„Mehr getan als jedes andere Land“: Wie Katar mit WM-Protesten umgeht

<p>Bauarbeiter arbeiten am Lusail-Stadion, einem der Stadien der WM 2022. Der WM-Gastgeber Katar hat nach eigenen Angaben einen Mindestlohn für alle Arbeiter eingeführt.</p>
Bauarbeiter arbeiten am Lusail-Stadion, einem der Stadien der WM 2022. Der WM-Gastgeber Katar hat nach eigenen Angaben einen Mindestlohn für alle Arbeiter eingeführt. | Foto: dpa

Boykott-Forderungen von allen Seiten, immer lautere Proteste aus dem Profilager und fassungsloses Entsetzen bei Millionen Fußballfans: Gastgeber Katar muss sich im eineinhalb Jahre langen Endspurt bis zur ersten Winter-WM auf mächtig Gegenwind gefasst machen. Die klimatische Situation, wegen der das Turnier vom Sommer auf die Adventszeit verlegt wurde, und die fehlende Fußball-Tradition sind dabei zu Randnotizen geworden. Das Thema Menschenrechte hingegen überstrahlt alle weiteren Aspekte. Wie geht das reiche Emirat eigentlich mit all den Attacken rund um das bevorstehende XXL-Sportevent im November und Dezember 2022 um?

Katars Regierungsmitglied Scheich Thamer Al Thani hält den Inhalt der jüngsten Proteste, an denen unter anderem Fußballstars wie Norwegens Erling Haaland oder die Roten Teufel mitwirkten, für verfehlt. „Wir unterstützen die Verbände und Spieler, die ihre Plattform nutzen, um sich für die Menschenrechte einzusetzen. Ihre Kritik an der WM 2022 ist jedoch deplatziert“, sagte Thamer Al Thani, stellvertretender Direktor des Government Communications Office des Staates Katar, der Deutschen Presse-Agentur.

<p>Regelmäßig protestieren Fans, wie hier in den Niederlanden, gegen die WM in Katar.</p>
Regelmäßig protestieren Fans, wie hier in den Niederlanden, gegen die WM in Katar. | Foto: Photo News

Die Kritik liege seiner Wahrnehmung nach daran, „dass viele Menschen nicht alle Informationen im Bezug auf die Veränderungen haben, die Katar bereits vorgenommen hat“. Seit der Vergabe der WM vor etwas mehr als zehn Jahren hat die Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen immer mehr zugenommen.

Im Fokus stand dabei das umstrittene, in den Golfstaaten aber weit verbreitete Kafala-System. Es bindet ausländische Arbeitskräfte an einen einheimischen Sponsor – und öffnet Ausbeutung sowie Missbrauch Tür und Tor. Migranten am Golf klagen etwa häufig, ihnen seien ihre Pässe abgenommen worden, sie müssten übermäßig lang arbeiten und bekämen keinen Urlaub.

Katar reagierte in den vergangenen Jahren auf die Kritik. So baute das Emirat das Kafala-System ab. In Katar können Migranten nun etwa ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers ausreisen oder den Job wechseln. Menschenrechtsorganisation lobten die Reformen, bemängelten aber zugleich, sie würden in der Praxis nur mangelhaft umgesetzt. „Wir möchten, dass sich die Fußballverbände, Fanverbände und Spieler mehr mit Katar auseinandersetzen, um zu versuchen, den Prozess zu verstehen, den ein Land wie Katar durchlaufen muss, um seine Arbeitsgesetze zu überarbeiten“, rechtfertigte Thamer Al Thani.

<p>In Windeseile wurden im Wüstenemirat neue Stadion aus dem Boden gestampft.</p>
In Windeseile wurden im Wüstenemirat neue Stadion aus dem Boden gestampft. | Foto: imago

Doch die Kritik bleibt groß. Die jüngsten Proteste und Aufrufe zum WM-Boykott wurden nicht zuletzt durch einen Bericht des britischen „Guardian“ angefacht. Die Zeitung meldete im Februar, seit der WM-Vergabe seien in Katar mehr als 6.500 Arbeiter aus Nepal und vier anderen südasiatischen Ländern gestorben. Es hält große Hitze bei der Arbeit als eine wahrscheinliche Ursache für viele der Fälle.

Während die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die bei der WM vom „World Cup of Shame“ („WM der Schande“) spricht, von einer „hohen Zahl“ an gestorbenen Arbeitern berichtet, hat Katars Regierung eine andere Lesart. Sie argumentiert, angesichts von mehr als 1,4 Millionen Menschen aus den fünf Ländern, die in Katar lebten, liege die Sterberate in einem zu erwartenden Bereich. „Aus dem Zusammenhang gerissen, bilden die Zahlen im Guardian eine Schlagzeile, die für Aufsehen sorgen soll. Aber wenn man sie im Rahmen der breiteren Demografie und der Größe der Bevölkerung betrachtet, liegen die Zahlen im erwarteten Bereich“, sagte Thamer Al Thani. Seiner Ansicht nach habe Katar „in den letzten zehn Jahren mehr als jedes andere Land getan, um die Bedingungen für ausländische Arbeiter zu verbessern“. Dies reiche sogar bis vor die Zeit vor dem WM-Zuschlag zurück.

Das WM-OK kommt in seinen Berichten auf insgesamt 37 Todesfälle.

Aus den Zahlen des „Guardian“ geht nicht hervor, welche Tätigkeit die Verstorbenen genau ausübten und wo sie arbeiteten. Einsatzorte gibt es etliche: Seit Jahren etwa gleicht die Hauptstadt Doha, die als Herzstück des wichtigsten Fußballturniers der Welt eingeplant ist, einer Großbaustelle mit unzähligen Projekten. Vieles, wenn auch nicht alles, dürfte wenn nicht wegen der WM, so mindestens aus deren Anlass entstehen.

Die WM-Organisatoren verweisen dabei darauf, dass die Zahl der gestorbenen Arbeiter, die tatsächlich auf Stadionbaustellen im Einsatz waren, deutlich geringer ist. Das WM-OK kommt in seinen Berichten auf insgesamt 37 Todesfälle. Drei davon hätten in Verbindung zu der Arbeit gestanden, 34 nicht, sagte ein Sprecher.

<p>Vor dem Spiel gegen Belarus liefen die Roten Teufel in Shirts mit der Aufschrift „Football Supports Change“ auf.</p>
Vor dem Spiel gegen Belarus liefen die Roten Teufel in Shirts mit der Aufschrift „Football Supports Change“ auf. | Foto: belga

Den ersten Teil der Qualifikation zum Turnier im März nutzten neben anderen Nationalmannschaften wie Deutschland und der Niederlande auch die Roten Teufel dazu, ihren Protest kundzutun. Vor dem Spiel gegen Belarus (8:0) trug jeder Spieler ein Shirt mit der Aufschrift „Football Supports Change“ (dt.: Fußball unterstützt Wandel). Der belgische Fußballverband schrieb in den sozialen Netzwerken: „Der Fußball hat die Macht, positive Veränderungen zu schaffen, lassen Sie uns diese Macht jetzt nutzen.“

Nationaltrainer Roberto Martinez sagte im Interview mit dem GrenzEcho, es bestehe die „Möglichkeit, den Fußball zu nutzen, um die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf Probleme zu lenken, die nicht nur Katar, sondern viele Nationen aus dem Mittleren Osten betreffen. Wir können über die WM und über den Fußball das Leben vieler Menschen verändern und verbessern.“ Damit teilt er beispielsweise die Meinung des deutschen Trainers Joachim Löw. (dpa/tf)

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