Brutales Aufnahmeritual mit Todesfolge - Prozessbeginn in Hasselt

<p>Sanda’s Vater Ousmane Dia - hier mit seiner Partnerin zu sehen - nahm am Freitag an dem Prozessauftakt teil.</p>
Sanda’s Vater Ousmane Dia - hier mit seiner Partnerin zu sehen - nahm am Freitag an dem Prozessauftakt teil. | Foto: belga

Der 20-jähriger Sander Dia bewirbt sich bei einer belgischen Studentenverbindung. Bei einem grausamen Aufnahmeritual muss der junge Mann laut Medienberichten Unmengen an Alkohol und Fischöl trinken, auf ihn wird uriniert, und er muss stundenlang in kaltem Wasser ausharren. Der Körper des Studenten hält die Strapazen nicht aus: Im Krankenhaus stirbt er.

18 Männer müssen sich nun vor einem Gericht in Hasselt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, unterlassener Hilfeleistung und der Verabreichung schädlicher und tödlicher Substanzen verantworten, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mitteilte. Am Freitag begann die Verhandlung. Über die strafrechtliche Dimension hinaus hatte der Fall in Belgien auch eine Debatte über Rassismus ausgelöst: Das Opfer war schwarz und wollte in einer elitären weißen Verbindung mitmachen.

Zum Auftakt der Verhandlung verständigte sich das Gericht nun darauf, im Oktober die ersten Zeugen, Experten und Gerichtsmediziner zu hören, wie eine Sprecherin mitteilte. Mitglieder der Verbindung und ihre Anwälte werden demnach im April 2022 befragt. Medienberichten zufolge drohen den Angeklagten Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren.

<p>Anwalt Christian Clement - im Hintergrund ist einer der Angeklagten zu sehen, die er verteidigt - gab den Medienvertretern vor dem Gerichtsgebäude Interviews.</p>
Anwalt Christian Clement - im Hintergrund ist einer der Angeklagten zu sehen, die er verteidigt - gab den Medienvertretern vor dem Gerichtsgebäude Interviews. | Foto: belga

Die Studentenverbindung „Reuzegom“ aus der Universitätsstadt Löwen hatte das Aufnahmeritual am 5. Dezember 2018 organisiert. Unter den Mitgliedern wurde es als „Taufveranstaltung“ bezeichnet, an der neben dem 20-jährigen Sander Dia, der an der Uni Löwen Ingenieurwissenschaften studiert hatte, auch zwei weitere Neulinge teilnahmen. Sie wollten Teil der prestigeträchtigen Verbindung werden – doch dafür mussten sie Fürchterliches über sich ergehen lassen.

Sander Dia musste Unmengen Alkohol trinken. Wie Medien schreiben, wurden die drei Anwärter von den älteren „Reuzegom“-Mitgliedern mehrfach angepinkelt. Nachts sei der Wasserhahn in seinem Zimmer abgestellt worden, damit er nicht gegen seinen Alkohol-Kater antrinken konnte.

Am Tag sollen weitere Strapazen gefolgt sein: Nach Informationen der Zeitung „De Standaard“ musste Sander Dia bei Außentemperaturen von sechs Grad mit seinen beiden Mitstreitern halb nackt in einer mit Wasser befüllten Grube verharren. Den jungen Männern seien dabei Fragen gestellt worden. Bei einer richtigen Antwort gab es Wasser - bei einer falschen mussten sie unappetitliche Lebensmittel verspeisen, etwa Unmengen an Fischöl. Einem lebenden Aal musste der 20-Jährige demnach den Kopf abbeißen. Deshalb müssen sich die Mitglieder der Verbindung vor Gericht auch wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzrecht verantworten.

Der Gesundheitszustand von Sander Dia verschlechterte sich zunehmend, wie „De Standaard“ berichtet. Am Abend des zweiten Tages wurde er bewusstlos und unterkühlt ins Krankenhaus gebracht. Seine Körpertemperatur war nach Angaben der Zeitung auf 27,2 Grad gesunken – ein lebensbedrohlicher Zustand. Am 7. Dezember 2018 starb Sander Dia an den Folgen der Tortur – mehrere Organe hatten versagt.

<p>Anfang September 2020 versammelten sich rund 500 Studierende hinter dem Löwener Bahnhof zu einem „Silent Protest“ unter dem Motto #JusticeforSanda.</p>
Anfang September 2020 versammelten sich rund 500 Studierende hinter dem Löwener Bahnhof zu einem „Silent Protest“ unter dem Motto #JusticeforSanda. | Foto: Photo News

Der Fall löste hierzulande und darüber hinaus Bestürzung und Debatten aus, Schüler hielten unter dem #JusticeforSanda Mahnwachen. Die „New York Times“ schrieb von einem zunehmenden Rechtsruck und rassistischen Tendenzen in der belgischen Region Flandern, in der die Verbindung beheimatet war. Später tauchten Videos, Bilder und Chat-Verläufe auf, die Mitglieder bei rassistischen Gesängen und Äußerungen zeigen sollen.

2019 warnten UN-Menschenrechtsexperten in einem Bericht, dass Bürger afrikanischer Herkunft in Belgien immer noch Rassismus und Diskriminierung erlebten. Es sei bewiesen, dass dies auch in belgischen Institutionen verbreitet sei.

Die Universität in Löwen zeigte sich nach dem Tod des Studenten „tief erschüttert“. Anfang 2019 leitete sie Disziplinarverfahren gegen einige Studenten ein. Sieben seien für mehrere Jahre von der Hochschule verwiesen worden, einige für immer, teilte die Uni mit. Die Studentenverbindung löste sich nach dem skrupellosen Ritual auf.

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