Als Luis Enriques schwer enttäuschte Spanier weit nach Mitternacht in ihr Teamquartier in Las Rozas zurückkehrten, hatten die Medien das Urteil zum torlosen EM-Auftakt längst gefällt. „Die Dürre Spaniens geht weiter“, titelte die Marca am Morgen nach dem 0:0 gegen Schweden, es war eine „Ohrfeige“, die beim dreimaligen Europameister spürbar und hörbar auf die Stimmung schlug. „Was falsch gelaufen ist? Es ist ziemlich klar, jeder hat das gesehen“, motzte Enrique angesichts der unglaublichen, teils sogar absurden Dominanz des früheren Weltmeisters. Doch auch 78 Prozent Ballbesitz und insgesamt 954 Pässe führten am Montagabend in Sevilla nicht zu einem Treffer.
Das spanische Team, das Deutschland im November noch an selber Stelle mit 6:0 abgeschossen hatte, kämpft mit einem Sturmproblem. Im Zentrum der Kritik: Stürmer Alvaro Morata, der die klarste Gelegenheit kurz vor der Halbzeitpause freistehend neben das Tor setzte. Der Juve-Angreifer ist seit vier Länderspielen „trocken“, wie die spanischen Medien erfolglose Stürmer gerne nennen. Die Auswechslung des Offensivspielers quittierten die Fans mit lauten Pfiffen. „Das sind Situationen, da müssen wir durch. Heute hatte er kein Glück, aber er wird noch treffen“, versicherte Enrique.
Dabei haben die Fans schon einen Plan, wie das Sturmproblem zu lösen ist. Gerard Moreno, spanischer Torschützenkönig von Europa-League-Sieger FC Villarreal, saß gegen die destruktiven Schweden 74 Minuten auf der Bank. Als er schließlich aufs Feld durfte, brachen die 10.559 Anhänger in großen Jubel aus. „Ist Gerard wirklich nicht besser als Morata?“, fragte die Marca nach Spielende. Auch dem 29-Jährigen gelang aber nicht der ersehnte Siegtreffer. In der Schlussphase scheiterte er per Kopf am starken schwedischen Schlussmann Robin Olsen. Die Stürmerdebatte kommt vor dem Duell mit den ebenfalls enttäuschenden Polen am Samstag (21 Uhr) dennoch in Fahrt.
„Die Zweifel an der Mannschaft haben sich nur vergrößert“, schrieb Mundo Deportivo angesichts der „Torarmut“ der spanischen Passmaschine. Ihr fehlt ein Stürmer mit der Qualität eines Fernando Torres oder ein genialer wie gefährlicher Stratege wie Andres Iniesta - beides Stützen der „goldenen Generation“.
Enrique ist nun gefordert, Lösungen zu präsentieren, um den Einzug in die K.o.-Phase nicht zu gefährden. „Unser Ziel ist weiter, die Gruppe zu gewinnen“, sagte der Nationaltrainer, zur Not will er aber auch „als einer der vier besten Drittplatzierten“ weiterkommen. Den spanischen Anhang würde das wohl kaum zufriedenstellen. (sid/tf)

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