Wenn ein französischsprachiger Verdächtiger sich in Anderlecht etwas zu Schulde kommen lässt, muss er sich vor einem französischsprachigen Brüsseler Richter verantworten. Ereignet der Vorfall sich aber 300 Meter weiter auf dem Gebiet der Gemeinde Dilbeek, dann muss er vor einem niederländischsprachigen Richter erscheinen, der übrigens im gleichen Flur des Gerichtsgebäudes sitzt. Dann müssen alle Aussagen des französischsprachigen Angeklagten von einem Dolmetscher ins Niederländische übersetzt werden. Und – jetzt kommt’s – wenn der Angeklagte am Ende der langwierigen Prozedur den Antrag auf einen Prozess in französischer Sprache stellt, dann muss alles wieder zurück übersetzt werden in die Sprache, in der die Aussage ursprünglich gemacht worden war. Dies sei natürlich absurd, zitiert die Zeitung „La Dernière Heure“ den Brüsseler Strafrechtler Yannick De Vlaemynck. Doch es sei „seit der Spaltung des Bezirks Brüssel-Hal-Vilvoorde alltägliche Realität“, heißt es weiter.
Der Anwalt zitiert gegenüber der Zeitung einige Fälle, bei denen viel Zeit verloren und hohe Kosten verursacht worden seien. Einige Angeklagte gehen diesen Angaben zufolge sehr bewusst vor, denn der Zeitverlust ermögliche es der Verteidigung, darauf zu plädieren, dass der Angeklagte beispielsweise inzwischen Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft und Arbeitswelt ergriffen habe oder dass seine familiäre Situation sich verändert habe. Diese Argumentation führe dann häufig zu milderen Strafen, so der Anwalt.
Offenbar besteht auch bei den Übersetzern eine gewisse Lustlosigkeit. Der von der Zeitung zitierte Jurist berichtet über einen Fall, bei dem der Richter sechs Kisten voller übersetzter Dokumente erhalten habe – „nicht geordnet oder gar geheftet, einfach durcheinander“, so heißt es. (belga)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren