Wichtigster Ansprechpartner ist Thomas Philipp Reiter, der im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und politische Kommunikation auf bundespolitischer und europäischer Ebene in den vergangenen Jahren viel Erfahrung sammeln konnte. Reiter ist Repräsentant des deutschen Mutterhauses Insa („Institut für neue soziale Antworten“) in Brüssel. Bei Insa Belux handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt zwischen dem GrenzEcho, Insa und der Ernst Seemann GmbH. Sitz von Insa Belux ist Malscheid (Gemeinde Burg-Reuland), nur einen Steinwurf von der luxemburgischen Grenze entfernt. Wir sprachen mit Thomas Philipp Reiter über die Initiative und was daraus entstehen soll.
Herr Reiter, wie ist die jetzige Initiative zustande gekommen?
Um diese Frage zu beantworten, muss ich auf die großen Umfragen verweisen, die von belgischen Zeitungen regelmäßig in Auftrag gegeben werden. Beispielsweise gibt es das „große Barometer“, aus dem dann hervorgehen soll, was die Belgierinnen und Belgier über die amtierende Föderalregierung denken, wie es um die Popularität der Politiker steht und wie die Parteien abschneiden würden, wenn am Sonntag Wahlen wären. Dabei treibt mich vor allem um, dass Ostbelgierinnen und Ostbelgier bei diesen Umfragen praktisch nicht stattfinden.
Und das soll sich jetzt ändern?
Ja, das wollen wir gemeinsam mit dem GrenzEcho ändern. Es wäre doch mal spannend zu erfahren, ob die deutschsprachigen Belgier zum Beispiel Premierminister Alexander De Croo kennen und falls ja, was sie von ihm halten. Und was ist eigentlich mit anderen Politikern der Föderalregierung oder mit den Ministerpräsidenten der anderen Teilstaaten? Das sind alles Fragen, die im Rahmen unserer gemeinsamen Arbeit beantwortet werden sollen. Dass die Deutschsprachigen immer wegfallen, wenn es um landesweite Meinungsforschung geht, zeigt natürlich auch unser Standing, das wir in Belgien und speziell in Brüssel haben: Bestenfalls ignoriert man uns. Genau an dieser Stelle möchten wir einen Bogen schlagen und Belgien mit Ostbelgien verbinden. Das sollte man nicht Kommentatoren oder Leserbriefschreibern überlassen. Ich selbst berate derzeit bereits große deutschsprachige Unternehmen, die in Belgien ansässig sind, aber leider manchmal immer noch als verlängerte Werkbank der Deutschen wahrgenommen werden. Unsere Triebfeder ist es, das Meinungsbild der Ostbelgier seriös zu spiegeln.
In Ostbelgien sind bereits Meinungsforschungsinstitute aktiv, die regelmäßig Befragungen durchführen. Das bekannteste Beispiel ist Forsa. Wie würden Sie die Situation in diesem Markt beschreiben?
Wettbewerb tut auch der Meinungsforschung gut. Es gibt in Deutschland vier oder fünf Institute, die dem Politikinteressierten sofort einfallen dürften, wenn von Umfragen die Rede ist. Diese wollen natürlich ihre Marktanteile nicht verlieren. Und da wir es hier häufig mit Politik zu tun haben, geht es eben auch häufig politisch zu. Ich persönlich habe kein Problem mit anderen Instituten, wenn sie ebenfalls Marktteilnehmer sind und damit im Wettbewerb zu uns stehen. Man gewinnt jedoch zuweilen den Eindruck, dass in Belgien vor allem ausländische Institute unterwegs sind.
Was meinen Sie damit genau?
Ein französisches Meinungsforschungsinstitut führt Umfragen auf Französisch in der Wallonie durch, ein in Amsterdam ansässiges auf Niederländisch für Flandern. Wir versuchen das anders zu machen und haben deshalb Insa Belux mit Sitz in Ostbelgien für ganz Belgien und Luxemburg ins Leben gerufen.
Was bedeutet die Zusammenarbeit konkret? Was können die Leser erwarten?
Wir möchten regelmäßig in ganz Belgien und auch in Ostbelgien wissenschaftliche Befragungen durchführen. Berücksichtigt wird die Struktur der jeweiligen Region oder des jeweiligen Landes. Das heißt, man weiß und berücksichtigt, wie viele Männer und Frauen es gibt, wie die Einkommenssituation und zum Beispiel der Bildungsstand ist. So erhält man ein repräsentatives Bild, das tatsächlich hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

Warum kann man das nicht mit einer Internet-Befragung gewährleisten?
Mit einer offenen Internet-Befragung bekommt man kein repräsentatives Gesamtbild, sondern lediglich einen Trend der zufällig teilnehmenden Besucher dieser Webseite. Solche Trendbefragungen können natürlich nicht repräsentativ sein, weil dort theoretisch jeder teilnehmen kann und dies sogar möglicherweise mehrfach. Die Zusammenstellung der Teilnehmer ist also willkürlich und beschränkt sich auf die Besucher jener Webseite.
Erforschen Meinungsforschungsinstitute wirklich „nur“ Meinung oder machen sie auch Meinung?
Meinungsbildung ist wichtig, aber dies ist gerade nicht Aufgabe der Meinungsforschungsinstitute. Insa steht dafür, wissenschaftlich sauber, unabhängig und überparteilich zu arbeiten, um an das Gedankengut der Befragten heranzukommen. Wir wollen Meinung spiegeln, nichts verkaufen. Wir stellen keine Suggestivfragen, sondern stellen die Fragen immer so, dass man möglichst ehrliche Antworten bekommt. Dabei sind wir uns der Gefahr bewusst, dass es sozial erwünschte Antworten geben kann. Auch das verfälscht das Ergebnis.
„Sozial erwünschte Antworten“ – Was heißt das?
Ich mache es am besten an einem Beispiel deutlich: es gibt Dinge, die gesellschaftlich nicht hoch im Kurs stehen, die man aber vielleicht trotzdem tut. Unter Umständen fällt es einem solchen Befragten dann schwer, sich gegenüber einem unbekannten Fragesteller zu seinen tatsächlichen Ansichten zu bekennen. Das gilt auch für die Absicht, bestimmte Parteien zu wählen.
Ist das auch der Grund dafür, dass Institute daneben liegen?
Ich denke schon. Im Vergleich schneidet Insa übrigens regelmäßig sehr gut ab, wenn man die Vorwahl-Umfragen mit dem tatsächlichen Endergebnis vergleicht. Insa spiegelt die tatsächliche Stimmung zum Zeitpunkt der Erhebung wider und gibt keine Prognosen ab. Die Dinge sind, wie sie sind. Und Insa arbeitet in Deutschland für alle Parteien, die auf Bundes- oder Landesebene in einem Parlament vertreten sind. So wollen wir das in Belgien auch handhaben.
Also auch mit der Alternative für Deutschland (AfD). Es steht der Vorwurf im Raum, Insa-Chef Hermann Binkert habe Verbindungen zu dieser Partei. Können Sie dazu Stellung beziehen?
Ich glaube, es liegt erst einmal an der Tatsache, dass das Mutterhaus Insa seinen Sitz in Erfurt hat (der Landeshauptstadt von Thüringen, einer Hochburg der AfD, A.d.R.). Tatsächlich hat Insa bereits mit der AfD zusammengearbeitet, aber auch mit der Linkspartei, auch mit den Grünen. Ich selbst habe in der Vergangenheit für CDU- wie auch für FDP-Politiker gearbeitet und in Belgien für Open VLD. Insa arbeitet für alle demokratischen Parteien und hat da keine Präferenzen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Bäcker und würden einem Politiker des Vlaams Belang keine Brötchen verkaufen. Das können Sie machen. Sie können aber auch ihm die gleichen Brötchen verkaufen wie jedem anderen auch. Dann sind Sie dadurch trotzdem noch kein Separatist oder Rechtsradikaler.
Wie geht es konkret weiter?
In Kürze werden unsere ersten belgischen Umfrageergebnisse veröffentlicht. In einem ersten Schritt haben wir auf föderaler Ebene nachgefragt, wie die Deutschsprachige Gemeinschaft und ostbelgische Politiker im Inland ankommen oder ob man sie überhaupt kennt. In den nächsten Umfragen werden dann gezielt Deutschsprachige befragt, beispielsweise zu ihren Wahlabsichten oder zur Popularität von Politikern. Das wollen wir möglicherweise bis zu den Wahlen im Frühjahr 2024 fortsetzen, um eine Entwicklung feststellen zu können.

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