Reisekonzern Thomas Cook beantragt Insolvenz - In Belgien erstmal weiterhin operativ

<p>Der britische Reisekonzern Thomas Cook ist pleite.</p>
Der britische Reisekonzern Thomas Cook ist pleite. | Foto: dpa

Die Bemühungen um Rettung des angeschlagenen britischen Touristikkonzerns Thomas Cook sind gescheitert. Ein entsprechender Insolvenzantrag vor Gericht sei bereits gestellt worden, teilte der zweitgrößte Reisekonzern Europas am Montagmorgen auf seiner Website mit. Der Flugbetrieb wurde in Großbritannien mit sofortiger Wirkung eingestellt, teilte die britische Luftfahrtbehörde CAA am Morgen mit. Konzernchef Peter Fankhauser bedauerte das Scheitern der Gespräche und sprach in der Erklärung von einem „tief traurigen Tag“ für den Konzern. Noch bis Sonntagabend war mit Investoren über eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 200 Millionen Pfund (226 Mio Euro) verhandelt worden. Der Konzern hat knapp 21.000 Mitarbeiter weltweit.

Der Konkurs des ältesten Reiseveranstalters der Welt hat für Kunden auf der ganzen Welt Folgen. Sie müssen nun mit anderen Fluggesellschaften nach Hause gebracht werden. Unter den rund 600.000 betroffenen Menschen befinden sich auch 10.000 Belgier. Die Insolvenz bedeutet auch, dass 600 Menschen in Belgien arbeitslos werden könnten. Die Verbraucherschutzorganisation Test-Achats erinnerte am Wochenende an die Rechte, die die Kunden von Thomas Cook haben. So seien Insolvenzversicherungen für Reiseveranstalter seit 2017 Pflicht.

Die Aktivitäten von Thomas Cook in Belgien seien jedoch vorerst noch in Betrieb, sagte eine Sprecherin des Reiseveranstalters am Montag. Die belgische Tochtergesellschaft versucht, die Folgen des Konkurses der Gruppe zu begrenzen, sagte die Sprecherin Leen Segers. „Zwei Flüge sind heute Morgen noch gestartet.“ Der Reiseveranstalter akzeptiert bis auf weiteres keine neuen Kunden, fügte die Sprecherin hinzu. Es ist nicht mehr möglich, Reservierungen auf der Website vorzunehmen. Die belgische Tochtergesellschaft „prüft derzeit mögliche Optionen, um die Auswirkungen des Konkurses der Thomas Cook Group Plc auf ihre Kunden und Mitarbeiter zu begrenzen“, so die Pressesprecherin.

Am Montag um 9 Uhr hatte der Betriebsrat im Hauptsitz von Thomas Cook Belgien in Gent einen Betriebsrat gehalten. Die dort anwesenden Gewerkschaften bestätigten danach, dass das Unternehmen weiterhin operationsfähig bleibe. „Das Management kündigte an, dass es alles in seiner Macht Stehende tun werde, um Lösungen zu finden und den Schaden so weit wie möglich zu begrenzen. Thomas Cook Belgien wird weiterhin in Betrieb bleiben“, sagte Patrick Van Holderbeke von der Gewerkschaft ACV Pulse. „Die Ankündigung des Konkurses ist nicht überraschend, aber es bleibt ein Schock für das Personal“, sagte Katrien Degryse von der Gewerkschaft SETCa. Thomas Cook hab in den letzten Jahren viele Umstrukturierungen in Belgien durchgeführt.

„Es ist eine Tragödie für den Sektor und die belgische Reiseindustrie“.

Der Reisegarantiefonds, der in Belgien im Falle einer Annullierung oder Unterbrechung einer Reise nach der Insolvenz eines Reiseveranstalters tätig wird, verfügt über ausreichende Mittel, um die Rückerstattung von Reisenden zu gewährleisten, wenn der Reiseveranstalter Thomas Cook ebenfalls in Belgien in Konkurs gehen sollte, so der Generaldirektor Mark De Vriendt am Montagmorgen. Der Reiseveranstalter weist darauf hin, dass der Konzern seine Aktivitäten wie geplant fortsetzt, aber keine neuen Buchungen akzeptiert. „Es ist eine Tragödie für den Sektor und die belgische Reiseindustrie. Es ist beispiellos“, ergänzt Mark De Vriendt.

Der deutsche Ferienflieger Condor, ein Tochterunternehmen, versicherte kurz nach Bekanntwerden der Insolvenzpläne, dass der Flugbetrieb weitergehe. „Condor Flüge werden weiterhin durchgeführt, obwohl die Muttergesellschaft Thomas Cook Group plc Insolvenz eingereicht hat“, heißt es in einer Mitteilung vom frühen Montagmorgen. „Um Liquiditätsengpässe bei Condor zu verhindern, wurde ein staatlich verbürgter Überbrückungskredit beantragt. Dieser wird derzeit von der Bundesregierung geprüft“, heißt es.

Die deutschen Veranstaltertöchter, zu denen Marken wie Neckermann Reisen, Bucher Last Minute, Öger Tours, Air Marin und Thomas Cook Signature gehören, haben den Verkauf von Reisen nach eigenen Angaben komplett gestoppt. Man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden, teilte Thomas Cook GmbH am Morgen in Oberursel bei Frankfurt mit. „Das Unternehmen lotet derzeit letzte Optionen aus“, hieß es weiter. Sollten diese Optionen scheitern, sehe sich die Geschäftsführung gezwungen, auch für die Thomas Cook GmbH und weitere Gesellschaften Insolvenz zu beantragen.

Der britische Außenminister Dominic Raab hatte bereits am Sonntag besorgten Urlaubern die Unterstützung der Regierung in London zugesagt. Die Regierung sei bereit, Urlauber nach Hause zu holen.

Die Luftfahrtbehörde CAA hatte für den Notfall bereits am Sonntag zahlreiche Flugzeuge bereitgestellt. Damit laufe die „größte Rückholaktion in Friedenszeiten“ an, um rund 150.000 Urlauber aus verschiedenen Ländern nach Hause zu holen. Die Rückholaktion trägt nach BBC-Angaben den Codenamen „Matterhorn“. In der Nacht seien bereits die ersten Flugzeuge zu verschiedenen Zielen gestartet, um britische Urlauber nach Hause zu holen, hieß es bei CAA. Für Urlauber im Ausland wurde die Website thomascook.caa.co.uk geschaltet.

Am Wochenende hatte Thomas Cook noch via Twitter mehrfach Kunden zu beschwichtigen versucht, die sich wegen Medienberichten über die Finanzierungsprobleme des Konzerns Sorgen um ihre Buchungen machen. „Alle unsere Urlaube finden normal statt“, schrieb das Unternehmen via Twitter.

Thomas Cook verhandelte zuletzt mit Investoren über weiteres Kapital in Höhe von rund 200 Millionen Pfund für seine Sanierungspläne. Diese kämen zu einem bereits ausgehandelten 900 Millionen Euro schweren Rettungspaket hinzu. Thomas Cook verhandelte zum einen mit dem chinesischen Mischkonzern Fosun, der den Tui-Konkurrenten übernehmen wollte, aber auch mit Banken und Anleihegläubigern.

Thomas Cook war in den vergangenen Jahren immer wieder in Schieflage geraten. Bereits im Jahr 2012 retteten mehrere Banken den Konzern nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme mit frischem Geld vor dem Untergang. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Der jüngste Preiskampf im Reise- und Fluggeschäft kam erschwerend hinzu, ebenso anhaltende Unsicherheit rund um den Brexit, die die Urlaubsfreude der britischen Kundschaft dämpft.

Um dringend benötigtes Geld zu bekommen, hatte der Konzern im Februar sogar seine Fluggesellschaften samt Condor zum Verkauf gestellt. Im Juli blies er das Vorhaben wieder ab und präsentierte stattdessen einen umfangreichen Rettungsplan mit Investoren – der nun scheiterte.

Das Sommerhalbjahr bis Ende September werde deutlich schwächer als 2018, hatte Konzernchef Fankhauser Mitte Juli erklärt – und die Vorlage der Quartalszahlen abgeblasen. Dass es noch immer keine Klarheit über den Brexit gibt, dürfte die Lage noch verschärft haben.

Der Konkurs ist nach Ansicht des Präsidenten der Tourismusagentur auf Kreta eine Katastrophe für den Tourismus in Griechenland. Thomas Cook hat auf der Insel Verträge mit 70 Prozent der Hotels und bringt jährlich 400.000 Reisende dorthin. Etwa 20.000 Kunden sind derzeit auf Griechenland. „Es ist ein Erdbeben der Stärke 7, und der Tsunami kommt“, sagte Michalis Vlatakis. (belga/dpa/red)

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