„Exit-Strategie“ ist momentan das Wort der Stunde. In den kommenden Tagen wird von der Föderalregierung um Premierministerin Sophie Wilmès (MR) ein Fahrplan zur Lockerung der geltenden der Corona-Maßnahmen erwartet. Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen vor allem die Aspekte Gesundheit und Wirtschaft.
Ginge es nach 123 Humanwissenschaftlern, müsse die Politik ihren Fokus allerdings auch auf den Schwerpunkt Mensch legen. Denn die Berücksichtigung der Faktoren Ökonomie und Gesundheit reiche nicht aus, um Belgiens Gesellschaft erneuern zu können. „Es erfordert vielmehr eine breitere Perspektive“, unterstreicht Yves Moreau.
Der Professor der Katholischen Universität Löwen (KULeuven) hat mit seinem Kollegen Olivier Servais von der Katholischen Universität Löwen (UCL) 121 Akademiker – überwiegend Humanwissenschaftler – mobil gemacht, um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. Gemeinsam hat das Kollektiv, das unter anderem Soziologen, Anthropologen, Psychologen, aber auch Kommunikationswissenschaftler, Juristen sowie Kriminologen umfasst, ein umfangreiches Dossier mit dem Titel „Eine soziale Exit-Strategie“ verfasst. Darin enthalten: Über 50 verschiedene Beiträge, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Wichtigkeit aufzeigen, dass auch der soziale bzw. menschliche Aspekt in den Planungen einer „Exit-Strategie“ intensiv einkalkuliert werden muss. „Der Mensch ist mehr als eine wirtschaftliche Kraft oder ein Träger des Virus“, sagt Yves Moreau.
In ihrer Ausarbeitung sprechen sich die Verfasser unter anderem dafür aus, das die Vorbereitung zur Lockerung der Ausgangsbeschränkungen als eine gesellschaftliche Debatte geführt werden sollte. Darüber hinaus plädieren sie dafür, alle Prüfungen an Bildungsstätten auszusetzen, einen Miet-Stopp für Sozialwohnungen zu veranlassen sowie Alten- und Pflegeheime in kleinere Einrichtungen neu zu organisieren.
Das umfangreiche Dossier wurde mittlerweile der Expertengruppe, die die Regierung vor einigen Tagen zusammengestellt hat, um eine „Exit-Strategie“ zu entwerfen, übermittelt. Und dort werde es in den Augen von Yves Moreau und seinen Mitstreitern auch dringendst gebraucht. Denn das Gremium umfasse keine Fachleute der Humanwissenschaften. Dabei gebe es bei der Planung eines Corona-Fahrplans genügend „soziale Herausforderungen“ zu bewältigen. Die Forscher führen hierbei unter anderem die Achtung der Kinder- und Menschenrechte, eine effektive Krisenkommunikation sowie das Risiko wachsender Ungleichheit und Armut ins Feld.
„Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass die Experten aus dem medizinischen und wirtschaftlichen Sektor ihre Arbeit nicht richtig machen, sondern ihnen einfach nur helfen, die bestmöglichen Entscheidungen bei der Gestaltung einer Exit-Stratgie zu treffen, bei dem das allgemeine Wohl der belgischen Bevölkerung an erster Stelle steht“, argumentieren die Wissenschaftler in der Einleitung ihres Dossiers.
Inwiefern ihre Ausführungen tatsächlich Berücksichtigung finden, wird sich spätestens am 24. April zeigen. Dann kommt der Nationale Sicherheitsrat erneut zusammen, um „mehr Zukunftsperspektiven“ aufzuzeigen, so Premierministerin Sophie Wilmès. (belga/calü)

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