Es war bereits 0:49 Uhr am Samstag, als Roger Federer in einem Krimi zur Geisterstunde doch noch den Kopf aus der Schlinge zog. In einem packenden, über weite Strecken auch hochklassigen Match rang der Grand-Slam-Rekordsieger aus der Schweiz am Tag der Abschiede bei den Australian Open den wie entfesselt spielenden Australier John Millman nieder. Nach 4:03 Stunden siegte Federer gegen die Nummer 47 der Weltrangliste 4:6, 7:6 (2), 6:4, 4:6, 7:6 (8).
Mit einer diagonal geschlagenen Vorhand verwandelte Federer seinen ersten Matchball. Zuvor war er seinem 100. Sieg in Melbourne nie näher als zwei Punkte gekommen. „Die Dämonen haben schon gelauert“, sagte der Schweizer abgekämpft, er habe sich schon „überlegt, wie ich das erkläre.“ Mit 4:8 hatte er im Match-Tiebreak bereits hinten gelegen, dann verhalfen ihm seine magischen Hände und Patzer von Millman zu sechs Punkten nacheinander.
Begonnen hatte der turbulente Tag der vorzeitigen und tränenreichen Abschiede mit dem letzten Match der ehemaligen Weltranglistenersten Caroline Wozniacki (Dänemark), die im Dezember erklärt hatte, die Australian Open würden ihr letztes Turnier sein. Kaum war die Siegerin von 2018 gescheitert, wurde Serena Williams (USA) auf ihrer Jagd nach dem 24. Einzeltitel bei Grand Slams und damit dem Rekord von Margaret Court gestoppt. „Unprofessionell“, sagte Williams, habe sie gespielt, „das war nicht cool.“
Kurz nach Wozniacki und Williams scheiterte Julia Görges (Bad Oldesloe) in drei Sätze an Alison Riske (USA), am Abend dann unterlag die Titelverteidigerin Naomi Osaka (Japan) dem US-Wunderkind Cori Gauff in zwei Sätzen. Zeitgleich wurde der an Nummer sechs gesetzte ATP-Champion Stefanos Tsitsipas (Griechenland) von Milos Raonic (Kanada) im Eiltempo abserviert. „Tennis ist im Allgemeinen ein komisches Spiel“, sagte er hinterher.
Für Wozniacki (29) war Tennis 15 Jahre lang ihr Leben, nur „beginnt ein neues Kapital“, sagte sie mit verweinten Augen, aber auch mit einem Lachen nach ihrer knappen Niederlage (5:7, 6:3, 5:7) gegen Ons Jabeur (Tunesien). Am Ende überwogen die Glücksgefühle am Ort ihres einzigen Grand-Slam-Siegs (2018): Das Publikum jubelte, zu „Sweet Caroline“ lief sie eine Ehrenrunde, Familie und Mann waren da - ein „perfekter Abschied“, sagte sie.
71 Wochen lang war Wozniacki Nummer eins der Weltrangliste, ihre weiblichen wie männlichen Kollegen auf der Tour hat sie über die Jahre hinweg mit ihrem großen Kampfgeist und ihrer Freundlichkeit berührt. „Oh mein Gott“, sagte Williams, „ich werde emotional. Oh mein Gott, ich werde sie vermissen.“ Der 38-Jährigen schien der Abschied von Wozniacki näher zu gehen als ihr 4:6, 7:6 (2), 5:7 gegen die Chinesin Wang Qiang. Zugleich sagte Williams, sie denke nicht mal daran, dass sie 2021 nicht wieder nach Melbourne komme. Vorerst aber muss auch Williams die Bühne einem Teenager überlassen, dessen Vorbild sie ist. Es war bemerkenswert, wie entschlossen und cool Cori Gauff am Abend in der großen Rod Laver Arena Naomi Osaka mit 6:3, 6:4 aus dem Turnier warf. Ihr größter Wunsch danach: „Vielleicht könnte ich Rod Laver treffen, ich brauche ein Selfie mit ihm für Instagram“, sagte sie. Laver ließ sogleich per Twitter ausrichten, er wolle Gauff treffen. Wie weit ihre Reise nun noch geht? Nun, „ich glaube immer, dass ich gewinnen kann, egal, wer mein Gegner ist“, sagte Gauff. Sollte sie das durchhalten, ginge sie am 1. Februar als jüngste Grand-Slam-Siegerin in die Geschichte ein. (sid)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren