Es ist etwas mehr als drei Monate her, dass Inter Mailand im Finale der Europa League dem FC Sevilla gegenüberstand. Es war nach dem Champions-League-Triumph 2010 die erste Möglichkeit, wieder einen internationalen Titel einzufahren. Und sie blieb ungenutzt. Romelu Lukaku wurde zum tragischen Helden, als er nach seinem Führungstor später unfreiwillig den 3:2-Siegtreffer der Spanier besorgte. Doch auch wenn das Finale verloren ging, bleibt eines sichtbar: Zehn Jahre nach dem Gewinn der Königsklasse ist Inter Mailand wieder bereit für große europäische Nächte.
Und nun? Drei Monate später bangt I Nerazzurri um das Überleben in der Champions League. In der Todesgruppe B steht die Welt auch vor dem fünften Spieltag immer noch Kopf: Gladbach thront sensationell auf Rang eins und würde bereits heute Abend mit einem Sieg gegen ebenjene Mailänder zum ersten Mal in der Klubhistorie das Achtelfinal-Ticket buchen. Dasselbe gilt für Real Madrid im Falle eines Erfolgs gegen Donezk. Die Italiener dürfen sich ihrerseits keinen Fehltritt mehr erlauben. Jeder Punktverlust wäre fortan gleichbedeutend mit dem Ausscheiden in der Königsklasse – dem dritten in Folge. Dann ginge es nur noch um das Überwintern in der Europa League.
„Seit ich in Gladbach bin, umschwirrt uns der Name Boninsegna und das 7:1 gegen Inter 1971“, so Sportchef Max Eberl.
Die Borussia könnte somit ein kollektives Klub-Trauma überwinden. 49 Jahre nach dem berüchtigten Büchsenwurf-Skandal vom Bökelberg eröffnet sich die Möglichkeit auf eine kleine Genugtuung. Bei einigen Alt-Borussen dürfte dies besondere Freude auslösen, denn die Umstände eines der größten Europacupspiele Gladbachs sind noch immer unvergessen. „Seit ich in Gladbach bin, umschwirrt uns der Name Boninsegna und das 7:1 gegen Inter 1971“, sagte Sportchef Max Eberl schon vor der besonderen Konstellation, die sich jetzt ergeben hat. „Wir haben eine herausragende Ausgangslage, die wir jetzt verwerten wollen.“
Auf den Tag genau 49 Jahre nach dem schmerzhaften Aus gegen Inter würde sich ein Kreis schließen. 1971 hatte Gladbach das große Inter im Landesmeisterpokal beim 7:1 schwindelig gespielt. Die Gala taucht heute aber in keiner offiziellen Statistik mehr auf, weil der Sieg nach dem berühmten Büchsenwurf auf Inters Roberto Boninsegna annulliert wurde. Gladbachs Spieler warfen Mailands damaligem Star-Stürmer Schauspielerei vor. Durch das 2:4 in Mailand und dem 0:0 im Wiederholungsspiel in Berlin am 1. Dezember 1971 schied Gladbach aus.
Vor dem besonderen Duell hat Gladbachs Vize-Präsident Rainer Bonhof verziehen. „Ich habe mit einigen alten Weggefährten von damals gesprochen, und wir sind alle der Meinung, dass es langsam genug ist mit der Debatte um schuldig oder nicht schuldig. Ich möchte Roberto heute jedenfalls nicht mehr für etwas an die Wand nageln, was 50 Jahre her ist“, sagte Bonhof, der damals als 19-Jähriger auf dem Platz gestanden hatte, zum heute 77 Jahre alten Boninsegna.
Der Entwicklung Borussias zum europäischen Spitzenteam stand der Vorfall seinerzeit nicht im Weg. Die Neuauflage des Duells soll nun zu einem Meilenstein bei einem neuen Aufschwung werden. Marco Rose könnte bei seiner ersten Champions-League-Teilnahme als Trainer die Borussia sogleich zum größten internationalen Erfolg seit dem Viertelfinale im Europapokal der Pokalsieger 1996 führen. „Der Fokus liegt darauf, gegen Inter den Sack zuzumachen“, so Florian Neuhaus. (dpa/tf)

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