Die Coronakrise trifft auch Belgien hart. Und wie bei nahezu jeder Krise trifft auch diese die schwächsten Menschen in unserer Gesellschaft am stärksten. Viele Familien, die mit nur einem Einkommen überlebt haben, werden in den kommenden Wochen am Rande der Armut stehen. Viele ältere Menschen, die alleine leben, sterben an Einsamkeit. Menschen ohne Papiere, Menschen in Armut, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren und deren Interim-Vertrag nicht verlängert wird. In einigen Städten wurden Vorkehrungen für die Schwächsten getroffen, aber oft reichen diese Einrichtungen nicht aus, und Menschen bleiben auf der Strecke. In Antwerpen und Brüssel mussten Ärzte-ohne-Grenzen, Ärzte-der-Welt und das Rote Kreuz Obdachlosen und Flüchtlingen Schutz bieten.
Wir zeigen gerne Solidarität mit Helden. Es stärkt unser Selbstwertgefühl, und der Applaus bei Einbruch der Dunkelheit beschwört auch unsere eigenen Ängste. Aber wie sieht es aus am ausgefransten Rand der Gesellschaft? Solidarität scheint dort nicht so selbstverständlich zu sein.
Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen sind auch bei uns kein Tabu mehr. Öffentlichen Krankenhäusern wie auch dem gesamten Gesundheitssektor werden von aufeinanderfolgenden Regierungen Rentabilitätskriterien auferlegt, und sie werden streng auf ihre Kosteneffizienz hin bewertet. Die Qualität der Betreuung und die Arbeitsbedingungen des Personals rücken an die zweite Stelle. Krankenschwestern, Pflegekräfte, Hebammen und Assistenten müssen mit immer weniger Kollegen immer mehr Aufgaben auf sich nehmen. Verschiedenen Berichte über Pflege- und Arbeitsbedingungen in privaten Altersheimen sind uns noch in frischer Erinnerung. Hebammen wurden bei der Verteilung von Schutzausrüstung gegen Corona wie Masken und Schürzen einfach übersehen. Sie müssen sich nun recht oder schlecht selbst behelfen.
Das Pflegepersonal hat bei uns in Belgien, aber auch im Rest Europas, Alarm geschlagen. Innerhalb von 20 Jahren wurden in Italien insgesamt 120.000 Betten abgebaut. Das Land kriegt nun die Rechnung präsentiert. All dies verleiht dem Applaus für die Helden des Gesundheitswesens aus unserer Sicht einen zynischen Beigeschmack. Alle, die vom Fenster oder vom Balkon aus für uns applaudieren, bitten wir, diesmal auch um engagierte Ovationen für unsere soziale Sicherheit. Applaudieren Sie besonders für die unzähligen Krankenschwestern, Pflegekräfte, Assistenten, Hebammen, Wartungs- und Empfangspersonal, die allzu oft unterbezahlt, überarbeitet und unzureichend geschützt die „Drecksarbeit“ ausführen müssen. Wir hoffen vor allem, dass Sie Ihren Blick nicht abwenden und Ihr Applaus nicht nachlässt, sobald das Virus von den Titelseiten verschwindet. Wir sind ernsthaft besorgt über die Folgen dieser Krise.
Wird der wirtschaftliche Schaden wie nach der Bankenkrise 2008 wieder an uns Steuerzahler durchgerechnet? Wird man das gleiche Rezept verwenden und mit eiserner Hand weitere Einsparungen durchsetzen? In den kommenden Jahren müssen wir kämpfen, um unsere soziale Sicherheit zu verteidigen. Zur Förderung eines starken, qualitativ hochwertigen und zugänglichen Gesundheitswesens. Ihres Gesundheitswesens! Wir hoffen, dass Ihre Solidarität nicht im Lockdown bleibt, wenn Sie sich wieder frei bewegen können.
Doris Vandenbossche, Lucie Blondé, Egmont Ruelens, Winfried Huba – Allgemeinmediziner aus Gent

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