VRT und Kultursektor demonstrieren gegen Sparmaßnahmen - Angst vor Kulturkampf von rechts

<p>Demonstranten der VRT mit fast komplett gelb angemalten Gesichtern werden „erstickt“, was symbolisch für die „Erstickung“ der Kultur stehen soll.</p>
Demonstranten der VRT mit fast komplett gelb angemalten Gesichtern werden „erstickt“, was symbolisch für die „Erstickung“ der Kultur stehen soll. | Fotos: belga

Die Mitarbeiter der VRT versammelten sich am Donnerstag gegen 14.30 Uhr im VRT-Gebäude. Gegen 15.00 Uhr zogen rund 600 Teilnehmer zum Martelaarsplein, wo sich das Kabinett des flämischen Ministerpräsidenten Jambon befindet. Weitere 600 Menschen aus dem Kultursektor schlossen sich ihnen an. Insgesamt protestierten also rund 1.200 Menschen, und zwar genau dort, wo die flämische Regierung ihren Sitz hat. Diese hat große Pläne: Investitionen. Aber wer Geld bekommen will, muss es an anderer Stelle sparen. So die Argumentation der Regierung. Das trifft besonders den Kultursektor. Auch die VRT muss demnach sparen. Das will das Personal jedoch nicht einfach so hinnehmen.

Die VRT-Mitarbeiter wollen mit der Protestaktion kein politisches Signal senden oder eine Protestbewegung gründen, sondern der flämischen Regierung eine positive Botschaft vermitteln, dass der öffentlich-rechtliche Sender eine weitreichende sozial wichtige Rolle spielt. „Wenn die aktuellen, geplanten Einsparungen umgesetzt werden, wird es nicht mehr möglich oder schwieriger sein, diese soziale Rolle zu erfüllen“, betonte Sebastiaan Cielen, Sprecher der Mitarbeiterorganisation IedereenVRT. Viele Persönlichkeiten aus der Medienbranche bekundeten ihre Unterstützung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunksender. Am Ende der Veranstaltung empfing der flämische Medienminister Benjamin Dalle eine Abordnung der Demonstranten. Er betonte, dass die flämische Regierung großen Wert auf einen qualitativ hochwertigen und effizienten öffentlich-rechtlichen Sender legt.

<p>Demonstranten der VRT haben sich das Gesicht fast komplett mit gelber Farbe angemalt.</p>
Demonstranten der VRT haben sich das Gesicht fast komplett mit gelber Farbe angemalt.

Auffällig: Ein breiter gelber Streifen auf den Gesichtern vieler Demonstranten. Auch 60 Prozent der Abbildung zu diesem Thema im Internet sind auf diese Weise verdeckt: hunderte Fotos und Bilder, von denen nur noch etwas mehr als ein Drittel zu erkennen ist. Das Gelb steht für die Farbe der neuen, rechtsliberalen und nationalistischen Partei N-VA. Dass die Bilder genau zu 60 Prozent verdeckt sind, ist kein Zufall: Die N-VA will für 2020 Kultursubventionen teils um 60 Prozent kürzen. Proteste werden seitdem immer wieder laut. Nicht nur, weil der Rotstift die Kulturbranche in Flandern hart trifft.

„Gehen wir in Richtung offizielle Kunst?“, fragt sich seit Bekanntgabe der Kürzungspläne die Kulturwelt besorgt. Wie groß die Angst vor einem Kulturkampf der Rechten ist, zeigen die Reaktionen in Netzwerken, in denen unter #ThisIsOurCulture und #StateOfTheArts täglich neue Tweets gepostet werden wie „Das Publikum hat Recht auf Kunst… Kunst ist für jeden“ – Zitate des 1990 verstorbenen amerikanischen Pop Art-Künstlers Keith Haring.

Schon seit rund zehn Jahren wird in Flandern im Kulturbudget der Rotstift angesetzt. Auf Kürzungen war die Branche gefasst. Die Protestwelle ausgelöst hat, dass sie Vielen verdächtig selektiv erscheinen. Denn am heftigsten ist die Projektförderung betroffen, die mit 60 Prozent weniger Geld auskommen muss. Die größten Kulturinstitutionen wie die Flämische Oper kommen mit 3 Prozent davon, alle anderen mit 6 Prozent. Gespart werden soll schon ab Januar 2020.

Hinter den Subventionskürzungen steht nicht nur ein defizitärer Haushalt. Eine selektivere Auswahl solle zu einer besseren Unterstützung der übrig gebliebenen Projekte führen, erklärte Jan Jambon, Ministerpräsident und Kulturminister Flanderns von der Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA). Mit ihrem Mitte November vorgestellten Kulturbudget hatte es die nationalistische Partei offensichtlich eilig. Die Regierung unter Ministerpräsident Jambon ist erst seit 2. Oktober 2019 im Amt. Zum ersten Mal wurde das Kulturressort dem Ministerpräsidenten zugeordnet.

<p>Mit Bildern von Schinken (französisch „Jambon“) protestiert das VRT-Personal gegen die Sparmaßnahmen im Bereich Kultur der Jambon-Regierung.</p>
Mit Bildern von Schinken (französisch „Jambon“) protestiert das VRT-Personal gegen die Sparmaßnahmen im Bereich Kultur der Jambon-Regierung.

Fährt die Partei das Geschütz zu einem Kulturkampf auf? Eine Frage, die Wissenschaftler und Kulturschaffende beschäftigt. Die Partei habe daraus eine persönliche Angelegenheit mit der Kulturwelt gemacht, glaubt der Soziologe Mark Elchardus. Die Feindseligkeit zwischen der N-VA und dem Kultursektor spiele dabei eine Rolle, sagte der emeritierte Professor im belgischen Fernsehen.

Mit Empörung reagierten die renommierte flämischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker und der bekannte flämische Regisseur Ivo Van Hove. Was mit der Projektförderung falsch sei, dass sie so extrem beschnitten werde, fragten sie in einem offenen Brief an den Kulturminister. Beide Künstler hatten ihre internationale Karriere in Flandern gestartet.

Alarm auch aus dem europäischen Ausland. Kuratoren und Intendanten kritisierten in der Presse die Entscheidung. In der flämischen Zeitung „De Standaard“ forderten unter anderem Catherine Wood (Tate Modern), Christophe Slagmuylder (Wiener Festwochen) und Olivier Py (Theaterfestival Avignon) den Ministerpräsidenten auf umzudenken. (belga/dpa)

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