Mut ist wie Veränderung, nur früher

Der Vorschlag von Isabelle Weykmans besagt das Offensichtliche: Ist der getrennte Religionsunterricht, wie er heute stattfindet, noch zeitgemäß? Sollte er nicht durch einen gemeinsamen überkonfessionellen Werte- und Bürgerkundeunterricht ersetzt werden? Die ProDG sagt, wir müssen mehr für die bürgerkundliche Bildung unserer Kinder machen. Die ProDG sagt, wir müssen über die Modernisierung und Öffnung der Religionsunterrichte diskutieren. Die ProDG sagt, es gibt ein Problem mit der Organisierbarkeit der Religionsunterrichte in den Schulen. Aber trotzdem hält die ProDG am alten Konzept fest, weil, man darf ja nicht und man soll ja nicht und man kann ja nicht. Dabei antwortet sie nicht auf den wichtigsten Einwand des Vorschlags der PFF: Warum müssen wir die Kinder nach Religionen trennen?

Was ist der Mehrwert eines Unterrichts, wenn er konfessionelle Unterschiede strukturell schon so manifestiert, dass danach durch Maßnahmen der interkonfessionelle Dialog gefördert werden muss? Lassen wir die Kinder doch alle zusammen lernen, diskutieren, hinterfragen – gemeinsam, vereinigt, gleichzeitig!

Also liebe Kollegen der ProDG, Mut ist wie Veränderung, nur früher! Aber Sie wissen, dass die Verfassung und ebenfalls Gesetze auch wie der Schulpakt sich den neuen Entwicklungen anpassen können bzw. müssen? Wussten Sie, dass das „Luxemburger Modell“ schon europaweit als vorbildlich gilt? Und dass, wenn alle beteiligten Akteure sich auf ein Ostbelgien Modell einigen würden, wir unseren Kindern einen gemeinsamen überkonfessionellen Werte- und Bürgerkundeunterricht anbieten könnten?

Wie auch immer – gut, dass endlich darüber diskutiert wird, denn nur so kann Veränderung kommen!

Kommentare

  • Liebe Wahlverlierer von der PFF
    Wenn alle Eltern ihrer Meinung wären,würden alle Kinder am Moralunterricht teilnehmen .Sie möchten lieber alle Kinder zwingen auf ihren Religionsunterricht zu verzichten!!
    Glauben Sie wirklich durch solche Auftritte in der Öffentlichkeit mehr Wählerstimmen zu bekommen? Wenn ja tut ihr mir leid! !!

  • Niemand zwingt irgendwen zu irgendwas Herr Graeven. Frau Weykmans hat eine längst überfällige Debatte angestoßen, die den Nerv der Zeit trifft. Leid tun können uns eigentlich nur die, die nicht konsruktiv dazu beitragen möchten, unsere Gesellschaft, in der sie leben und die sie ausmachen, zum Besseren zu verändern.

  • Nachdem alle Parteien - außer die PFF - sich um die Beantwortung der Frage gedrückt haben, ist es gut, sie noch einmal in Erinnerung zu rufen, Herr Freches.

    Wenn man einmal von vorgeschobenen Verfassungshürden absieht, was ist gesellschaftlich und pädagogisch falsch an dem Vorschlag, dass sich Kinder in einem gemeinsamen, konfessionsübergreifenden Religionskunde-, Ethik- und Philosophieunterricht (so meine Definition) mit weltanschaulichen und Wertefragen beschäftigen? Oder geht es nicht genau darum?

    Warum muss dies weiterhin nach Konfessionen getrennt geschehen, wenn die Kultusträger doch vorgeben, keine eigenen Interessen in dem von ihnen angebotenen Bekenntnisunterricht zu verfolgen und es doch um “kritische Sprachfähigkeit, Mündigkeit und Freiheit im Denken” geht?

    Die mir bekannten Verlautbarungen der übrigen Parteien in der DG lassen den Mut vermissen, sich ehrlich, unideologisch, aus pädagogischer Sicht und gemessen an den gesellschaftlichen Realitäten, mit dieser Frage zu beschäftigen.

    Diskutiert wurde in Wirklichkeit nicht, da man sich hinter der zumindest in diesem Punkt längst überholten Verfassung oder gar der absurden Aussage versteckt, die DG sei für die Beantwortung der Frage nicht zuständig.
    Niemand anderes als die DG und die hier agierenden Parteien sind für die Beantwortung dieser Frage zuständig. Und treffend bemerkt, Herr Freches, wenn alle beteiligten Akteure (Gemeinschaft, Kultusträger und Parteien) einer überfälligen Reform zustimmen würden, ließe sich dies selbst ohne Verfassungsänderung umsetzen.

    Wenn man der PFF vorwirft, diesen Vorschlag aus Profilierungsgründen unterbreitet zu haben, müssen sich alle anderen den Vorwurf gefallen lassen, aus wahl- bzw. machtstrategischem Opportunismus, eine Beantwortung der gestellten Frage zu verweigern.

    Schade um die verpasste Gelegenheit.

  • Das sehe ich eben anders Herr Hetzel. Sind Eltern nicht mündige Bürger die für ihre Kinder entscheiden können was das beste für sie ist. Es kann ja auch mal gut sein was sich seid Jahren bewährt oder? Wenn ich so einge Kommentare hier lese sollen wir Christen unseren Glauben nur noch zu Hause im stillen Kämmerlein leben.

  • Um die Diskussion mal etwas vom ideologischen Kopf auf die juristischen Füße zu stellen, hier einige Anmerkungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Richtigkeit:
    Was kann, was darf die DG-Regierung unter den gegebenen Umständen tun?

    1. Auf den Religionsunterricht im freien Unterrichtswesen hat sie keinerlei Einfluss. Punkt.

    2. Bleibt der „offizielle“ Unterricht.

    3. Laut Verfassung ist sie verpflichtet, dort einen Unterricht in folgenden anerkannten Religionen anbieten: Katholizismus, Protestantismus, Anglikanismus, Orthodoxie, Judaismus, Islam. Zusätzlich muss sie einen Unterricht in konfessionsloser Morallehre anbieten.

    4. Diese Verpflichtung war Frau Weykmans anscheinend nicht bekannt, oder dachte sie, sich mit leichter Hand darüber hinwegsetzen zu können?

    5. Die alles unter der Bedingung, dass eine entsprechende Nachfrage von Seiten der Eltern besteht. Für Anglikanismus wird in der DG wohl kaum Bedarf bestehen.

    6. Nun steht nirgendwo in der Verfassung oder dem Schulpaktgesetz, dass dieser Unterricht zwei Wochenstunden umfassen muss.

    7. Sich darauf basierend, hat die Französische Gemeinschaft eine Wochenstunde sowohl vom Religions- als auch vom Moralunterricht durch einen für alle verpflichtenden Unterricht in Philosophie und Bürgerkunde („Cours d’éducation à la philosophie et à la citoyenneté (CPC)“) ersetzt.

    8. Nun hat der Verfassungsgerichtshof nach der Klage von Eltern festgestellt, dass der Moralunterricht eben nicht „neutral“ sei und hat verfügt, dass die Eltern ihre Kinder sowohl vom Religions- als auch vom Moralunterricht dispensieren lassen können. Dann gibt es für sie eine zweite Stunde CPC.

    9. Eine solche Lösung für das von ihr organisierte Unterrichtswesen könnte die DG-Regierung durchaus auch einführen, wenn die nötige parlamentarische Mehrheit sich dafür aussprechen würde.

    10. Demokratisch wäre es, der Bevölkerung explizit das letzte Wort in dieser Frage zu überlassen.

    11. Es steht jeder Partei frei, ihre entsprechenden Ziele zu veröffentlichen, diese bei den nächsten Wahlen an vorderster Stelle in ihr Programm aufzunehmen und um Zustimmung beim Wähler zu werben.

    13. Zahlenmaterial gibt es hier: http://www.ostbelgienstatistik.be/PortalData/22/Resources/downloads/Schu...

  • Hoppla Herr Hetzel wenn ich sie richtig verstehe sind alle Gläubige unmündige Bürger da erübrigt sich für mich jede weitere Diskussion.

  • Herr Graeven, Eltern sind im Prinzip die beste Instanz, aber nicht sonderlich mündig, wenn sie sich vorschreiben lassen, wie und nach welchen unanfechtbaren Dogmen sie ihre Kinder zu erziehen haben - so übertragen sie nur die eigene Unmündigkeit.

    Niemand kann dazu zwingen, auf Religionsunterricht zu verzichten, er ist in der Verfassung verankert - und gerade da liegt des Pudels' Kern: solange Belgien als Ex-CVP-Staat im Griff der christlich-konservativen Glaubenshüter steht, wird sich leider ¨für progressiv Denkende, der Aufklärung zuwgeandte und fortschrittlich denkende Menschen, nichts ändern. Aus dem gleichen Grund steuert Europa auf seine Bedeutungslosigkeit zu: die christlich-konservativen Parteien (allen voran Noch-Stabilitätspol CDU in Deutschland) sind eher an Machterhalt als an Zukunftsvision interessiert.

    Religion ist ein Auslaufmodell.

  • Hoppla, da haben Sie richtig gelesen Herr Graeven. Ist man mündig, wenn man sich kirchlichen Dogmen unterwirft? Ich denke nicht.

  • Herr Hezel, könnte es nicht sein, dass Sie sich da dann doch etwas verrennen, wenn Sie den Eltern in der DG global die Mündigkeit absprechen, wenn es um die (religiöse) Erziehung ihrer Kinder geht? Was wollen Sie tun? Die freie Entscheidung der Eltern ersetzen durch eine Art Vormundschaft in Sachen „Glauben“ (sei es an einen Gott oder daran, dass es keinen gibt), denn Unmündige erhalten doch einen solchen Vormund?

    Wenn Sie sich die von mir weiter unten angeführte Statistik in Sachen Religions- bzw. Moralunterricht in der DG ansehen, so werden Sie feststellen
    - dass Im Grundschulwesen 89 % der Schüler einen Religionsunterricht besuchen und nur 11 % den Moralunterricht.
    - dass es im Sekundarschulwesen noch immer 88% gegen 12 % steht.

    Nun werden diese Zahlen nicht weiter aufgeschlüsselt. Man kann aber davon ausgehen, dass selbst im „neutralen“ Unterrichtswesen die große Mehrheit der Schüler dem Religionsunterricht folgt, obwohl dort die Eltern seit jeher die Möglichkeit hatten, ihr Kind für den Moralunterricht einzuschreiben.

    Wenn Sie schreiben: „als Ex-CVP-Staat im Griff der christlich-konservativen Glaubenshüter steht“, so hängen Sie einem alten Feindbild nach, dass früher mal von Roten (PS) und Blauen (Liberale, ULB) unter dem Kampfbegriff „A bas les calotins“ in Mode war, inzwischen aber längst Geschichte ist.
    Wo ist der der bestimmende Einfluss der „calotins“ bei der Gesetzgebung über Ehe für alle, Abtreibung, Euthanasie?

    Die christliche Glaubenslehre ist in der Praxis inzwischen so weichgespült seit den Zeiten der Pillenenzyklika von Paul VI., dass nur mehr vage Reste einer früher in der Tat absolutistischen Indoktrinierung übriggeblieben sind.
    Schauen Sie sich mal den Beichtspiegel für Kinder im alten „Oremus“ an und fragen Sie heutige Schulkinder, wann sie das letzte Mal zur Beichte waren. Die werden sie verständnislos angucken.

    Wenn der Wunsch der Bevölkerung nach Änderung des jetzigen Systems wirklich so drängend ist, dann sollten die Parteien die von mir in Punkt 11 unten angesprochene Prozedur anwenden. Bekäme deswegen die PFF die absolute Mehrheit, dann könnte sie, ganz demokratisch legitimiert, das Schulsystem so wie in der Wallonie und in Brüssel verändern.

    Eine Anpassung von Artikel 24 zwecks der geforderten kompletten Streichung des Religionsunterrichtes wäre nur mit Zustimmung Flanders zu erreichen. Frau Weykmans kann da ja schon mal Klinken putzen, damit dieser Artikel bei der nächsten Prozedur zur Verfassungsreform berücksichtigt wird…

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