Thüringen: Wiege der Reformation und Klassik

Nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“ standen bereits auf dem Weg nach Jena die ersten Besichtigungen auf dem Programm: Eisenach und die Wartburg. Seit dem Königreich der Thüringer im frühen Mittelalter und bis zum Ende der DDR-Zeit erlebte die Lutherstadt wechselvolle und teils bewegte Zeiten. Bekannt ist Eisenach vor allem durch die Wartburg und die gleichnamigen Fahrzeuge, die hier zwischen 1956 und 1991 gebaut wurden. Wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte sind der Aufenthalt Martin Luthers sowie die Geburt Johann Sebastian Bachs, der 1685 unweit des heutigen Stadtzentrums das Licht der Welt erblickte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Eisenach rund 400 Villen im Stil des Klassizismus und Jugendstils erbaut. So entstand das größte zusammenhängende Villenviertel Deutschlands - ein Zeichen des Wohlstands dieser kleinen Stadt. Nur wenige Kilometer von Eisenach entfernt thront die mächtige Wartburg. Erbaut wurde sie 1067. Die noch erhaltenen Teile dieses ersten Baus wurden im 19. Jahrhundert in den Neubau integriert. Die Festung und einstige Residenz der Herzöge war schon immer eng mit der deutschen Geschichte verbunden. Seit 1999 zählt die Burg zum UNESCO-Welterbe.

Die Heilige Elisabeth von Thüringen, die bereits im Alter von 24 Jahren verstarb, verbrachte im 13. Jahrhundert zwei Drittel ihres Lebens dort. Martin Luther, Urheber der Reformation, übersetzte 1522 in der Wartburg das Neue Testament aus dem Griechischen - die Ursprache der Heiligen Schrift - ins Deutsche und zwar in eine einfache, für jedermann verständliche Sprache. Überlieferungen zufolge benötigte er für diese Arbeit nur elf Wochen. Unmittelbar nach seiner Fertigstellung wurde das Werk 3000 Mal gedruckt. Wohlgemerkt im 16. Jahrhundert! Auch Johann Wolfgang von Goethe verweilte mehrfach in der Wohnstätte der Adligen und Grafen.

Zeiss prägte Jena

Am zweiten Tag lernen wir Jena kennen - während der gesamten Reise auch Aufenthaltsort für die ostbelgischen Gäste. Seit Gründung der Friedrich-Schiller-Universität im Jahre 1558 gelangte die Stadt zu europäischem Ruf. Heute zählt die Lehranstalt rund 19.000 Studenten. Die zweitgrößte Stadt Thüringens war schon im 19. Jahrhundert Zentrum der deutschen Optik- und Feinmechanik-Industrie sowie ein bedeutender Wissenschaftsort. Mit einem Startkapital von 100 Talern eröffnete Carl Zeiss 1846 ein Mechanik-Atelier in Jena, das - mithilfe der Akademiker Ernst Abbe und Otto Schott- durch die Entwicklung von Mikros-kopen sowie die Entwicklung und Herstellung astronomischer Instrumente unter dem Namen Zeiss Jena weltweit bekannt wurde. Heute zählt der Konzern mit Sitz in Baden-Württemberg 35.000 Mitarbeiter in fast 50 Ländern.

Nach einem Spaziergang an den Dornburger Schlössern und einem Rundgang durch die kleine Jenaer Altstadt erwartete die Gäste ein Sektempfang auf dem Jentower. Aus rund 144 Metern Höhe bot sich hier ein herrlicher Ausblick auf Jena und Umgebung.

Das 1926 eröffnete Zeiss-Planetarium ist das älteste noch in Betrieb befindliche Projektionsplanetarium der Welt und war der letzte Programmpunkt des Tages. Als ob sie in einer der vor 45 Jahren gestarteten Voyager-Raumsonden sitzen würden, reisen die Besucher durch unsere Galaxie, entdecken in atemberaubenden Bildern die Planeten und Monde unseres Sonnensys-tems sowie die faszinierende Schönheit des Weltalls mit seinen Milliarden Sternen, Asteroidengürteln, ...

Erfurts großer Reichtum

Ziel des nächsten Tages ist Erfurt. Der Spaziergang zum Altstadtkern der thüringischen Hauptstadt führt vorbei am Erfurter Dom, der mit zirka 81 Metern Höhe die größte freischwingende aus dem Mittelalter stammende Glocke besitzt. Herrliche Kaufmannshäuser und liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser prägen das Bild der einstigen Handelsstadt. Vor allem der Handel mit der Färbepflanze Waid sowie die Tatsache, dass die Stadt ein Etappenort der einstigen Ost-West-Handelsstraße war, hat Erfurt zu großem Reichtum verholfen.

Unscheinbar im Innenhof eines Häuserblocks steht hier auch die älteste noch erhaltene Synagoge Mitteleuropas, die vor mehr als 900 Jahren erbaut wurde. Seit dieser Zeit wurde das Gebäude vergrößert und nach mehrfacher Judenverfolgung und -vertreibung - bereits im Mittelalter - zweckentfremdet.

Selbstverständlich hatte die Gruppe auch die Gelegenheit, das bekannteste Baudenkmal Erfurts zu besuchen: die fast 80 Meter lange Krämerbrücke. Sie ist eine von rund 140 Brücken in Erfurt, allerdings die einzige durchgehend bebaute und bewohnte Brückenkonstruktion in Europa. In der Mehrzahl der Häuser werden Kunsthandwerksgegenstände, Antiquitäten und Souvenirs zum Kauf angeboten.

Ein dunkles Kapitel

Mit dem dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts beschäftigen sich die Ostbelgier im Nachmittag. 1937 ließ die SS nur wenige Kilometer von Weimar entfernt, auf dem Ettersberg und im Wald versteckt, das Konzentrationslager „Buchenwald“ errichten. Am Ende des Krieges war es das größte KZ im Deutschen Reich. Beinahe 280.000 Menschen aus 35 Nationen wurden hierhin verschleppt, inhaftiert und größtenteils zur Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie gezwungen. Mehr als 56.000 Menschen starben hier unter kaum vorstellbaren, grausamen Bedingungen. Mehr als ein Drittel der überlebenden Inhaftierten war keine 21 Jahre alt, darunter zirka 900 Kinder. Nach der Befreiung des Lagers am 11. April 1945 schrieb Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte: "Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick." Auch 77 Jahre später ist die Erschütterung ob der Gräueltaten bei den Besuchern zu spüren. An Tag vier stand Weimar auf dem Programm. Als "Wimares" (heiliger Sumpf) wurde die heutige Universitätsstadt erstmals im Jahre 975 urkundlich erwähnt. Johann Sebastian Bach, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und Franz Liszt haben Weimar zu ihrem Wohnsitz gemacht und somit zum geistig-kulturellen Zentrum in Deutschland. Lucas Cranach der Ältere, einer der bedeutendsten Maler der Renaissance, wirkte ebenfalls in Weimar, wo er auch verstarb.

Bauhaus, mehr als nur ein Baustil

Bauhaus ist eine Bewegung der Moderne, für die der Antwerpener Architekt und Designer Henry Clement van de Velde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Belgien, Frankreich und Deutschland den Grundstein legte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs musste er seine letzte Wirkungsstätte Weimar jedoch verlassen, weil er trotz deutschen Passes als Ausländer galt. 1919 gründete Walter Gropius in Weimar eine Kunstschule, das Staatliche Bauhaus, und übernahm van de Veldes Nachfolge.

Die einstige Residenz der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar und Eisenach war das Ziel einer Besichtigung am Nachmittag. Wie die höher gestellte Gesellschaft um 1800 lebte, erschließt sich dem Besucher in den für die damalige Zeit modern eingerichteten Räumen des zentral gelegenen Wittumspalais (Witwenpalais) der Herzogin.

Die Bauhaus-Stätten in Weimar gehören seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe, das „klassische Weimar“ - aufgrund der Tatsache, dass Goethe und Schiller dort mit Büchern gearbeitet und verbotenerweise darin geschrieben haben - seit 1998.

Königswiege Gotha

Neben Coburg war Gotha von 1826 bis 1918 Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha. Das aus dem 17. Jahrhundert stammende Schloss Friedenstein ist die größte frühbarocke Schlossanlage in Europa.

Das Wahrzeichen der ehemaligen Residenzstadt ist Ziel der Ostbelgier am Morgen des vorletzten Tages. Herzog Ernst der Fromme ließ die Schlossanlage sowie das herzogliche Museum, die heute 1,2 Millionen Kunstobjekte aus der ganzen Welt beherbergen, zum Ende des Dreißigjährigen Krieges innerhalb von nur 20 Jahren erbauen.

Da er der Ansicht war, dass jedes Kind Zugang zur Bildung haben sollte, haben wir ihm auch die Erfindung der Schule zu verdanken.

Der Herzog gilt auch als Großvater der europäischen Königshäuser. Im Übrigen stammt die belgische Königsfamilie aus dem Hause Sachsen-Coburg Gotha.

Auch das Gothaer Verlagswesen gewann im 17. und 18. Jahrhundert an Bedeutung. Hier erschien unter anderem die erste Gesamtausgabe der Werke Voltaires mit 71 Bänden.

Arnstadt ist der älteste Ort in Thüringen und das Eingangstor zum Thüringer Wald. Zwischen 1703 und 1707 war Johann Sebastian Bach Organist in der Neuen Kirche, der heutigen Bachkirche. Es war seine erste Anstellung, die übrigens rein zufällig zustande gekommen ist. Die neue Orgel der Kirche sollte abgenommen werden, die dafür vorgesehene Person erschien jedoch nicht. Also fragte man den 17-jährigen Bach. Es war der Beginn einer großartigen Karriere.

320 der 1252 Pfeifen der aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden Wender-Orgel sind noch Originale.

Jörg Reddin, seit 2013 Kreiskantor in Arnstadt, Preisträger 1996 des Internationalen Orgelwettbewerbs der Hansestädte und international - auch in Belgien - als Organist tätig, hat der Reisegruppe alles Wissenswerte über seinen Arbeitsplatz sowie die Orgel vermittelt und zum Abschluss einer tollen Reise für die Ostbelgier ein Orgelkonzert auf diesem historischen Instrument gespielt. Ein emotionaler Moment, der wahrscheinlich nicht so schnell vergessen wird.

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Marburger Altstadt kehren die Reisenden mit vielen neuen Eindrücken nach Hause zurück.

Wussten Sie, dass...

Viele Redewendungen sowie Begriffe, die heutzutage genutzt werden, wie zB "ein Buch mit sieben Siegeln", "Perlen vor die Säue werfen", "auf Herz und Nieren prüfen", „auf die Zähne beißen“, „Hochmut kommt vor dem Fall“, Schandfleck und Lästermaul, sind bei der Übersetzung des Neuen Testaments entstanden und somit eine Erfindung Martin Luthers. Der Mönch trug daher im 16. Jahrhundert auch maßgeblich zur Entwicklung der so genannten neuhochdeutschen Sprache bei.

"Mit Pauken und Trompeten" ist eine Redewendung, die ebenfalls aus dem späten Mittelalter oder der frühen Renaissance stammt. Seinerzeit "läuteten" die Stadtpfeifer – auch Johann Sebastian Bachs Vater – stündlich die Zeit mit Flöten und anderen "pfeifenden" Instrumenten. An besonderen Tagen jedoch mit Pauken und Trompeten.

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