Roger Christmann über den Aufstieg von Union Berlin: „Etablieren sollte der Anspruch sein“

<p>Den Moment einfangen: Roger Christmann (ganz rechts) feierte noch lange mit seinen „Union-Kumpels“ den historischen Aufstieg.</p>
Den Moment einfangen: Roger Christmann (ganz rechts) feierte noch lange mit seinen „Union-Kumpels“ den historischen Aufstieg. | Fotos: privat

Roger Christmann ist 47 Jahre alt und ist vor acht Jahren berufsbedingt nach Berlin gezogen. Seit 2012 arbeitet der Vater zweier Mädchen (sechs und drei Jahre alt) selbstständig als Berater für Kulturprojekte. Der Union-Virus hat ihn bereits kurz nach seinem Umzug gepackt – gleich, nachdem er zum ersten Mal im Stadion an der Alten Försterei war. Mittlerweile hat sich seine Stimme von den anstrengenden 90 Minuten plus Nachspielzeit erholt, doch die Szenen danach kommen ihm immer noch wie in einem Traum vor.


Roger Christmann, haben Sie bereits realisiert, dass Sie Fan eines Bundesligisten sind?


Ehrlich gesagt noch nicht so ganz. Beim Abpfiff war die Gefühlslage eine Mischung aus Erleichterung, Enthusiasmus und totaler Ungläubigkeit. Das ist immer noch nicht abgeklungen, und das wird wohl noch eine Zeit dauern.


Es blieb ja bis ganz zum Schluss dramatisch, da ein einziges Stuttgarter Tor den Berliner Traum zerstört hätte. Beschreiben Sie doch mal, wie Sie die Szenen nach Abpfiff erlebt haben.


Das war wirklich wahnsinnig spannend und nervenaufreibend. Als dann auch noch fünf Minuten Nachspielzeit angzeigt wurden, dachte man, das würde nie enden. Ein langer Stuttgarter Ball in den Strafraum folgte dem nächsten. Als dann endlich Schluss war, sind quasi alle übereinander hergefallen. Es war ein einziger riesiger Jubel auf den Rängen und auf dem Platz.


Gefühlt feierte das halbe Stadion kurz darauf auf dem Platz. Sie auch?


Nein, wir sind auf dem Rang geblieben und haben uns das von oben aus angeschaut. Es sah großartig aus, was auf dem Platz für ein Gewusel herrschte. Am besten gefiel mir aber, dass es trotz des Durcheinanders friedlich geblieben ist, und sehr viele Kinder dabei standen. Es war eine ausgelassene, aber sehr friedliche Stimmung.


Am Mittwochnachmittag fuhren die Spieler mit dem Union-Schiff „Viktoria“ über die Spree, um anschließend im Stadion weiter zu feiern. Wie kann man sich aktuell die Stimmung in Köpenick vorstellen?


Da war am Mittwoch noch einmal Ausnahmezustand. In Köpenick merkt man das alles sehr gut, das sieht man immer wieder auf Bildern. Im Berliner Zentrum ist das etwas weniger sichtbar. Schön war allerdings, dass mir am Montag auf dem Weg zum Stadion drei, vier Leute viel Glück gewünscht haben, was sonst eigentlich nicht passiert. Es ist für die Stadt auf jeden Fall ein Thema, dass es nun zwei Bundesligisten gibt.


Haben Sie denn seitdem schon einen Herthaner getroffen?


Nein, ich kenne ja keine Herthaner (lacht). Man liest aber in vielen Reaktionen, dass sie sich auf die Derbys freuen. Da ist ein großer Enthusiasmus zu spüren.


Die Derbys gegen Hertha BSC Berlin sind ein gutes Stichwort: Zwar kommen demnächst Bayern, Dortmund oder Schalke in die Alte Försterei, doch im Mittelpunkt scheinen hauptsächlich die Spiele gegen den Stadtrivalen zu stehen?


Das wird großartig. Ich habe vor acht Jahren das Derby in der 2. Bundesliga mitbekommen, was toll war. Aber das Ganze in der 1. Bundesliga ist eine andere Nummer. Das wird für diese Stadt sehr spannend sein.


Wie wird man eigentlich als Eupener Fan von Union Berlin?


Der Anfang unserer Hymne lautet: „Wir aus dem Osten gehen immer nach vorn“, das spricht einen Ostbelgier natürlich direkt an. Ein halbes Jahr, nachdem ich hierher gezogen bin, habe ich Karten geschenkt bekommen. Der erste Besuch war beeindruckend. Es ist hauptsächlich ein Stehplatzstadion mit unglaublicher Stimmung – so wie Fußball in den Achtzigern. Seitdem bin ich regelmäßig hingefahren, habe auf dem Weg dorthin andere Fans kennengelernt, und mittlerweile sind wir eine Gruppe von 15 Leuten. Es ist halt wirklich ein Stück Berlin-Verbundenheit, man erlebt die Stadt aus einem Ostberliner Blickwinkel. Das Gemeinschaftsgefühl ist sehr stark.

Union Berlin in der Bundesliga: „Man sollte diese Liga ambitioniert angehen, gleichzeitig aber die Seele des Klubs nicht verkaufen.“


In einem TV-Interview fragte ein Fan am Montag ironisch: „Was macht man eigentlich in der 1. Bundesliga?“ Beantworten Sie die Frage doch mal, welche Rolle kann Union Berlin spielen?


Schwierig zu sagen. Unser Präsident Dirk Zingler hat vor Jahren mal gesagt, wir würden dann einfach ein Jahr Urlaub machen. Ich glaube allerdings, dass es schon der Anspruch sein sollte, sich zu etablieren. Es gibt ja einige Beispiele von Klubs, von denen man gedacht hat, sie wären schnell wieder weg, die allerdings mittlerweile zum Inventar gehören. Ich denke da an Mainz, Freiburg oder Augsburg. Man sollte diese Liga ambitioniert angehen, gleichzeitig aber die Seele des Klubs nicht verkaufen. Das wird aber meiner Meinung nach sowieso nicht passieren, da die Leitung zu sehr mit dem Vereinscharakter verbunden ist. Wenn es nun nächstes Jahr wieder runter geht, dann ist das eben so. Das wäre nicht dramatisch.


Das Spiel von Union Berlin besteht zu großen Teilen aus Kampf und Leidenschaft. Kann man damit die Klasse halten?


Im Relegationshinspiel in Stuttgart und in Dortmund im DFB Pokal haben wir zeimlich gut mitgespielt. Gegen Köln haben wir nicht verloren. Das ist im Rückspiel etwas untergegangen, was wahrscheinlich an der Gesamtsituation lag. Natürlich wird die Mannschaft verstärkt werden müssen. Aber klar ist auch, dass Union Bayern oder Dortmund nicht spielerisch vom Platz fegen, sondern kämpferisch dagegenhalten wird. So kann man die Großen vielleicht ärgern, und dann gegen die Kleineren Punkte holen.


Wie bewerten Sie den aktuellen Kader?


Dieses Jahr sind unglaublich viele Spieler hinzugekommen. Im Rückspiel standen zum Beispiel neun Mann auf dem Platz, die erst seit Sommer dazugehören. Einige unter ihnen sind richtig wichtig geworden: Manuel Schmiedebach, Torwart Rafal Gikiewicz, oder auch Grischa Pröml, der zwar schon seit zwei Jahren dabei ist, sich aber großartig entwickelt hat. Ich hoffe, dass sie bei uns bleiben. Und ansonsten habe ich großes Vertrauen in unseren Kaderplaner.

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