Belgien reagiert auf Coronavirus-Mutation in Großbritannien

<p>Polizeibeamte mit Mund-Nasen-Schutz stehen am Londoner Bahnhof Euston und achten auf die Einhaltung der Reiseregeln. In London und anderen Gegenden in Südostengland gilt seit der Nacht zum Sonntag wieder ein harter Shutdown mit Ausgangssperren. Grund ist die rasche Ausbreitung einer neuen Variante des Coronavirus.</p>
Polizeibeamte mit Mund-Nasen-Schutz stehen am Londoner Bahnhof Euston und achten auf die Einhaltung der Reiseregeln. In London und anderen Gegenden in Südostengland gilt seit der Nacht zum Sonntag wieder ein harter Shutdown mit Ausgangssperren. Grund ist die rasche Ausbreitung einer neuen Variante des Coronavirus. | Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

Premierminister Alexander De Croo (Open VLD) gab diese Maßnahme am Sonntag in der flämischen VRT-Talksendung „De Zevende Dag“ bekannt. Das 24-Stunden-Verbot gelte ebenfalls für Verbindungen des Schnellzuges Eurostar, fügte er hinzu. Zuvor hatten die Niederlande Flugverkehr mit Passagieren aus dem Vereinigten Königreich untersagt. Das Verbot trat am Sonntag in Kraft und soll zunächst bis zum 1. Januar gelten.

Man stehe in Kontakt mit der niederländischen Regierung und führe auch Gespräche mit Frankreich, erklärte Premierminister Alexander De Croo in der Talksendung. Bis man weitere Entscheidungen treffe, warte man noch weitere wissenschaftliche Untersuchungen ab. Andere Länder reagierten ebenfalls: Die italienische Regierung will die Flugverbindungen mit Großbritannien wegen der Corona-Lage in England aussetzen.

Bisher halte man die neue Corona-Variante in Belgien eher für unbedeutend, meinte der Virologe Marc Van Ranst nach Angaben der Nachrichtenagentur Belga: „Wir haben in den letzten Monaten vier Fälle in unserem Labor registriert.“ Viren mutierten die ganze Zeit, fügte der Experte hinzu, „und wenn sie das tun, werden sie oft eher übertragbarer als krankheitserregender“, sagte er.

Die neue Variante des Coronavirus hatte die Weihnachtspläne von Millionen Menschen in Großbritannien durcheinander gewirbelt und die Hauptstadt London in den Shutdown gezwungen. Die Mutation breitet sich vor allem in Südostengland rasant aus und ist nach Behördenangaben bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. „Sie ist außer Kontrolle, und wir müssen sie wieder unter Kontrolle bekommen“, sagte Gesundheitsminister Matt Hancock am Sonntag im Interview mit der BBC. In sozialen Netzwerken wünschten sich Nutzer „Merry ChristMESS“ - ein Wortspiel mit dem englischen Wort „Mess“ (Chaos).

Der britische Premierminister Boris Johnson betonte, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Mutation schwerere Krankheitsverläufe oder eine höhere Sterblichkeitsrate auslöse oder dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonte, sie stehe in Kontakt mit den britischen Behörden.

Um das Virus einzudämmen, gilt aber seit Sonntag in der Hauptstadt London und weiten Teilen Südostenglands auch über die Weihnachtstage ein harter Shutdown mit Ausgangssperren. Mehr als 16 Millionen Menschen sind betroffen, die ihre Häuser nur noch zur Arbeit und in wichtigen Ausnahmen wie Arztbesuchen oder Lebensmitteleinkäufen verlassen dürfen. „Wir opfern die Möglichkeit, unsere Lieben dieses Weihnachten zu sehen, damit wir eine bessere Chance haben, ihr Leben zu schützen, damit wir sie bei zukünftigen Weihnachten sehen können“, sagte Johnson. In London und anderen Regionen in Südostengland gilt nun die neue höchste Corona-Stufe 4. Einwohner dürfen dieses Gebiet nicht verlassen.

Zahlreiche Menschen machten sich noch am Samstagabend spontan auf den Weg, um aus London abzureisen.

Nach Bekanntgabe der schärferen Maßnahmen machten sich zahlreiche Menschen noch am Samstagabend spontan auf den Weg, um aus London abzureisen. Fotos und Videos zeigten volle Bahnhöfe. Minister Hancock sprach von „unverantwortlichem Verhalten“ und schloss nicht aus, dass die schärferen Maßnahmen „in den kommenden Monaten“ in Kraft blieben, bis flächendeckend gegen Corona geimpft worden sei. Auch andere Landesteile wie Wales und Schottland verschärften die Restriktionen.

Ersten Analysen britischer Wissenschaftler zufolge verfügt die neue Variante über ungewöhnlich viele genetische Veränderungen, vor allem im Spike-Protein. Dieses Protein benötigt das Virus, um in Zellen einzudringen. Der in Großbritannien eingesetzte Impfstoff des deutschen Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer erzeugt eine Immunantwort gegen genau dieses Protein. Zwar gibt es Befürchtungen, dass der Corona-Impfstoff gegen die neue Variante möglicherweise nicht wirken könnte, aber Experten zeigten sich eher zuversichtlich. „Ich sehe da derzeit keinen Grund für Alarm“, sagte Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel.

Großbritannien hatte vor gut anderthalb Wochen mit einer Massenimpfung begonnen. (sc/belga/dpa)

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