Tanzen gegen den Wahnsinn in Beirut

<p>Ein Wahrzeichen der etwas anderen Art: Das nie fertig gestellte Kinogebäude wird „The Egg“ genannt.</p>
Ein Wahrzeichen der etwas anderen Art: Das nie fertig gestellte Kinogebäude wird „The Egg“ genannt. | Foto: Philipp Laage/dpa

Als Chatah 2006 die erste Walking Tour für Touristen in Beirut anbot, tauchte nur eine Person auf – wegen des Libanonkrieges im Sommer. Die Hisbollah hatte zwei israelische Soldaten entführt, deshalb startete Israel Luftangriffe auf die Miliz und bombardierte auch Ziele in Beirut. Chatah blies die Tour wieder ab. Der Historiker unternahm drei Jahre später einen neuen Versuch, die Lage hatte sich beruhigt. Wieder kam nur ein Teilnehmer, doch rasch wurden es mehr, es kamen bis zu 50 Gäste pro Tour mehrmals die Woche.

„Ich habe viel Mühe hinein gesteckt, damit jeder, der in Beirut war, daran teilnehmen konnte“, erzählt Chatah. Damals war er der einzige, der Stadtführungen zu Fuß anbot. Dann kam das Jahr 2013. Die Sicherheitslage verschlechtert sich wieder. Ende Dezember wurde Chatahs Vater, ehemaliger Finanzminister, durch eine Autobombe getötet. Ronnie verließ den Libanon und ging nach Schottland. Es sollte vier Jahre dauern, bis er zurückkam.

Heute trifft man Ronnie Chatah zum Beispiel im angesagten Ausgehviertel Mar Mikhael - und hat nicht das Gefühl, dass der 40-Jährige verbittert ist. Er will sie immer noch der Welt zeigen, seine Stadt, Beirut. Der einzige Grund, warum er im Libanon bleibe, sei die Tour, sagt er. „Sie wurde zu einem Tribut an alle, die den ultimativen Preis für dieses Land gezahlt haben.“ Wie sein Vater. Beirut galt einmal als das „Paris des Nahen Ostens“, eine mondäne Jetset-Metropole am Mittelmeer. Dann brach der Bürgerkrieg aus. Das war 1975, die Gefechte dauerten 15 Jahre. Die Stadt wurde zerschossen und wieder aufgebaut, aber im Libanon blieb der Frieden immer nur kurz zu Besuch: Attentate, Zedernrevolution, der Sommerkrieg. Trotzdem bewahrte sich Beirut seinen Ruf als Party-Hauptstadt, in der das Leben zelebriert wird wie nirgendwo sonst in der Region.

Dieser scheinbare Widerspruch, diese Spannung prägt einen Besuch der Stadt. Das, was man auf Reisen sonst als Sightseeing bezeichnet, führt in Beirut an eher düstere Orte. Bis heute ragt im Zentrum ein groteskes Betonskelett in den Himmel, durchlöchert von Granateinschlägen: das alte „Holiday Inn“. Das Luxushotel wurde im Bürgerkrieg gebrandschatzt und im Laufe des Konflikts von verschiedenen Milizen besetzt. Der Wolkenkratzer war ein strategisch wichtiger Ort, ideal für Scharfschützen.

In Downtown mit seinen Hochhäusern tobte in den ersten drei Kriegsjahren die „Hotel-Schlacht“. Wer heute als auswärtiger Besucher dort spaziert, bemerkt das nicht mehr. Milliarden wurden investiert, Luxuslabels haben Geschäfte bezogen. Der Beirut Souk hat nichts mit einem wuseligen, arabischen Markt zu tun, es ist eine am Reißbrett entworfene, tadellos saubere Mall. Auch der zentrale Märtyrer-Platz mit der prächtigen Al-Amin-Moschee erinnert an ein ernstes Kapitel der Geschichte. Nachdem Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri 2005 ermordet worden war, kamen hier Hunderttausende Libanesen zusammen, um gegen die syrische Besatzung des Landes nach dem Krieg zu demonstrieren - sie waren erfolgreich. Auf dem Platz steht ein Denkmal für libanesische Nationalisten, die während des Ersten Weltkriegs hingerichtet wurden. Einschusslöcher aus dem Krieg wurden bei der Restaurierung nicht beseitigt.

Ein Mahnmal, genauso wie „The Egg“, ein eierförmiges Kinogebäude, das nie fertig wurde. Das Gerippe trägt Kampfspuren und bunte Graffiti. Wenige Gehminuten entfernt befinden sich der Place de l'Etoile mit dem Parlament und einem Glockenturm aus osmanischer Zeit, der Regierungspalast und die Ausgrabungsstätte eines römischen Bades. Ein architektonisches Durcheinander, wie fast überall in der Stadt. Nein, Beirut ist nicht in dem Sinne schön - aber lebendig und stets in Feierlaune. Günstige arabische Kost, eine Wasserpfeife und ein Plausch sind an jeder Ecke zu haben. Gourmet-Restaurants beglücken feine Zungen, Rooftop-Bars laden zu Drinks ein. Wenn „Metropole voller Widersprüche“ keine Floskel ist, dann in Beirut.

„Die Stadt ist zerrissen zwischen Stabilität und Instabilität, zwischen Wohlstand und Ruin“, sagt Ronnie Chatah. Beirut könne die Partystadt sein, bekannt für Szene und Nachtleben. Doch die Kehrseite sei gleichermaßen richtig: „Die Stadt ist bekannt für Gewalt, Unruhe, politische Stagnation und Krieg.“ Denn die Nacht hereingebrochen ist, schieben sich die Autos durch das Bohemien-Viertel Gemmayzeh, das nahtlos in Mar Mikhael übergeht. Schmale Bars quellen aus renovierungsbedürftigen Häusern hervor und bevölkern die Bürgersteige mit rauchenden, trinkenden Gästen. Gegen Mitternacht geht es in die Nachtclubs. Die „Grand Factory“ befindet sich in einem alten Industriegebäude. Stroboskop, eine Bar, hinter der tanzenden Menge die Bühne für das DJ-Team, heute arabischer Elektro. „Die Leute sind da aus einer Notwendigkeit heraus“, sagt Tala Mortada, 30, DJ. „Sie gehen aus, um loszulassen.“ Tala Mortada kennt das Nachtleben. Sie legt in der „Grand Factory“ auf, hat den Club zusammen mit ihrem Mann aufgebaut.

In diesen Wochen, in denen die Libanesen gegen Korruption, Misswirtschaft und die herrschende politische Klasse demonstrieren, ist in der „Factory“ oft der Schlachtruf „Thawra!“ zu hören: Revolution! Auf der Tanzfläche erlebe man nun eine Solidarität, die es zuvor nicht gegeben habe, sagt Tala. Die Kreative kann viel erzählen über den kaputten Staat, den Müll, die Stromausfälle und die Jugend, die oft lieber ins Ausland geht. Und warum das Feiern den Menschen so wichtig ist. „Wir haben uns daran gewöhnt, wie schrecklich die Situation im Land ist.“ Das einzige Ventil sei es, auszubrechen. „Und ich glaube, das Nachtleben ist einer dieser wichtigen Ausbrüche.“ Als Besucher kann man dabei sein und zumindest versuchen, die Gemengelage nachzuempfinden. Ronnie Chatah geht eher nicht mehr in Clubs. Aber er ist in Beirut geblieben. Seine Tour fällt jetzt manchmal aus, wegen der Demonstrationen. Aber er hat sie nicht aufgegeben. Seinen Gästen erzählt er auch von seinem Verlust: „Ich wollte einen Teil meines Schmerzes teilen, aber auf die richtige Weise.“ Was wäre denn der falsche Weg? Ronnie überlegt. „Eine negative Tour, die die Stadt schlecht macht. Aber ich habe mich dazu entschlossen, sie mit all ihren Facetten zu zelebrieren.“ Das ist auch für eine Reise nach Beirut ein guter Ansatz. (dpa)

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