Der „ewige Jogi“ hat genug. Joachim Löw wird sein Amt als Bundestrainer nach der EM im Sommer überraschend aufgeben. „Ich gehe diesen Schritt ganz bewusst, voller Stolz und mit riesiger Dankbarkeit“, sagte Löw, gleichzeitig verspüre er aber „weiterhin ungebrochen große Motivation“ für die EURO.
Dennoch hatte der 61-Jährige den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit Präsident Fritz Keller an der Spitze gebeten, seinen ursprünglich bis zur WM 2022 laufenden Vertrag vorzeitig zu beenden. Keller äußerte „großen Respekt“ vor diesem „hochanständigen“ Schritt und würdigte den Weltmeistercoach von 2014 als „einen der größten Trainer im Weltfußball“. Weil Löw sich frühzeitig entschieden habe, lasse er dem DFB „die nötige Zeit, mit Ruhe und Augenmaß seinen Nachfolger zu benennen“.
Klopp hat bereits abgesagt, Rangnick gibt sich interessiert.
Als Wunschkandidat des Verbandes gilt Jürgen Klopp. Der Teammanager des FC Liverpool hat auch schon durchblicken lassen, dass ihn die Aufgabe reizen würde. Allerdings steht er beim kriselnden englischen Meister noch bis 2024 unter Vertrag. „Nein, ich werde im oder nach diesem Sommer nicht als möglicher Bundestrainer zur Verfügung stehen. Ich habe ja einen Job“, sagte Klopp. DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte zuletzt auch Bayern Münchens Triple-Coach Hansi Flick als Kandidaten genannt, der als Assistent mit Löw 2014 in Brasilien den vierten WM-Stern geholt hatte. Flick gilt – anders als etwa Ralf Rangnick – aber als nicht interessiert. Außenseiterchancen zumindest für einen Übergang werden U21-Coach Stefan Kuntz und Löws Co-Trainer Marcus Sorg zugeschrieben.
Gründe für seinen vorzeitigen Abschied nannte Löw nicht. Er habe in seiner bald 15-jährigen Amtszeit „große Triumphe und schmerzliche Niederlagen“ erlebt, sagte er, „vor allem aber viele wunderbare und magische Momente“. Den schönsten in der Nacht von Rio, als Mario Götze den vierten WM-Stern vom Himmel schoss.

Er „bedaure“ Löws Schritt, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der schon seit Monaten nach einem möglichen Erben fahndet. Überhaupt schlug Löw nach Bekanntwerden seines Abschieds eine Welle der Sympathie entgegen. Der frühere FIFA-Präsident Sepp Blatter würdigte ihn als „große Persönlichkeit“, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sagte: „Joachim Löw hat eine enorm erfolgreiche Ära des deutschen Fußballs geprägt. (...) Er hat sich einen würdigen Abschluss verdient.“
Der frühere Bundesliga-Trainer Löw (VfB Stuttgart und Karlsruher SC) kam 2004 als Co von Jürgen Klinsmann zur Nationalmannschaft und beerbte seinen Chef nach dem „Sommermärchen“ bei der Heim-WM 2006. Seither kam er bei jedem Turnier mindestens ins Halbfinale, bis diese Serie nach dem Confed-Cup-Sieg 2017 bei der WM 2018 riss. Seit dem historischen Aus in der Vorrunde in Russland und dem folgenden sportlichen Abstieg aus der Nations League steht der dienstälteste Nationalcoach der Welt in der Kritik. Diese hatte sich angesichts des hakenden Verjüngungsprozesses in der DFB-Elf und nach dem 0:6-Debakel in Spanien im vergangenen November verschärft. Keller hatte schon nach dieser Pleite bei Löw vorgefühlt, ob er sich einen vorzeitigen Abschied vorstellen könne. Damals lehnte er noch ab. Auch jetzt betonte Löw, er verspüre für die EM „weiterhin den unbedingten Willen sowie große Energie und Ehrgeiz“. Er versprach: „Ich werde mein Bestes geben, unseren Fans bei diesem Turnier große Freude zu bereiten und erfolgreich zu sein.“
Löw kann sich nun voll und ganz auf die EM konzentrieren.
Seine frühe Rücktrittsankündigung könnte sich dabei als Vorteil erweisen: Löw ist nun frei, Personalien ausschließlich mit Blick auf ihren Wert für die EM zu entscheiden. Das dürfte ihm die Kehrtwende in der Frage nach dem Comeback der im März 2019 ausgebooteten Rio-Weltmeister um Thomas Müller erleichtern. Erst am vergangenen Samstag hatte er die Tür für das Trio klarer denn je aufgestoßen.
Den von Löw nach dem sportlichen Abstieg aus der Nations League eingeleiteten Prozess der Verjüngung kann dann mit Blick auf die WM in Katar sein Nachfolger fortführen. Wer immer es wird – er kann dabei auf die „goldenen“ Jahrgänge 1995/96 um Joshua Kimmich, Leroy Sane oder Leon Goretzka zurückgreifen. (sid/tf)

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