Es ist immer schwierig, wenn man sich auf globaler Ebene trifft, um dicke Bretter zu bohren. Und das des eindeutig zu schnell voranschreitenden Klimawandels ist ein besonders dickes und hartes Brett. Die Interessen gehen weit auseinander: Auf der einen Seite stehen die Wohlstandsnationen, die sich schwertun, ihre Gewohnheiten zu ändern. Am anderen Ende der Skala die, die kaum etwas zu essen haben und von dem Wohlstand der anderen träumen. Beides ist schwer mit einer Verringerung des CO2-Ausstoßes weltweit in Einklang zu bringen.
Wie schwer es ist, liebgewonnene Gewohnheiten zu ändern, davon kann wahrscheinlich jeder, der ehrlich mit sich selbst ist, ein Lied singen. Und dann sind da noch die Ängste, die gerade uns in alternden und satten Gesellschaften plagen. Eine dieser Ängste ist die vor einem Unfall in einem Atomkraftwerk, eine andere die Sorge um die sichere Aufbewahrung von Atommüll. So beträgt z.B. die Halbwertzeit von Plutonium 239 nicht weniger als 24.000 Jahre. Das sind Zeiträume, in denen wir Menschen nicht gewohnt sind zu denken. Und tragfähige Lösungen zur Lagerung des Atommülls, der sich seit Jahrzehnten anhäuft, haben wir nicht.
Auf der anderen Seite haben wir keine betriebsbereiten Kraftwerke zur Herstellung nicht-fossiler Energie: u.a. zur Absicherung der Grundlast. Dabei steigt der Energiebedarf, insbesondere die Nachfrage nach „sauberem“ Strom. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz, wie wir gerade in China erleben, wo der Strom aktuell immer öfter abgeschaltet wird. Mit Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.
Wäre da nicht Atomstrom eine Lösung? In Belgien und in Deutschland steht die Abschaltung der (zum Teil maroden) Atomkraftwerke kurz bevor. Eine brauchbare Alternative hat man nicht. In Deutschland werden (Braun)-Kohlekraftwerke hochgefahren, wenn Wind und Sonne mal nicht „liefern“ - was im ersten Halbjahr 2021 regelmäßig geschah. In Flandern erhalten Gaskraftwerke keine Baugenehmigung. Die Idee, Strom vom Nachbarn zu importieren, führt sich selbst ad absurdum, wenn man sieht, dass (fast) alle Länder solche Importe in ihr Kalkül einbeziehen: Wer soll dann, bitteschön, liefern?
Also doch zurück zur Atomkraft? Die Idee ist absolut nicht abwegig. Schaut man sich beispielsweise den Strommix in Frankreich an, sieht man, dass kaum Strom aus fossiler Energie gewonnen werden muss: Man hat ja Atomkraftwerke. Und weltweit sind rund 100 neue Atomkraftwerke geplant: nicht nur in China (44) und Russland (24), sondern auch z.B. in den USA (3), Großbritannien (2), Japan und Finnland (je 1). Und wo wir schon in Skandinavien sind: Selbst Greta Thunberg hat die Atomkraft als Alternative auf dem Schirm. Sie beruft sich dabei auf das IPCC. Außerdem gibt es bereits Technologien, die Atomstrom ohne die Gefahr eines Super-GAUs produzieren können. Man hat es nur versäumt, diese Technologien konsequent voranzutreiben. Und im sudfränzösischen Cadarache (und anderswo) forschen Tausende Wissenschaftler an der Nachbildung der Kernfusion, wie sie in unserem verlässlichsten Energielieferanten, der Sonne, permanent vor sich geht. Doch das ist Zukunftsmusik.
Kommende Woche wird man in Glasgow hart verhandeln – und Lösungen liefern müssen. Tabus wie Atomstrom oder das Abspalten und Speichern von Karbon (CCS) darf es dabei nicht geben. Mit Kosmetik und Gewissensmassage wird man dem Problem nicht beikommen. Wenn die Konzentration von Klimagasen, vor allem CO2, das Problem ist, dann muss man es angehen: mit Realismus, verfügbaren Technologien. Und ohne Angst.

Kommentare
" Und das des eindeutig zu schnell voranschreitenden Klimawandels..."
Schöne Formulierung. Dass dieser verflixte Klimawandel aber auch gar keine Rücksicht auf uns Menschen nimmt und sich unserem Schneckentempo, das wir bei den Gegenmaßnahmen an den Tag legen, partout nicht anpassen will.
"Und weltweit sind rund 100 neue Atomkraftwerke geplant: nicht nur in China (44) und Russland (24), sondern auch z.B. in den USA (3), Großbritannien (2), Japan und Finnland (je 1).
Oh je, nach den Diktaturen Russland und China fallen wir aber weit zurück.
Die USA planen ganze drei!
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157767/umfrage/anzahl-der...
Statistik über den Baubeginn von neuen Kraftwerken:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28676/umfrage/weltweiter-...
2020: ganze 4 (vier!) weltweit. 1976 waren es 73!
Die Anzahl der in Betrieb befindlichen Reaktoren stagniert seit Jahren:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28676/umfrage/weltweiter-...
Was die Neubauten betrifft, so bieten das französische Flamanville und das britische AKW Hinkley Point ein jämmerliches Bild, anschaulich beschrieben auf Wikipedia.
"Aber die Russen mit ihrem Schnellen Brüter" werden die Gegenpoler argumentieren.
Das Projekt BN1200 wird seit Jahren immer weiter in die Zukunft verschoben.
Da kommen diese Herren dann mit dem Thoruim-Flüssigsalz-Reaktor.
"Sicher, klein und billig – China baut den ersten Thorium-Reaktor " titelt der STERN.
Am Rande der Wüste Gobi (!) ein experimenteller Reaktor, der erst in einem Jahrzehnt in Serie gehen könnte, wenn man bis dahin die Probleme etwa beim Korrosionsschutz... und der Gammastrahlung des anfallenden Mülls gelöst hat.
Die Alternative zum Ausstieg aus der Kernenergie wäre also… der Einstieg in die Kernenergie.
Prima!
Nachdem die Querdenker schon jeden Kommentar des GE-Chefredakteurs zum Thema Corona feiern, jubilieren jetzt auch die ostbelgischen „Gegenpoler“.
Und Magritte freut sich: „Ceci n‘est pas une centrale nucléaire“.
Einen Tag, nachdem der hohe Gesundheitsrat ein vernichtendes Gutachten über die Nutzung von Kernenergie vorgelegt hat, macht O. Schröder die doppelte Rolle rückwärts. Passt!
Könnte es sein, dass in den vergangenen Jahren auch zu wenig in Sachen Energiespeicherung geforscht wurde und der Ausbau der Regenerativen nur mit angezogener Handbremse erfolgte?
Wer sich einmal ein milliardenschweres Nukleargrab anschauen möchte, sollte einmal in die Normandie nach Flamanville reisen. Dort wurde 2007 mit dem Bau eines Druckwasserreaktors begonnen, der 3,3 Millionen Euro kosten sollte.
14 Jahre später sind die Kosten auf fast 20 Milliarden Euro gestiegen und mit einer Fertigstellung ist nach unendlichen Problemen - wenn überhaupt - nicht vor 2023 zu rechnen..
Das trägt BER-Züge.
Ok, jetzt versuchen die Franzosen es mit handlicheren nuklearen Hosentaschenkraftwerken…
Wer dann schonmal in der Normandie ist, sollte sich unweit des wunderschönen Cap La Hague die monströse Wiederaufbereitungsanlage von Beaumont-Hague anschauen. Ein 3 km langes und 1 km breites Hochsicherheitsgelände und erschreckendes Mahnmal für den nuklearen Wahnsinn. Wie sicher die Nuklearindustrie ist zeigt auch die Liste der dortigen unkontrollierten Austritte nuklearer Substanzen in die Atmosphäre und ins Meer.
Das liberale Credo, dass sich gesellschaftliche Probleme rein technologisch und ohne Zugeständnisse an individuelle Verhaltensweisen lösen lassen, ist mindestens so abwegig wie zu glauben, dass freie individuelle Verantwortung reicht, um eine Pandemie zu bekämpfen.
Da hilft auch das Wiederkäuen längst widerlegter Rezepte aus der journalistischen Mottenkiste nicht weiter.
Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die überwältigende Mehrheit durch eine freiwillige Impfung sowohl Selbsterhaltungstrieb als auch Solidarität mit den Mitmenschen an den Tag legen kann, deshalb besteht Hoffnung, dass dies auch der Fall bei der weitaus verheerenderen und existenzbedrohenderen Klimakatastrophe eintritt. Sofern sich die Menschen denn endlich des Ernstes der Lage bewusst werden...
Korrektur:
… der 3,3 Milliarden Euro kosten sollte.
Und, Herr Leonard, Sie haben die Lösung für Carola, oder besser dagegen, welche haben Sie denn in Punkto Energiewende? Wir haben so langsam das Gefühl, wenn irgendwer Bedenken hat, oder für Sie die falschen Fragen stellt, ist es Ihre Pflicht, diese Person zu zerpflücken. Und nein, kenne Phrasen, sondern Lösungen wollen wir von Ihnen hören.
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