Lukaschenko lässt Flugzeug mit Regimegegner abfangen – Belgien beruft Botschafter ein

<p>Eine Sicherheitskraft Spürhund inspiziert mit einem Spürhund das Gepäck eines Ryanair-Flugzeuges in Minsk. Belarussische Behörden hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht.</p>
Eine Sicherheitskraft Spürhund inspiziert mit einem Spürhund das Gepäck eines Ryanair-Flugzeuges in Minsk. Belarussische Behörden hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht. | Foto: Uncredited/ONLINER.BY/AP/dpa

Die Piloten lassen sich in die weiter entfernte belarussische Hauptstadt Minsk zur Landung von einem Kampfjet des Typs MiG-29 begleiten. Ein Alarm über eine angeblich an Bord versteckte Bombe habe Manöver nötig gemacht, berichtet das Staatsfernsehen in Belarus. Alexander Lukaschenko selbst habe den Befehl gegeben, die Maschine landen zu lassen. Was die Staatspropaganda des Machthabers als einen Akt der Rettung der Passagiere bejubelt, entpuppt sich aber nach breiter Einschätzung rasch als eine beispiellose Geheimdienstoperation, um einen zur Fahndung ausgeschriebenen Regimegegner festzunehmen. Protassewitsch drohen in Belarus viele Jahre Gefängnis – unter anderem, weil er die Massenproteste gegen Lukaschenko im vergangenen Jahr nach der umstrittenen Präsidentenwahl maßgeblich mit gesteuert haben soll.

Der als „letzter Diktator Europas“ verschriene Machthaber regiert die Ex-Sowjetrepublik seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit harter Hand – und hat sich viele Gegner gemacht. Mehr als 400 politische Gefangene gibt es in Belarus, Protassewitsch ist jetzt einer von ihnen, wie das Menschenrechtszentrum Wesna am Montag mitteilt. Der Aktivist wird in dem für seine Folterattacken gegen Andersdenkende berüchtigten Untersuchungsgefängnis Okrestina in Minsk vermutet. „Er legte die Hände über den Kopf, als wüsste er, dass etwas Schlimmes passieren würde“, gibt der mitreisende Grieche Nikos Petalis per Videoschalte aus Vilnius zu Protokoll – mehr als acht Stunden nach der ursprünglich geplanten Landung. Protassewitsch habe gleich verstanden, dass die Notlandung ihm gilt. Weitere Mitreisende schildern, dass Protassewitsch vor Angst gezittert habe.

Ein anderer Passagier erzählt, dass er seiner Begleiterin eine Tasche übergeben habe – vermutlich mit Dokumenten und einem Computer. Doch auch die Studentin wird festgenommen. Von beiden fehlt seit der Festnahme offiziell jede Spur. Auch am Montag machen die Behörden keine Angaben zu den Inhaftierten – die öffentliche Aufmerksamkeit gilt eher der erzwungenen Landung.

Videos von Passagieren zeigen, wie an der Parkposition des Flugzeugs Taschen und Tüten verstreut liegen und Spürhunde die Gepäckstücke beschnüffeln. Eine Bombe finden sie nicht. Aber den Gegner Lukaschenkos, der seine Weiterreise ins Exil nach Litauen nicht antreten darf. Protassewitsch hat enge Verbindungen zu Swetlana Tichanowskaja, die die Opposition als eigentliche Siegerin der Präsidentenwahl vom 9. August sieht. Auch sie hat den Flug von Athen nach Vilnius, wo sie lebt, schon genommen, wie sie sagt. Das Entsetzen darüber, dass ein Flug zwischen zwei EU-Hauptstädten – Athen und Vilnius – von einer autokratischen Staatsmacht „gekapert“ wird, ist international groß. Ryanair-Chef Michael O'Leary spricht von einem „Fall von staatlich unterstützter Entführung, (...) staatlich unterstützter Piraterie“. Er vermutet, dass auch Agenten des belarussischen Geheimdienstes KGB an Bord gewesen sind. Der Vorfall sei „sehr beängstigend“ gewesen, für Personal und Passagiere, die stundenlang von Bewaffneten festgehalten worden seien. Belgien hat infolge der erzwungenen Landung eines Ryanair-Flugzeugs in Minsk den belarussischen Botschafter in Brüssel einbestellt. Die ungerechtfertigten und inakzeptablen Handlungen der vergangenen Stunden würden nicht folgenlos bleiben, schrieb Außenministerin Sophie Wilmès (MR) am Montag auf Twitter. Am Montagabend wollten die EU-Staats- und Regierungschefs bei einem ohnehin geplanten EU-Sondergipfel in Brüssel über mögliche Maßnahmen infolge der erzwungenen Flugzeuglandung beraten. (belga/dpa/sc)

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