Ein törichter Fan-Gruß mit blutigen Folgen, ein souveräner Top-Favorit Tadej Pogacar und das Gelbe Trikot auf den Schultern des Erben eines französischen Rad-Idols: Die 108. Tour de France bot schon am Auftaktwochenende Spektakel, Dramen - und jede Menge Zündstoff. Auch der Kampf um den Gesamtsieg entbrannte sofort. Im Ziel der 183,5 km langen zweiten Etappe zur berüchtigten Mur-de-Bretagne lieferten sich Titelverteidiger Pogacar und seine Herausforderer um den slowenischen Landsmann Primoz Roglic am Sonntag den ersten Schlagabtausch – jubeln durfte am Ende aber Mathieu van der Poel.
Der niederländische Debütant vom Team Alpecin-Fenix, Enkel der verstorbenen Tour-Legende Raymond Poulidor, stürmte mit seinem ersten Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt ins Maillot jaune. Ein Erfolg, den sein Großvater trotz aller Beliebtheit nie erreichte. Der in Belgien geborene Niederländer van der Poel brauchte für das Kunststück dagegen nur zwei Tage: „Ich bin ziemlich sprachlos und überglücklich. Man kann von so einem Szenario träumen. Es zu verwirklichen, ist aber ziemlich unglaublich.“
Van der Poel hatte im Ziel sechs Sekunden Vorsprung auf das slowenische Duo Pogacar (UAE Team Emirates) und Roglic (Jumbo-Visma). Im Ziel brach er in Tränen aus: „Natürich denke ich an meinen Opa. Es ist so schade, dass er das nicht mehr sehen konnte. Er wäre stolz gewesen. Ich habe darüber sehr viel mit meiner Mutter gesprochen“, weinter er. „Mir fehlen echt die Worte. Ich habe ein bisschen gezockt und direkt bei der ersten Chance auf die Bonussekunden alles gegeben, weil ich wusste, dass ich sie brauche, wenn ich das Gelbe Trikot haben will. Es war meine letzte Chance, unglaublich.“
Erster Gratulant van der Poels war Julian Alaphilippe. Frankreichs Publikumsliebling vom Team Deceuninck-Quick Step war am Samstag beim Tour-Auftakt in Landerneau ins Maillot jaune gestürmt, musste Gelb aber schon nach einem Tag wieder abgeben. „Ich bin gefahren, als würde es morgen keine Etappe mehr geben“, hatte Alaphilippe am Samstag nach der ersten Etappe noch gesagt: „Ich habe harte Arbeit von meinen Mitstreitern gefordert. Als ich dann gesehen habe, dass es eine kleine Lücke gab, habe ich bis zum Ziel alles gegeben. Es war sehr lang, aber nur so erreicht man die schönen Siege.“ Mathieu van der Poel hingegen hatte zugegeben, „nicht die Beine“ für einen Sieg in der ersten Etappe besessen zu haben: „Ich konnte Alaphilippe nicht folgen. Einerseits bin ich enttäuscht, andererseits aber auch nicht. Ich bin enttäuschter, wenn ich gut war, aber im Sprint geschlagen wurde. Das war diesmal nicht der Fall, ich war gar nicht nah am Sieg dran.“ Das sollte sich einen Tag später ändern.
Die verregnete zweite Etappe in der Bretagne nahmen zahlreiche Fahrer sichtbar lädiert in Angriff. Sturzopfer wie Martin trugen Bandagen an den diversen Schürfwunden, auch der viermalige Tour-Sieger Chris Froome musste angeschlagen auf die Zähne beißen. Die Entscheidung fiel im „L'Alpe d'Huez der Bretagne“, das gleich zweimal erklommen werden musste. Klassiker-Jäger van der Poel, Pogacar und Roglic sicherten sich bei der ersten Überquerung Bonussekunden. Im Finale schlug dann erneut die Stunde von van der Poel, seiner Attacke konnte niemand folgen. Als erster Belgier fuhr Dylan Teuns (Bahrain Victorious, 20) acht Sekunden nach van der Poel über die Ziellinie.
Am Montag kommen die schnellsten Fahrer im Feld auf ihre Kosten. Die 182,7 km lange dritte Etappe von Lorient nach Pontivy wird wohl in einem Massensprint entschieden. (sid/belga/tf)

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