Deren Tag-Nacht-Rhythmus war offenbar sehr entscheidend für ihr Wachstum, und zwar viel entscheidender als die Jahreszeiten. Die Schale einer ausgestorbenen und sehr vielfältigen Gruppe von Weichtieren wuchs so schnell, dass sie jeden Tag einen winzigen Wachstumsring bildete.
Den Wissenschaftlern gelang es, diese täglichen Wachstumsringe mit einer sehr hohen Auflösung zu untersuchen und dann chemisch zu analysieren. Sie entfernten mit Hilfe von Lasern sehr dünne Proben aus der Muschelschale, die nicht größer als ein rotes Blutkörperchen waren, und analysierten jeden Ring zu fünf verschiedenen Zeitpunkten.
„Das ist eine Auflösung, von der Geologen nur träumen können, vor allem aus der Perspektive, dass die Muscheln vor 70 Millionen Jahren in einem Meer im heutigen Oman lebten, wo heute eine Berglandschaft existiert“, erklärt der Wissenschaftler Niels de Winter von der VUB: „Diese Art von Muschel, die in der späten Kreidezeit lebte, hat einige besondere Merkmale, und sie sind heute nicht mehr die gleichen. Wahrscheinlich lebten sie in Symbiose mit Algen, wie es einige Korallen heute noch tun, und waren damals selbst die wichtigsten Riffbauer.“
Die Forschung der belgischen Wissenschaftler zeigt unter anderem, dass die Muscheln früher tagsüber schneller wuchsen als nachts, was darauf hindeuten könnte, dass sie in Symbiose mit Algen lebten, wie Korallen, die für die Photosynthese Tageslicht benötigen. „Es gibt auch heute noch große Muscheln, die eine solche Symbiose zum Überleben brauchen, die sogenannte Große Riesenmuschel (Tridacna gigas, A. d. R.)“, so de Winter.
In der späten Kreidezeit herrschten tagsüber etwa 40 Grad Celsius im Sommer und etwa 30 Grad Celsius im Winter.
Aufgrund des täglichen Wachstums der Muschel konnten die Forscher feststellen, dass es zu diesem Zeitpunkt 372 Tage im Jahr gab. Die Umlaufdauer der Erde um die Sonne unterschied sich jedoch nicht von der heutigen, d. h. ein Jahr war so lang wie jetzt, aber es gab mehr und kürzere Tage in einem Jahr. „Das hat mit der gegenseitigen Anziehung von Erde und Mond zu tun“, sagt De Winter: „Die Gravitation verursachte eine allmähliche Verlangsamung der Erdrotation um ihre eigene Achse, verbunden mit einer langsamen Entfernung des Mondes von der Erde.“
Die chemischen Analysen zeigen außerdem, dass in der späten Kreidezeit tagsüber etwa 40 Grad Celsius im Sommer und etwa 30 Grad Celsius im Winter herrschten, so De Winter. Der Wissenschaftler hofft mit seinen Kollegen nun, die gleiche Untersuchung von Muscheln wiederholen zu können, die zu anderen Zeiten in unserer geologischen Geschichte gelebt haben.
Die Studie wurde in der internationalen Zeitschrift „Paleoceanography and Paleoclimatology“ unter dem Titel „Sub-daily scale Chemical Variability in a Torreites Sanchezi Rudist Shell: Implications for Rudist Paleobiology and the Cretaceous Day-Night Cycle“ veröffentlicht. (belga)

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