Liebe Hedwig! Dein Plädoyer für den Glauben an Gott und eine vernünftige Akzeptanz unserer menschlichen Grenzen kann ich nur teilen. Nicht aber die schwarz-weiße Malerei, die in deinem Brief durchschimmert! Früher war nicht alles „Ora et labora“ und heute ist nicht alles „panis et circenses“ (Brot und Spiele). Auch in unserer säkularisierten westlichen Welt ist der Glaube an Gott nicht einfach tot. Bestimmte Gottesvorstellungen erreichen uns, eine Mehrheit der Menschen, einfach nicht mehr. Niemand weiß genau, wer und wie Gott ist. Wir können uns immer nur bestimmte und bedingte Vorstellungen von Gott machen. Und die ändern im Laufe der Zeit.
Schon ein griechischer Philosoph hat das im 6. Jh. vor Christus in einem lustigen Bild gesagt: „Wenn die Ochsen Götter hätten, wären es bestimmt Ochsen“, um zu sagen, immer fließen menschliche Bilder und Vorstellungen in unser Gottesbild ein. Das gilt auch für unsere Bibel. Und doch ist Gott eine Wirklichkeit und ich glaube fest daran. Wir, die Gläubigen, die Kirchen haben noch nicht die Sprache gefunden, um in der säkularisierten Welt, die Frage nach Gott treffend zu stellen.
Aber viele Menschen suchen und fragen. Leider haben unsere Kirchen zu viele fertige Antworten und schaffen es nicht zu genüge, fragende Menschen ernst zu nehmen und zu begleiten. Corona hat die Frage nach Gott ganz neu aufgeworfen und ich bin sicher, dass wir daraus eine Chance machen können, um Gott neu zu entdecken.
Kommentare
„Gott ist eine Wirklichkeit.“
Wirklich, Herr Calles? Der Glaube an Gott mag eine Wirklichkeit sein, Gott selber wohl eher eine Projektion, ein Fantasiegebilde, eine Wunschvorstellung, eine Hoffnung, eine Tröstung...
Warum auch nicht!?
Falls Gott eine Wirklichkeit ist, welcher Gott ist gemeint? Der Gott des alten Testamentes etwa?
Dieser Gott ... „ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“ (R. Dawkins)
Es fließen tatsächlich nicht nur menschliche Bilder und Vorstellungen in unser Gottesbild ein, Gott ist letztlich eine Erfindung des menschlichen Geistes oder - wie Albert Einstein es formuliert hat - „ Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen“.
Was das Gottesverständnis im Zusammenhang mit Corona bedeutet wird wohl am ehesten mit der Theodizee-Frage ... beantwortet, die nicht erst durch Leibniz sondern schon von dem griechischen Philosophen Epikur (3 Jhdt. v. C) gestellt wurde:
„Entweder will Gott das Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und nicht kann, ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel, und warum nimmt er sie nicht weg?“
Corona hat vieles zu Tage gefördert. U.a. das Beste und das Schlechteste im Menschen. Bisweilen auch seine schier unbegrenzte Dummheit. Wobei Dummheit hier nicht mit Bildung oder Intelligenz korreliert, sondern mit der Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu belügen.
Möglicherweise ist dies auch das Fundament eines irrationalen Gottesglauben.
Zumindest, wenn man den Worten des deutschen Schriftstellers Otto von Corvin (19. Jhdt) „Glauben“ schenkt:
„Des großen Alexander Reich zerfiel; das der alten Römer und das Napoleons ging in Trümmer; sie waren gebaut auf die Gewalt der Waffen. Aber das Reich von Neu-Rom besteht schon fast anderthalbtausend Jahre und wird wer weiß wie lange bestehen, denn es ruht auf dem solidesten Fundament - auf der Dummheit der Menschen.“
Dass viele Menschen Gottesvorstellungen nicht mehr erreichen, liegt nicht nur an dem traurigen Bild, das die Kirchen vermitteln sondern auch daran, dass in aufgeklärten Gesellschaften, Gott, Kirchen und Priester ihre Macht eingebüßt haben, Menschen zu beherrschen.
Zusammenhänge, die in dunkler Vorzeit nur durch „Götter“ zu erklären waren, konnte im Zuge der Aufklärung und wissenschaftlicher Erkenntnisse viel besser und vor allem nachvollziehbar bewiesen werden. Nicht ohne Grund haben die Kirchen sich bis auf‘s Messer gegen Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft zur Wehr gesetzt und dies tun im Mittelalter verhaftete Religionen bis heute... erfolgreich.
Das traurige Bild, dass die muslimisch-arabische Welt in Sachen Wissenschaft, Forschung, Literatur, Kunst,... und z.B. Gleichberechtigung abliefert, ist auch Resultat religiöser Prägung und Unterdrückung.
Der Koran steht der Bibel in seinem Mangel an einer kohärenten ethisch-moralischen Lehre in nichts nach. Statt Lehre viel Leere. Nicht nur Liebe sondern viel Hass, Blut, Rache, Neid, Mord und Völkermord.
Wenn Corona die Frage nach Gott neu aufgeworfen haben sollte, dann hoffentlich in der Hinsicht, dass der Mensch als Trockennasenaffen-Primat sich endlich als Teil der Natur versteht und dass es Gottes Erbsünde war, den Menschen aufzuerlegen sich die Natur Untertan zu machen.
Klimawandel und Corona sind nicht nur Resultat menschlichen, sondern auch „göttlichen“ Hochmutes. Aber letztlich ist beides das Gleiche.
Nicht Gott hat die Menschen, die Menschen haben sich ihre Götter erschaffen.
"um Gott neu zu entdecken"
Was soll es an "Gott" denn Neues zu entdecken geben? Es ist doch seit Jahrtausenden eigentlich immer dasselbe in Grün, die selbe aufgekochte Suppe...
Während Wissenschaft die Geheimnisse des Universums lüftet, sind Religionen immer noch damit beschäftigt, Menschen zu töten, diffamieren und 'die Hölle heiß zu machen', weil sie ihnen nicht in den Kram passen.
"Der größte Trick der Religionen war nicht, Menschen davon zu überzeugen, dass es einen allmächtigen Gott gibt, sondern, dass man diese Vorstellung nicht lächerlich finden darf." Ricky Gervais
"Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen". Richard Dawkins
In einem Punkt ist "Gott" allerdings "zeitgemäß": Er/sie/es ist Ausdruck intellektueller Bequemlichkeit - die simple Scheinantwort auf alle Fragen, die nicht in Frage gestellt werden darf und wenn's unbequem wird eben einfach "unergründlich". Die Mutter aller Fake News.
Man muss nicht an Gott glauben, um an etwas zu glauben.
Man muss einfach glauben. An egal was. Die menschliche Fantasie ist grenzenlos.
Du kannst an Naturgewalten und Geister glauben.
Du kannst an millionen Hindu-Götter glauben und diese verehren.
Du kannst an einen Gott glauben, der sein Volk auserwählt hat.
Du kannst an einen Gott glauben, der durch seinen Sohn Jesus verkündet wurde.
Du kannst an einen einzigen Gott glauben, der seinen Propheten Mohammed oder Joseph Smith gesandt hat.
Du kannst auch an keinen Gott glauben.
Du kannst auch an die Erlösung der Menschheit durch Sozialismus glauben, und Karl Marx war der Ebner dieser Weges.
Du kannst auch an Klimaschutz glauben, bevor uns die Katastrophe ereilt.
Glauben kannst du, was du willst. Die Gedanken sind frei.
Die Kunst bei jedem Glauben ist es, dem Fundamentalismus keine Chance zu geben.
"was du nicht willst, was man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu."
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