil. Auch viele andere, etwa der Louvre in Paris, die Albertina in Wien, das British Museum in London, die National Gallery of Art in Washington und deutsche Häuser schickten Exponate.

Schmidt findet, dass Raffael bis heute in vieler Hinsicht spannend sei. Er habe den Künstlern seiner Werkstatt die Freiheit des eigenen Stils gelassen - fast wie bei „Start-up-Unternehmen“, sagt er.

Raffael als Schönling abzutun, der einfach nur absolut schöne Kunst geschaffen habe, sei ein Missverständnis, betonen auch andere. „Es gibt eine enorme Entwicklung in seinem Werk von den Anfängen in Umbrien, die anmutig, zart und höfisch kultiviert waren, bis zu seiner römischen Zeit. Da war seine Kunst viel bewegter, dramatischer, rhetorischer, erzählender“, sagt der Kunsthistoriker Professor Michael Rohlmann. „Er kann eine große Gruppe mit vielen Figuren so gestalten, dass das Ganze eine höhere Ordnung hat, die es zusammenhält. Und dabei gesteht er jeder einzelnen Figur ein größtes Maß an Freiheit und Entwicklung zu“, erläutert Rohlmann. Diese Idee des Ausgleichs, so sagt der Wissenschaftler, habe Raffael in den Alltag übertragen: „Er gilt ja auch in seinem Sozialverhalten als Mann, dem es gelingt, Konflikte zu schlichten und viele für sich einzunehmen.“

Beim späten Raffael kam pralle Lebenslust dazu.

Der Kunstexperte Valerio Vernesi, der in Rom in der Villa Farnesina Führungen zu Raffael macht, sagt: „Wie sich die wunderbaren und starken Einzelteile eines Werkes in Harmonie zu einem großen Ganzen fügen, das ist das Besondere, die absolute Schönheit.“ Göttlich, eben. Beim späten Raffael kam pralle Lebenslust dazu, wie nicht nur das weltbekannte Porträt der halbnackten „La Fornarina“ (1519/20) zeigt. Es soll eine Geliebte wiedergeben. In der Schau lässt sich Raffaels Denken und Arbeiten gut durch den Vergleich der Skizzen mit den Gemälden nachvollziehen. Die Vorarbeiten verdeutlichen, dass er die Körper naturwissenschaftlich studierte. Dann veränderte er die Darstellungen so, dass sie seinem an der Antike geschulten Idealbild näher kamen.

Auch mit Blick auf seinen frühen Tod sieht Uffizien-Direktor Eike Schmidt Bezüge zum Heute: Raffael soll nach Tagen des Fiebers an einer Infektion gestorben sein. Das Museum Scuderie del Quirinale kündigte zum Start an, dass in Zeiten der Coronavirus-Vorsorge Gedränge vermieden werden solle. Deshalb dürfe immer nur eine begrenzte Gästezahl in die Schau, die bis 2. Juni läuft. (dpa)

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