An nur einem Tag weisen die USA und Polen insgesamt 13 russische Diplomaten aus. Zehn müssen wegen feindlicher Tätigkeit ihre Koffer in Washington packen, darunter Geheimdienstler. Und auch Polen erklärt drei russische Diplomaten zu „unerwünschten Personen“.
Für Russland ist der Fall eine neue Eskalation in einer Schmierenkampagne des Westens. Doch diese Ausweisungen vom Donnerstag stehen in einer Reihe von Fällen, in denen sich Russlands Elite im Ausland nicht nur von ihrer diplomatischen Seite zeigte. Leugnen, hinterfragen, zurückweisen und schimpfen – so reagiert in aller Regel das russische Außenministerium, wenn etwa wie jetzt oder zuletzt auch in Bulgarien mehrere russische Diplomaten wegen mutmaßlicher Spionagetätigkeit ausreisen müssen. Der Außenpolitiker Leonid Sluzki verurteilt die Ausweisungen in Polen als „neue russophobe Geste“. Gehen müssen die drei Russen, weil sie für die Geheimdienste gearbeitet haben sollen.
Als Ende März in Italien ein russischer Diplomat in flagranti gefasst wird, als er einem Kapitän geheime Dokumente abkauft, müssen aber selbst der Kreml und das Außenministerium klein beigeben. Sie äußern freundlich die Hoffnung, dass der Vorfall die sonst guten russisch-italienischen Beziehungen nicht negativ beeinflusse. Rom weist trotzdem den Agenten und seinen Vorgesetzten aus. Eigentlich sollen die diplomatischen Vertreter im Ausland die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin vertreten. Doch seit das Land unter dem früheren KGB-Mitarbeiter und ehemaligen Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB wieder als selbstbewusste Atommacht auftritt, beklagt der Westen eine Zunahme der Spionage auch seitens russischer Botschaften und Konsulate.
Mittelfinger: Wegen rüpelhaften Verhaltens sieht sich seit Tagen auch der russische Militärattaché in Lettland in der Kritik.
Allein im vergangenen Jahr habe Russland so viele unfreiwillige Heimkehrer unter Diplomaten gehabt wie seit langem nicht mehr, schrieb die kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ unlängst. Die Niederlande, Österreich, Tschechien, die Slowakei, Frankreich und Norwegen etwa hätten Diplomaten nach Hause geschickt. Dieses Jahr dürfte schon jetzt die Vorjahreszahlen getoppt haben. Deutschland schickte in diesem Winter einen russischen Diplomaten nach Hause – als Retourkutsche auf Moskaus umstrittene Ausweisung eines deutschen Diplomaten, dem Russland die Teilnahme an illegalen Protesten gegen Putin vorwirft. Der Botschaftsmitarbeiter hatte dort aber lediglich als Beobachter die Lage analysiert. Die Stelle soll erst im Sommer neu besetzt werden.
Doch nicht nur vermeintliche oder echte russische Spione unter den Diplomaten sorgen im Ausland für Aufsehen. Wegen rüpelhaften Verhaltens sieht sich seit Tagen auch der russische Militärattaché in Lettland in der Kritik. Wie auf Fotos im Internet zu sehen ist, zeigt er gleich zweimal den Mittelfinger, als sich Bürger beschweren über eine Gartenparty in Corona-Zeiten. Dass der Diplomat dort gegen die Pandemie-Auflagen verstoßen hat, bezeichnet Lettlands Außenamt als „sehr ernsten“ Vorfall und „inakzeptables“ Verhalten. Das Verhalten stehe heute beispielhaft für ein dreistes Benehmen russischer Diplomaten, meint der prominente Moskauer Oppositionelle Dmitri Gudkow. Die Szene mit den Stinkefingern tauge für „die Geschichtsbücher zur Illustration der Außenpolitik Russlands“, schreibt der selbst an Russlands diplomatischer Akademie ausgebildete Politiker bei Facebook. Die Geste zeige am besten, was der russische Machtapparat heute vom Westen halte.
In seinem Beitrag erinnert Gudkow auch an einen bizarren Fall von einem Diebstahl Hunderter Fahrräder in Straßburg, in den ein Mitarbeiter des russischen Konsulats verwickelt sein soll. Russische Medien berichten breit darüber, wie ein Franzose sein gestohlenes Elektrorad auf einem Verkaufsportal im Internet wiederfindet – angeboten von dem Russen. Der Verdächtige soll von der französischen Polizei verhört worden sein und kurz danach das Land verlassen haben. Zitiert wird auch Russlands Konsulat in Straßburg, wonach der Mann aus „gesundheitlichen Gründen“ nach Russland zurückkehrt sei. (dpa)

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