Ken Follett: „Populisten haben leichtes Spiel“

<p>Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“ ist sozusagen das Standardwerk der fiktiven Geschichtsliteratur. Jetzt gibt es einen Nachfolger, der in eine Zeit von Rechtlosigkeit und Gewalt führt.</p>
Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“ ist sozusagen das Standardwerk der fiktiven Geschichtsliteratur. Jetzt gibt es einen Nachfolger, der in eine Zeit von Rechtlosigkeit und Gewalt führt. | Foto: dpa

Von Chris Melzer


Mr. Follett, Ihr letzter Ausflug nach Kingsbridge, das von Ihnen erschaffene Städtchen aus „Die Säulen der Erde“, ist gerade drei Jahre her. Nun beim nächsten Buch schon wieder. Hatten Sie Heimweh?


(lacht) Nein, aber ich war sehr neugierig, wie es wohl sein würde, als Kingsbridge noch keine Stadt war. Einfach nur ein kleiner Ort, und wie er wuchs und wuchs. Und das war historisch einfach eine dramatische Zeit, als drei Gruppen um die Kontrolle Englands kämpften, die Angelsachsen, die Wikinger und die Normannen. Solch ein Dreieck schafft genug Möglichkeiten, um interessante Geschichten zu erzählen.


Ihr Buch ist voller Sex und Gewalt. Weil es sich gut verkauft oder weil die Zeit einfach so war?


Für die Zeit stimmt das ganz sicher, aber das ist nicht alles. Wenn es emotionale Konflikte unter Menschen gibt, dann gibt es oft eine physische Lösung. Denken Sie an Anna Karenina. Es gibt den Konflikt zwischen ihrer Leidenschaft für ihren jungen Liebhaber und ihrer Pflicht gegenüber ihrem Ehemann und ihrem Sohn. Das löst sich letztlich im Tod. Das gibt es in der Literatur immer wieder. Und wenn sich zwei Menschen in einem Roman wirklich lieben, dann kommt der Konflikt von außen. Denken Sie an Romeo und Julia, auch die beiden starben. Und wenn es ein glückliches Ende ist, dann heiraten die beiden, haben fantastischen Sex und leben glücklich bis an ihr Lebensende. Aber auch das ist eine physische Lösung eines emotionalen Konflikts. So funktioniert Literatur nun einmal.


Gab es schon Szenen, die Sie hinterher wieder verworfen haben, weil es zu drastisch waren?


Leser sind sehr sensibel. Man muss das richtige Maß finden. Ich will ja nicht, dass die Leser das einfach überblättern. Wenn es zu grausam ist oder es zu oft passiert, dann finden die Leser das geschmacklos. Aber ich muss natürlich dafür sorgen, dass der Leser sich in die Geschichte hineingezogen fühlt. Wenn der Leser sich entweder abgestoßen oder auch gelangweilt fühlt, dann habe ich etwas falsch gemacht.


Der Bösewicht des Buches, Wynston, sagt, dass die meisten Menschen sehr leicht hinters Licht zu führen seien. Befürchtet das auch Ken Follett?


Ja, ich fürchte, dass die Populisten leichtes Spiel haben. Ich bin oft sogar schockiert, wie einfach Menschen sich betrügen lassen. Ich war völlig niedergeschlagen, als das türkische Volk selbst dafür gestimmt hat, nicht frei zu sein. Ich verstehe das bis heute nicht. Wie kann man selbst wählen, nicht frei zu sein? Sie wurden betrogen, aber sie waren nicht die einzigen. Schauen Sie auf die amerikanische Politik. 40 Prozent denken immer noch, dass Donald Trump als Präsident gute Arbeit macht. Ich verstehe es einfach nicht.


Dabei klären Medien jeden Tag über Trump auf. Sie waren selbst lange Journalist. Ist der Journalismus in der Krise?


Ja, ich fürchte, dass mein alter Berufsstand etwas ratlos ist. Die New York Times und die Washington Post zählen jeden Tag Trumps Lügen auf. Aber diese beiden Zeitungen haben nicht mehr ihre frühere Stellung. Jeder guckt heute auf andere Medien, und gerade in den sozialen gibt es einen Haufen falsche Informationen. Die Leute sind aber bereit, das zu glauben. Und dabei ist es oft nicht einmal auch nur einleuchtend. Denken Sie an die Theorie, dass die amerikanische Regierung selbst die Anschläge vom 11. September ausgeführt hat. Das ist so dumm, dass es eigentlich lächerlich ist. Es ist aber leider gefährlich, weil es Menschen gibt, die so etwas glauben. Deshalb ja, es gibt eine Krise der Wahrheit in der öffentlichen Meinung.


Sie haben ein sehr düsteres Bild des Mittelalters gezeigt, in dem nur der Stärkste gewinnt. War es so drastisch?


Ja, ich fürchte schon. Bei vielen Konflikten in meinem Buch geht es darum, dass Menschen Gerechtigkeit suchen. Der Roman zeigt, wie elendig die Situation sein kann, wenn man keinen Rechtsstaat hat. Ist es nicht faszinierend, dass wir den Rechtsstaat als etwas völlig Selbstverständliches ansehen? Und jetzt kommen Politiker wie in Polen oder auch Trump, und akzeptieren das einfach nicht mehr. Und in meinem eigenen Land haben wir eine Zeitung, die Daily Mail, die regelmäßig Richter kritisiert und sagt, dass diese Leute ja nicht gewählt seien. Natürlich nicht! Sie sind Teil eines ganz anderen Systems, eben nicht der gewählten Volksvertreter. Wir haben hier tatsächlich eine große Zeitung, die das nicht versteht. Mein Buch zeigt, in was für Probleme man geraten kann, wenn es den Rechtsstaat nicht gibt. Ich bin ein großer Fan des Rechtsstaats!


Würden Sie gern in einer anderen Zeit leben?


Nein, ganz bestimmt nicht. Schon weil ich die Bequemlichkeiten unseres heutigen Lebens sehr schätze. Ein warmes Haus, weiche Kleidung, ein guter Wein – das würde ich alles vermissen. Selbst im viktorianischen England. Was für eine entsetzliche Zeit! Ich würde mir das alles wahnsinnig gerne angucken. Ich würde gern Paris während des Baus der Kathedrale von Notre-Dame besuchen. Oder ich würde gern William Shakespeare fragen, warum haben Sie das so geschrieben und was bedeutet dies. Aber damals wirklich leben? Nein!


Als Sie vor 30 Jahren „Die Säulen der Erde“ veröffentlicht haben, war das eine sehr optimistische Zeit: Die Berliner Mauer war gefallen, Osteuropa demokratisierte sich, in Lateinamerika fielen die Militärdiktaturen. Wie sieht es in 30 Jahren aus?


Ich weiß nicht, was passieren wird, aber ich bin sehr besorgt. Das, was bislang immer als klare Regeln galt, wird mehr und mehr infrage gestellt. Und denken Sie an den Klimawandel, wo wir momentan komplett versagen und eine Menge Zeit verschwenden. Eigentlich bin ich ein Optimist. Aber momentan nicht, wenn ich an die Zukunft unseres Planeten denke.


Sie sind jetzt 71. Haben Sie jemals überlegt, in Rente zu gehen?


Auf keinen Fall! Sollte ich mal in die Hölle kommen, dann macht man mich da zu einem Rentner und ich muss Golf spielen. Das wäre wirklich die Hölle für mich!


Dann müssen wir aber fragen, woran Sie als Nächstes arbeiten.


Oh, ich arbeite wirklich schon an einer neuen Geschichte, schon seit fast einem Jahr. Aber ich bin noch nicht soweit, dass ich darüber sprechen kann. Auch deshalb, weil sich noch ganz viel ändern kann. (dpa)

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