Das Telefon des Bundestrainers glühte. Erfreuliche Einladungen, schmerzhafte Absagen und aufbauende Gespräche hat Joachim Löw in intensiven Tagen und Wochen hinter sich gebracht - nun deckt er seine bis zu 26-EM Asse auf. Eine Karte wird Thomas Müller zeigen, das ist kein Geheimnis mehr, etwa 15 weitere sind recht leicht vorherzusagen. Doch wer sind die Joker? Mats Hummels? Marco Reus? Ein großer Unbekannter?
Löw zog sein Blatt eng an sich. „Wir haben alles, was möglich war, noch mal überprüft“, sagte er nur. Der 61-Jährige hat durchaus eine Überraschungshistorie: Vor dem WM-Triumph 2014 zauberte er Shkodran Mustafi aus dem Hut, der selbst Insidern kaum ein Begriff war. 2006, als Assistent von Jürgen Klinsmann, verantwortete er die Kader-Sensation David Odonkor mit. Er berief 2012 ohne vorherige Nominierung den 18-jährigen Julian Draxler und nahm zum WM-Debakel 2018 Marvin Plattenhardt mit.
In diese Kategorie würde Hummels am Mittwoch (12.30 Uhr) nicht fallen. Immer wieder musste sich der Bundestrainer anhören, er möge den aussortierten 2014er-Weltmeister doch endlich begnadigen. Nach dem 0:6-Desaster in Spanien und der 1:2-Blamage gegen Nordmazedonien wuchs der Druck nochmals enorm. „Ich wehre mich nicht, falls ich gefragt werde, nochmals zu helfen“, sagte Hummels zuletzt.
Für andere würde es eng. Antonio Rüdiger, Niklas Süle und Matthias Ginter sind in der Innenverteidigung als gesetzt anzusehen, Robin Koch (Leeds United) muss bangen. „Jogi Löw wird schon die Richtigen mitnehmen“, sagte er - und meinte damit natürlich sich selbst. Schließlich hat der 24-Jährige als großes Plus, auch Sechser spielen zu können. Jonathan Tah ist ohnehin Außenseiter, Jerome Boateng wird wohl nicht reaktiviert.
Offensiv hat sich in den vergangenen Wochen Marco Reus bei Löw in Erinnerung gebracht. „Sicher würde ich gerne die EM spielen“, sagte der Kapitän von Borussia Dortmund nach seinem überragenden Auftritt beim 4:1 im Pokalfinale gegen RB Leipzig. Löw sah die Gala live im Stadion.
Allerdings ist das Gedrängel im offensiven Mittelfeld gewaltig. Reus bespielt eine Position, auf der Löw keinerlei Sorgen hat: Kai Havertz, Leroy Sane, Serge Gnabry und Müller werden mitfahren, auch Florian Neuhaus, Amin Younes, Julian Draxler oder Florian Wirtz rechnen sich Chancen aus. Julian Brandt oder Mario Götze werden meist gar nicht mehr mit aufgezählt.
Die Frage nach dem dritten Torhüter hat sich auf unerfreuliche Weise erledigt: Marc-Andre ter Stegen (Knie-Operation) fällt für die EM aus, somit haben hinter Manuel Neuer auch Kevin Trapp und Bernd Leno ihren Platz sicher. Toni Kroos (Real Madrid) ist an Covid-19 erkrankt, das sollte aber bei mildem Verlauf kein Hindernis sein.
Beide Probleme zeichneten sich erst nach Löws dreitägiger Klausurtagung mit seinem Stab und DFB-Direktor Oliver Bierhoff in Berlin ab. Dort hatte der Bundestrainer seine Liste von ursprünglich rund 40 Kandidaten auf seinen EM-Kader eingedampft.
Ein Vorspielen im Trainingslager in Seefeld/Tirol wird es entgegen Löws üblichem Vorgehen diesmal nicht geben. Am 28. Mai geht der Bundestrainer mit den maximal erlaubten 26 Spielern in die unmittelbare Vorbereitung auf das Turnier (11. Juni bis 11. Juli). Er wird möglicherweise sogar noch einen oder zwei Plätze offenhalten, um sich Spielraum bei Verletzten wie Leon Goretzka (Bayern München) zu geben.
Der endgültige Kader muss der Europäischen Fußball-Union (UEFA) am 1. Juni gemeldet werden, einen Tag vor dem ersten Test in Innsbruck gegen Dänemark. (sid/dpa/calü)
Der mögliche deutsche EM-Kader im Überblick:
Nach Einschätzung der Deutschen Presse-Agentur sind 20 Spieler fest eingeplant, elf Kandidaten können sich Hoffnungen machen auf die übrigen sechs Plätze.
Tor: Fest eingeplant (3): Manuel Neuer (FC Bayern München), Bernd Leno (FC Arsenal), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)
Abwehr: Fest eingeplant (6): Emre Can (Borussia Dortmund), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Marcel Halstenberg (RB Leipzig), Lukas Klostermann (RB Leipzig), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Niklas Süle (FC Bayern München) Mit Chancen (5): Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Robin Gosens (Atalanta Bergamo), Mats Hummels (Borussia Dortmund), Robin Koch (Leeds United), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)
Mittelfeld: Fest eingeplant (5): Leon Goretzka (FC Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Joshua Kimmich (FC Bayern München), Toni Kroos (Real Madrid), Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach)
Offensive: Fest eingeplant (6): Serge Gnabry (FC Bayern München), Kai Havertz (FC Chelsea), Thomas Müller (FC Bayern München), Jamal Musiala (FC Bayern München), Leroy Sané (FC Bayern München), Timo Werner (FC Chelsea) Mit Chancen (6): Julian Brandt (Borussia Dortmund), Julian Draxler (Paris Saint-Germain), Jonas Hofmann (Borussia Mönchengladbach), Marco Reus (Borussia Dortmund), Florian Wirtz (Bayer Leverkusen), Amin Younes (Eintracht Frankfurt)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren