Kremlchef Putin kneift bei G20 – Ukraine feiert neuen Kriegserfolg

<p>Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Bild zeigt Wladimir Putin, Präsident von Russland, bei einer Zeremonie anlässlich des 75. Jahrestages der Russischen Föderalen Medizinisch-Biologischen Agentur.</p>
Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Bild zeigt Wladimir Putin, Präsident von Russland, bei einer Zeremonie anlässlich des 75. Jahrestages der Russischen Föderalen Medizinisch-Biologischen Agentur.

Einen Grund für das Fernbleiben des russischen Präsidenten Wladimir Putin beim größten politischen Treffen in diesem Jahr - beim G20-Gipfel auf Bali - nennt der Kreml nicht. Als aber erst Gastgeber Indonesien und später am Donnerstag auch Kremlsprecher Dmitri Peskow bekannt gibt, dass der 70-jährige nach langem Überlegen nicht reist, überrascht das kaum noch jemanden. Putin will sich auf der Weltbühne vor den Staats- und Regierungschef der 20 führenden Industrienationen nicht als erfolgloser „Kriegstreiber“ zeigen. Er lässt die russische Delegation von Außenminister Sergej Lawrow anführen - wie voriges Jahr auf dem G20-Gipfel in Rom.

Der am Mittwoch verkündete Rückzug der russischen Truppen aus der symbolträchtigen Gebietshauptstadt Cherson setzt indes eine lange Serie von Niederlagen in Putins Krieg gegen die Ukraine fort. Anfang März hatten die russischen Truppen das südliche Cherson kurz nach ihrem Einmarsch noch stolz eingenommen. Cherson war die einzige Gebietshauptstadt, die die Ukraine verlor. Nun ist die Rückeroberung in greifbarer Nähe - und Russland steht vor einem neuen Debakel.

Das gilt vor allem als neuer Erfolg für die ukrainische Armee und Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kiew in dem seit mehr als acht Monaten dauernden Krieg. Schon seit Monaten kann Selenskyj – auch dank westlicher Waffen, Munition und Finanzen – immer wieder Fortschritte bei der Befreiung von Gebieten melden. Er will selbst beim G20-Gipfel eine Rede halten. Im Frühjahr hatten sich die Russen aus der Umgebung von Kiew zurückgezogen, dann die Schlangeninsel im Schwarzen Meer aufgegeben und im September die Region Charkiw verlassen.

Schon seit Wochen bereiten der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, und der Machtapparat in Moskau die Menschen in dem Riesenreich auf „schwere Entscheidungen“ um Cherson vor. Zehntausende Menschen wurden nach russischen Angaben wegen absehbarer Kampfhandlungen in Sicherheit gebracht. Der Schock über den Verlust von Cherson hielt sich daher bei vielen Anhängern des Krieges in Russland in Grenzen.

Gleichwohl gilt diese neue militärische Schlappe als eine der größten politischen Niederlagen in Putins Kampf gegen die Ukraine, der er immer wieder das Existenzrecht abgesprochen hat. Ende September hatte der Kremlchef sich noch von Anhängern bei einer Rede zur Annexion von vier ukrainischen Gebieten erst im Kreml und dann auf dem Roten Platz feiern lassen, weil er Russland nach der Einverleibung der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 einmal mehr vergrößert hatte.

Cherson ist aus Moskauer Sicht russisches Staatsgebiet. Wohl auch deshalb reagierte die ukrainische Führung skeptisch auf den angekündigten Abzug. „Den Russen kann man nicht trauen, wovon wir uns bereits mehrfach überzeugen konnten“, sagte in Kiew die Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar. Zur Kriegskunst gehöre es, den Gegner zu täuschen. Der Gouverneur des an Cherson angrenzenden Gebiets Mykolajiw, Witalij Kim, schrieb: „Wenn die Russen etwas sagen, dann machen sie das Gegenteil!“ Er deutete an, dass er weiter keine kampflose Übergabe der benachbarten Gebietshauptstadt erwarte.

Tatsächlich hat Moskau einen Verzicht auf die Stadt oder das Gebiet nicht erklärt. Die ukrainischen Behörden warnten die Menschen wohl auch deshalb. Wegen des Winters, zerstörter Kommunikationsleitungen und der Gefahr durch Beschuss sei eine Rückkehr nicht zu empfehlen, hieß es in Kiew. Auch nach einer Einnahme der Stadt Cherson würde die Ukraine nur 23 Prozent des gesamten Gebiets Cherson kontrollieren, und zwar auf jener Seite des Flusses Dnipro, auf der Russland zuletzt wegen zerstörter Brücken seine Truppen nicht mehr mit Waffen, Munition und Lebensmitteln versorgen konnte.

Links vom Fluss ist der Großteil der Region Cherson mit Verbindung zur Halbinsel Krim dagegen weiter unter russischer Kontrolle. Ein Rückzug von dort ist nicht geplant. Trotzdem verändert sich nun die Situation für die Krim. Mit dem Vordringen der ukrainischen Truppen an den Dnipro gelangen Straßen und Eisenbahnverbindungen in den Bereich ukrainischer Raketen. Das erklärte ukrainische Kriegsziel der vollständigen Befreiung des eigenen Territoriums in den international anerkannten Grenzen von 1991 rückt damit näher. Vom Staudamm in Nowa Kachowka bis zur Verwaltungsgrenze der Halbinsel Krim sind es nur noch etwas über 60 Kilometer Luftlinie.

Nach der Räumung des westlichen Brückenkopfs am Dnipro fällt nun auch die von Russland angedrohte Eroberung der Hafenstädte Mykolajiw und Odessa weg. Damit bleibt der Ukraine der Zugang zum Schwarzen Meer.

Für Putin, der den politischen Diskussionen beim G20-Gipfel um das Hauptthema Krieg lieber fernbleibt, gerät die vom Tod Zehntausender russischer Soldaten und Reservisten überschattete Invasion nun zunehmend innenpolitisch zur Dauerkrise. Der Kremlchef sei weiter nicht bereit, den Angriff auch einen Krieg zu nennen, sagt die russische Politologin Tatjana Stanowaja.

Zwar gewöhne sich der Kreml daran, mit Fehlern umzugehen. Trotzdem enttäusche Putin viele Menschen, weil Moskaus Propaganda immer wieder getönt habe, niemanden hängen zu lassen – auch und vor allem nicht in Cherson. Bilder des beginnenden russischen Abzugs zeigen in Cherson riesige Plakate mit der Aufschrift „Russland ist hier für immer“.

„Er sieht schwach aus, unfähig, die Verantwortung zu übernehmen“, sagt Stanowaja über den 70-jährigen Putin. Immer wieder wird inzwischen darüber spekuliert, dass auch Russlands Elite und Beamtenschaft sich abwenden könnte von Putin - nicht allzu lange vor der Präsidentenwahl in etwa anderthalb Jahren. Der Politologe Abbas Galljamow meinte unlängst, dass Putin auch noch landesweit das Kriegsrecht verhängen - und so die Präsidentenwahl für 2024 absagen könnte. So könne sich der Kremlchef weiter an der Macht halten.

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