Agora feiert 2020 drei Jubiläen und eine Weltpremiere

Die Agora wäre nicht die Agora und sich selbst nicht treu, wäre sie nicht auch im Jubiläumsjahr politisch: politisch im guten Sinne des Wortes. Und weil nur wer sich ändert, sich auch treu bleibt – wie Wolf Biermann singt – sieht der künstlerische Leiter der Agora, Kurt Pothen, das dreifache Jubiläumsjahr auch im Rahmen des Prozesses der Erneuerung, den die Agora seit einigen Jahren durchmacht. „Ein spannender, nicht schmerzfreier Prozess“, sagt Kurt Pothen, der die Fackel aufnahm, als der charismatische Gründer der Agora, Marcel Cremer, vor ziemlich genau zehn Jahren viel zu jung verstarb. Zu dem schwierigen Weg der ständigen Hinterfragung von Gott und der Welt, den die Agora seit jeher geht, hat sich seit Marcel Cremers Tod die Frage nach dem Umgang mit dessen künstlerischem Erbe hinzugesellt.

Eine Produktion zu Neutral-Moresnet

Ins Politische übersetzt, heißt das für die Agora im Jubiläumsjahr z.B. zu hinterfragen, wie man in einer Region wie der Deutschsprachigen Gemeinschaft seine kulturelle Identität jenseits von Separatismus und Ausgrenzung definieren und leben kann. So wird man pünktlich zum 30. Theaterfest ab dem 23. Oktober eine neue Produktion präsentieren, die sich mit dem spannenden Geschehen in dem Gebiet um Moresnet befasst, das zwischen 1816 und 1920 neutral war und zum 20. Januar 1920 gemeinsam mit den damaligen Kreisen Eupen und Malmedy belgisch wurde. „Roh Stoff Amikejo“ lautet der Arbeitstitel der Produktion.

Vorher wird aber vieles mehr passieren und zuallererst die Welturaufführung in deutscher Sprache des bislang einzigen Theaterstückes aus der Feder des bekannten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek mit dem Titel „Die drei Leben der Antigone“, nach der wohl bekanntesten Tragödie der europäischen Theatergeschichte, der „Antigone“ des Sophokles, die den Freitod wählt. In dem Žižek-Text, der sich als dialektisches Lehrstück versteht, geht es um Gewissen und Gesetz, um Schicksal und Freiheit, um Wahl und Gehorsam, allesamt Themen, die man in vielen Stücken der Agora findet.

„Eigentlich ist es ein Musical“

Wir hatten die Gelegenheit, den zehn Spielern unter der Regie von Felix Ensslin, der damit seine dritte Arbeit für das Theater der DG abliefert, bei den Proben zuzusehen und konnten uns davon überzeugen, dass der in Köln lebende „Kurator, Theaterautor, Dramaturg, Regisseur, Hochschullehrer und Philosoph“, so Wikipedia, nicht Unrecht hat, wenn er lachend meint: „Eigentlich ist es ein Musical“, wobei die musikalische Bandbreite in dem Stück von Deutschpop bis zur polyphonen Kirchenmusik des Mittelalters reicht.

Die Premiere findet im Triangel in St.Vith an drei Tagen vom 16. bis 18. Januar jeweils um 20 Uhr statt. Anschließend ist die Agora mit dem Stück im Freien Forum Theater in Düsseldorf, präziser vom 22. bis 25. Januar. Dort wird am 24. der Autor Slavoj Žižek persönlich anwesend und, nach der Aufführung, im Gespräch mit Felix Ensslin zu hören sein. Am 23. Januar gehört das DG-Thema „Permanenter Bürgerdialog“ zum Rahmenprogramm, u.a. mit Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG) und einem Vertreter des DG-Bürgerrates.

Erinnerungen an Marcel Cremer

Nach der auch international viel beachteten „Animal Farm – Theater im Menschenpark“ nach Orwell liefert die Agora mit „Die drei Leben der Antigone“ erneut den Beweis ab, dass sie zum „High End des deutschen Theaters“ gehört, wie es Ensslin formulierte, wie es aber auch Rezensionen der bekanntesten Theaterzeitschriften belegen.

Ende März folgt dann die Vorstellung des 300-Seiten-Buches „Marcel Cremer und das Agora Theater“ mit einem Vorwort von Kurt Pothen, Texten und Gedichten von Marcel Cremer, mit Kommentaren von Christel Hoffmann, ehemals Dramaturgin am „Theater der Freundschaft“ in Berlin, und vielen weiteren Materialien. Das Buch erscheint im anerkannten Verlag „Theater der Zeit“. Außerdem wird es einen Dokumentarfilm mit dem gleichen Titel von Paperplane Productions geben.

Der wird auch beim Theaterfest im Oktober gezeigt, das sicher einer der Höhepunkt des Jahres werden wird. Premiere wird dort das Stück um Neutral-Moresnet feiern, für dessen Erarbeitung die Agora auf die Materialien zum Radiofeature „Amikejo“ von Yves Robic und des Museums Kelmis zurückgreifen kann. Auf der Bühne, so viel steht schon fest, werden nur Spielerinnen stehen. Zur Anwendung kommt die von Marcel Cremer entwickelte „autobiografische Methode“.

Auf Tour mit einem Wechselprogramm

Mit „Identity“ (wir berichteten in der Ausgabe vom 8. Januar) wird auch ein theaterpädagogisches Projekt beim TheaterFest präsentiert – dieser Aspekt gehört bekanntlich zur DNA der Agora, die nach ihrer allerersten Auführung „Die Ermittlung“ von Peter Weiss vor 40 Jahren gleich mit „Martha, die letzte Wandertaube“ ein Kinderstück präsentierte.

Die Agora hat im Laufe der Jahre hervorragende Kooperationen mit Theatern in vielen Städten Belgiens, aber auch in Deutschland geknüpft. So wird man zum Jubiläum an vielen dieser Spielorte mit einem umfangreichen Programm präsent sein, bei dem die Agora aus ihrem reichen Fundus schöpft und aktuelle Produktionen wie u.a. „Arendt auf der Bühne“ oder „Cuts, Pieces and Sounds“ präsentieren wird. Außerdem gibt es überall ein mit den Partnern gemeinsam erarbeitetes Rahmenprogramm. Zum Theaterfest werden dann die besuchten Theater mit ihren Produktionen nach St.Vith kommen.

Das GrenzEcho wird in den nächsten Monaten regelmäßig auf das Dreifach-Jubiläumsjahr der Agora zurückkommen.

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