Kai Havertz hämmerte zum Abschluss einen Elfmeter eiskalt in den Winkel, schon beim Spiel auf die Minitore hatte der Finalheld die Bälle nach Belieben versenkt. Nach seinem Schuss ins Glück im Champions-League-Endspiel demonstrierte der Nationalspieler auch bei der ersten Einheit im EM-Trainingslager in Seefeld/Tirol sein Selbstvertrauen. Davon konnte sich Konkurrent Thomas Müller in der gemeinsamen Übungsgruppe aus nächster Nähe überzeugen.
„Das war ein sehr wichtiges Tor für mich persönlich, für den Verein, für meine Familie. Das bleibt mein Leben lang erhalten“, sagte Havertz, und natürlich habe ihn der goldene Treffer gestärkt. „Ich brauche Selbstvertrauen, dann spiele ich am besten. So werde ich auch in die EM reinstarten“, betonte er. Doch in welcher Rolle? Durch die Rückkehr von Müller werden die offensiven Plätze in der Startelf gegen Weltmeister Frankreich (15. Juni) immer knapper. „Es gibt genügend Systeme, die man spielen kann, in denen mehrere offensive Mittelfeldspieler auf dem Platz stehen“, entgegnete der 21-Jährige, dessen Karriere in der Jugend von Alemannia Mariandorf in Alsdorf begann, gelassen: „Ich glaube, alles geht.“ Also auch Havertz mit Müller.
Havertz: „Ich bin immer noch erst 21, da fehlt noch viel zur Weltklasse.“
Durch sein Siegtor im Finale gegen Manchester City hat der mit unendlich viel Talent Gesegnete jedenfalls Blut geleckt. „Ich habe im Verein viele Positionen gespielt. Ich bin flexibel einsetzbar“, versicherte Havertz und machte deutlich: „Ich will Stammspieler sein, das ist im Fußball so.“ Allerdings wird der ehemaligen Leverkusener, der als Jugendlicher auch ein Jahr lang bei Alemannia Aachen spielte, keine schlechte Stimmung machen, wenn er bei Bundestrainer Joachim Löw nur die Jokerrolle einnehmen sollte: „Thomas ist ein überragender Spieler, der das über Jahre hinweg zeigt, wir sind Konkurrenten. Aber wenn man nicht spielt, wünscht man dem anderen das Beste.“ Das „gemeinsame Ziel“ stehe im Vordergrund, „da muss man das eigene Ego hintanstellen“, sagte Havertz, der erst am Donnerstagabend in Tirol eingetroffen war.
Mit „Willkommen, Champion“, wurde er vom DFB begrüßt. Und als solcher hat er sich für die EM (11. Juni bis 11. Juli) viel vorgenommen. Er hoffe, „mit guten Aktionen dazu beizutragen, dass wir Spiele gewinnen und weit kommen im Turnier“, so Havertz, der sich selber als „kreativen Spieler, der vom Instinkt lebt“ bezeichnete.
Die neu gewonnene Gelassenheit nach erfolgreichen Wochen in England war ihm deutlich anzumerken. Dabei tat sich Havertz auf der Insel lange schwer, die Rekordablöse für einen deutschen Spieler von bis zu 100 Millionen Euro wirkte wie Ballast. Allerdings gab es Gründe für seinen Stotterstart. Anpassungsprobleme, Verletzungssorgen, Systemumstellung, Trainerwechsel, Corona-Erkrankung – auf Havertz prasselte viel ein. Dazu kam die berüchtigte englische Presse, die nicht immer zimperlich mit ihm umging. „Gerade als junger Spieler geht es immer mal auf und ab“, sagte der zwölfmalige Nationalspieler (drei Tore). Daher sei es wichtig, „sein Ding zu machen“.
Unter Thomas Tuchel gelang es ihm bei Chelsea immer besser. Ein Lob wie das der „Legende“ Günter Netzer, der ihm „Weltklasse“ attestiert hatte, freue ihn daher auch, gab Havertz zu, „aber ich bin immer noch erst 21, da fehlt noch viel zur Weltklasse. Ich muss das Niveau über mehrere Jahre zeigen und mich beweisen.“ Am besten schon bei der EM. (sid/tf)

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