Warum der Papst eine Chance vertan hat

<p>Vor sechs Jahren trat Franziskus als Hoffnungsträger an. Nun hat er mit dem Gipfel zum Thema Missbrauch eine Möglichkeit verpasst, sich als konsequenter Reformer zu beweisen.</p>
Vor sechs Jahren trat Franziskus als Hoffnungsträger an. Nun hat er mit dem Gipfel zum Thema Missbrauch eine Möglichkeit verpasst, sich als konsequenter Reformer zu beweisen. | afp

Gerade hat Papst Franziskus eine Rede gehalten, die im Vorfeld als wegweisend für sein Pontifikat eingestuft worden war. Für Brogi war der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan allerdings die „x-te PR-Aktion, um die Wogen zu glätten, der aber keine Fakten folgen“. Der Italiener Brogi ist nicht alleine mit seinem Urteil. „Enttäuschung“, „Fiasko“ und „schamlos“ sind die Worte, die nun fallen.

Vielleicht waren die Erwartungen gerade aus Ländern wie Deutschland in der Tat zu hoch.

Franziskus hat die Chance gehabt, an diesem Sonntag ein neues Kapitel für die katholische Kirche aufzuschlagen. Er hatte die Spitzen der Bischofskonferenzen der Welt für vier Tage nach Rom geladen, um mit ihnen einen Weg aus der Krise zu finden, die die Kirche seit Jahren erschüttert. Vielleicht waren die Erwartungen gerade aus Ländern wie Deutschland in der Tat zu hoch. Aber die Abschlussrede, die der Argentinier hielt, erstaunte dann doch viele.

Gewiss, er setzte mit seiner Wortwahl starke Akzente gegen die „Abscheulichkeit“ Missbrauch. Aber wo waren die konkreten Maßnahmen gegen Missbrauch durch katholische Geistliche, die er zu Beginn der Konferenz selbst verlangt hatte? Wo war der Blick auf das Machtsystem Kirche, das viele Experten für die Misshandlungen von Kindern mitverantwortlich machen? Wo war die klare Linie?

„Wir haben dieses Bekenntnis, Missbrauch zu bekämpfen, schon oft gehört. Wann und wie, das ist es, was wir hören müssen – im Detail“, twitterte die Irin Marie Collins, die selbst Opfer von Missbrauch wurde. Sie saß einst in der päpstlichen Kinderschutzkommission, bevor sie diese aus Frust über deren Wirkungslosigkeit verließ. Von einer „verpassten Chance“ spricht auch Matthias Katsch von der deutschen Opferschutzvereinigung Eckiger Tisch, die in Deutschland die Enthüllungen vor rund zehn Jahren ins Rollen brachte.

Zwar kündigte der Vatikan konkrete Konsequenzen an, die in den kommenden Tagen verkündet werden sollten. Dazu gehört ein „praktisches Handbuch“, damit Bischöfen klar und deutlich vermittelt wird, dass auch sie Verantwortung tragen. Auch soll eine Task Force „kompetenter Personen“ gebildet werden, die die Ortskirchen unterstützen sollen. Doch der Abschluss der Konferenz bleibt trotz allem vage.

Statt sich sofort klar und deutlich mit der Schuld der Kirche zu beschäftigen, ging der Papst erst mal auf Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem ein. Er sprach von Eltern, Sportlehrern und Verwandten, die sich des Missbrauchs schuldig machten. Dann spricht er von Sextourismus und dem Internet, in dem Pädophile Kindern nachstellten. Von der Kirche ist da immer noch keine Rede.

Selbst wenn er dann auf die besondere Schwere der Schuld der Kirche als moralische Autorität eingeht, die sich doch eigentlich als liebende Mutter versteht: Der Diskurs über das globale Problem Missbrauch hat dennoch einen Beigeschmack. Das Signal an die Opfer: Erst spreche ich über das Problem woanders, bevor ich mich mit meinem eigenen beschäftige.

Wie so oft kommt Franziskus auf „das Böse“ zu sprechen, das hinter dem Missbrauch stecke. „Die gottgeweihte Person (…) lässt sich von ihrer menschlichen Schwäche oder ihrer Krankheit versklaven und wird so zu einem Werkzeug Satans.“ Missbrauch vergleicht der Papst mit dem heidnischen Ritual, Menschen zu opfern. Es gebe keine ausreichenden Erklärungen für Missbrauch von Kindern, meint der Papst.

Für viele Kritiker gibt es allerdings schon Erklärungen: Die Machtstruktur, die klüngelden Männerbünde in der Kirche, die fehlende Einbeziehung von Laien, Frauen und Nicht-Klerikern bei den Ermittlungen oder die oft institutionalisierte Geheimhaltung, die Vertuschung begünstigt. Wenn überhaupt, streift der Papst diese Themen. Auch spricht er die zentrale Forderung vieler Opfer nicht an, schuldige Priester umgehend aus dem Klerikerstand zu entlassen.

Stattdessen spricht er von einem „Gerechtigkeitswahn, der von den Schuldgefühlen aufgrund der vergangenen Fehler und dem Druck der medialen Welt hervorgerufen wird“. Journalisten legt er „Kalkül“ nahe und wirft ihnen vor, die „von den Kleinen durchlebten Dramen“ für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. (dpa)

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