Ein bis drei Mal jährlich kommt es in den beiden Kliniken in St.Vith und Malmedy vor, dass ein Baby in diesem späten Stadium der Schwangerschaft in einer stillen Geburt zur Welt kommt. Eine frühere Fehlgeburt, auch kleine Geburt genannt, kommt häufiger vor. In beiden Fällen kommt das Kind meist auf natürlichem Wege zur Welt. Dies ist für die spätere Verarbeitung ein wichtiger Bestandteil.
Meist völlig unerwartet und oft gibt es keine Erklärung.
„Meist ist es völlig unerwartet“, sagt Dr. Albert van der Putten, Chefarzt und Gynäkologe in der Klinik St. Josef in St.Vith. Und sehr oft gibt es keine Erklärung.
„Wir bieten das an, aber die Eltern wünschen meist keine weiteren Untersuchungen, sondern möchten, dass ihr Kind in Ruhe gelassen wird“, so der Facharzt. Sehr viele Eltern stellen sich Fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben: „Es liegt in der Natur des Menschen, immer nach dem Warum zu fragen“, sagt Dr. van der Putten. „Aber es gibt in diesen Fällen keinen Grund und keinen Schuldigen. Das versuchen wir den Eltern immer wieder zu erklären.“ Es ist ein riesiges Pech, ein Unglück ohne tieferen Sinn.
Bei Isabelle Hönen war es die 39. Schwangerschaftswoche, als die Herztöne ihres Babys nicht mehr zu hören waren. „Die Schwangerschaft war bis dahin perfekt“, erzählt sie. Es gab kein Vorzeichen, keine einzige Komplikation. Zwei Tage nach der Feststellung brachte sie ihre Tochter Leandra im Centre Hospitalier Reine Astrid (Chram) in Malmedy zur Welt.
Fünf Monate später sind sie bereit, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie gemerkt haben, dass es beim Thema „Sternenkinder“ sehr große Berührungsängste gibt und viele Menschen nicht wissen, wie sie mit den betroffenen Eltern umgehen sollen. „Das Thema ist ein großes Tabu“, erzählt die 27-Jährige. Dabei helfe es den Eltern bei der Verarbeitung, wenn sie offen über das Erlebte sprechen können. Aber statt Fragen gibt es für Eltern von Sternenkindern eher verstohlene Blicke oder wird die Straßenseite gewechselt, damit gar nicht erst die Situation entsteht, dass man nachfragen „muss“.
Während der letzten Monate haben Isabelle Hönen und ihr Mann sehr viel durchgemacht. „Im Krankenhaus hat man uns psychologische Hilfe angeboten, aber es war noch zu früh“, erzählt sie. Mittlerweile hatte das Paar Kontakte mit Eltern, die Ähnliches erlebt haben und hat auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen. „Wir tun alles dafür, um die Eltern in dieser Situation zu begleiten“, sagt die leitende Hebamme im Chram, Laurie Streveler. Dazu gehört zunächst einmal ein Zimmer abseits vom alltäglichen Trubel der Entbindungsstation, dazu gehören aber vor allem Respekt, ein offenes Ohr und Empathie. Das Team steht auch nach der Entlassung aus der Klinik weiter zur Verfügung.
Die Klinik versucht, den Eltern so viel wie möglich abzunehmen.
Auch in St.Vith ist das Team der Hebammen auf diese besondere Situation vorbereitet und begleitet die Eltern eng. „Das ist Bestandteil der Ausbildung und Thema in beruflichen Weiterbildungen, an denen Hebammen jährlich teilnehmen“, erklärt Laurie Streveler, die selbst in Malmedy arbeitet. „Wir versuchen den Familien so viel wie möglich abzunehmen“, verweist Dr. Albert van der Putten auch auf administrative Notwendigkeiten, die Vorbereitung der Bestattung usw.
Wie wichtig dies für die Eltern ist, bestätigt Isabelle Hönen: „Wir haben uns sehr gut aufgehoben gefühlt“, blickt sie zurück. Dazu beigetragen habe die „normale“ Gestaltung der Geburt, die ihnen wie allen Eltern als einzigartiges Erlebnis im Gedächtnis geblieben ist, aber auch der Umgang der Geburtshelferinnen mit dem Thema. „Sie kamen mit einem Lächeln ins Zimmer, haben nachgefragt, sich um uns gekümmert“, erzählt die 27-Jährige.
Sowohl in St.Vith als auch in Malmedy werden Fuß- und Handabdrücke des Babys genommen. Außerdem arbeiten die Kliniken mit Vereinigungen wie „Dein Sternenkind“ (www.dein-sternenkind.eu) oder „Au-delà des nuages“ zusammen. Diese vermitteln Fotografen, die professionelle Aufnahmen der Kinder machen. Diese Organisationen finanzieren sich über Spenden, damit das Angebot für die Eltern kostenlos ist. Fast tausend Mal pro Jahr werden die Fotografen von „Au-delà des nuages“ in Belgien gerufen. Die Vereinigung wurde 2016 von Sharon, Fotografin und Mutter eines Sternenkindes, und Anneleen, Fotografin und Hebamme, in Ostende gegründet und kann mittlerweile auf 170 Fotografen und 30 administrative Helfer zurückgreifen. Alle sind ehrenamtlich aktiv.
Über die Webseite www.audeladesnuages.be kann recht formlos und schnell (innerhalb weniger Stunden nach der Geburt) ein Fotograf angefragt werden, der Erinnerungsfotos von diesen besonderen Momenten macht, die die Liebe zwischen Eltern und Kind in den Vordergrund rücken.
„Meine Tochter war so hübsch, ich wollte und kann dieses Bild nicht vergessen“, berichtet die Gründerin Sharon von der stillen Geburt ihrer Tochter Nina und ihren Beweggründen, die Vereinigung ins Leben zu rufen. „Ich habe meine Kamera genommen, weil mir bewusst war, dass ich diese Momente festhalten muss“. Zusammen mit einem befreundeten Fotografen habe sie hunderte Bilder von dem kleinen Mädchen gemacht: zusammen mit seinem Vater, seinem Opa, dem Bruder, Familienfotos. „Fotos, die ich anderen zeigen kann, die ihr ein Gesicht geben, ein Bild für die Welt da draußen. Auch wenn 100 Fotos zu wenig erscheinen, die habe ich. Wenn ich möchte, kann ich sie in die Hand nehmen und anschauen. Jedes Mal entdecke ich etwas Anderes. Ich kann meine Tochter jedem zeigen, ohne dass es schockierend ist, und ich bin stolz darauf.“
Auch für Isabelle Hönen und ihren Mann sind die Aufnahmen ihrer Tochter Leandra wertvolle Erinnerungen, die sie gerne zeigen: „Alle Eltern zeigen gerne Fotos von ihren Kindern. Warum sollte das bei uns anders sein?“ In der Vorweihnachtszeit hat die 27-Jährige eine Aktion gestartet, um „Au-delà des nuages“ zu unterstützen und verkauft selbstgemachte gebrannte Mandeln zu diesem Zweck.
Die Zeit heilt nicht alle Wunden.
„Die Zeit heilt alle Wunden“ ist eine andere Redensart, die Eltern von Sternenkindern immer wieder hören. Auch wenn diese „Weisheit“ nicht ganz oben auf der Liste der unerwünschten Ratschläge und Fragen steht (diesen Platz hat „Ihr seid noch jung“), verletzt es die Eltern, denn es wird immer ihr Kind bleiben. „Unsere Tochter wird uns ein Leben lang begleiten, und wir sind dankbar, sie kennengelernt zu haben.“ Wer „Au delà des nuages“ unterstützen möchte, kann dies durch eine Überweisung auf das Konto BE07 0018 3762 3166.




Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren