Dienstagnachmittag, vier Uhr in der niederländischen Stadt Tilburg. Mitarbeiter der Suchthilfeorganisation Novadic-Kentron bereiten sich auf zwei arbeitsreiche Stunden vor. Einmal pro Woche kann man hier seine Drogen unkompliziert testen lassen.
Gegen halb fünf kommt der erste „Kunde“ – ein 18-Jähriger in Shorts. Er fühlt sich sichtlich unwohl, zögert zunächst, dann zieht er eine kleine Plastiktüte aus seiner Tasche. „MDMA“, flüstert er. „Ich habe Vertrauen in meinen Dealer, aber ich möchte mich von der Qualität überzeugen. Ich werde es dieses Wochenende mit ein paar Freunden nehmen und will sie nicht in Gefahr bringen. Wenn es nur für mich selbst wäre, würde ich es nicht testen lassen.“
Wann immer sich ein Drogenkonsument ankündigt, ist Aydin Akkaya gefragt. Er erhielt eine spezielle Schulung zum Testen von Drogen. Das Ganze ist gesetzlich streng reglementiert. In einem kleinen Raum erklärt Akkaya zunächst kurz die Spielregeln: „Die Drogen müssen für einen selbst sein, das ist eine erste wichtige Bedingung. Wir testen nicht für Dealer und wir testen keine Rohstoffe. Manchmal bekommen wir auch Anfragen von Eltern, die heimlich eine Pille ihres Kindes untersuchen lassen wollen.“
Nach einem ersten Gespräch beginnt Akkaya mit der Analyse. Im weißen Laborkittel und mit blauen Latexhandschuhen untersucht er unter einer Lupe zunächst die äußeren Eigenschaften der Pille. „Zuerst schaue ich mir Form, Farbe und Logo an. Dann bestimme ich Durchmesser, Dicke und den Säuregehalt.“
Akkaya gleicht alle äußerlichen Merkmale mit einer speziellen Datenbank ab. In vielen Fällen wurde die gleiche Pille bereits in einem Labor analysiert. „Die Leute können ihre Pillen dann wieder mitnehmen, aber ich rate ihnen immer, es mit der Dosis nicht zu übertreiben. Heutzutage enthalten die Pillen viel mehr Wirkstoffe als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Eine Überdosis kann im schlimmsten Fall zum Tod führen.“
Junge Menschen unterschätzen die Wirkung von Drogen
Ist eine Pille noch unbekannt, wird sie zur gründlichen Untersuchung an ein Labor geschickt. Eine Woche später kann der Besitzer dann anonym anrufen, um die Ergebnisse zu erfahren. „Wenn die Pille sicher ist, kann der Besitzer sie wieder abholen. Bei etwa jeder zehnten Pille müssen wir jedoch von der Einnahme abraten.“
Jede Woche kommen zehn bis fünfundzwanzig Menschen zum Drogen-Check nach Tilburg, darunter viele junge aber auch ältere Menschen. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Akkaya. „Vor dreißig Jahren gab es nicht viele Leute, die Ecstasy konsumierten. Und diejenigen, die es nahmen, wussten in der Regel sehr genau, was sie taten. Sie konnten auf den Milligramm sagen, was eine Pille enthielt.“
Heute sei das anders. „Es gibt viel mehr Konsumenten und es ist alles kommerzieller geworden“, so Akkaya. Außerdem sei das Durchschnittsalter deutlich gesunken. „Es sind vor allem Jugendliche, die Drogen konsumieren. Sie nehmen eine Pille, haben aber nicht die Geduld, darauf zu warten, dass deren Wirkung eintritt. Wenn sie auf Anhieb nichts spüren, werfen sie sich nach zehn Minuten eine zweite Pille ein, oder eine dritte. Mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt. Obwohl ich sagen muss, dass Mädchen normalerweise vorsichtiger sind. Sie sind eher geneigt, mit einer halben Pille oder sogar einem Viertel zu beginnen.“
Auch Flamen kommen regelmäßig nach Tilburg, um ihre Drogen einem Check zu unterziehen. „Es kommen viele Leute aus Belgien, leider vergebens. Wir dürfen nur Pillen für Menschen testen, die in den Niederlanden leben.“
In Belgien gibt es vorerst nur eine ähnliche Initiative. Modus Vivendi, eine gemeinnützige Organisation in Brüssel, führt jeden Freitag und Samstag Drogen-Checks durch. Finanziert wird das Projekt durch Mittel der französischen Gemeinschaft. Es soll dabei helfen, mehr Einblicke in den Drogenmarkt zu gewinnen. Belgien verfügt derzeit (noch) nicht über einen Rechtsrahmen, der diese Art von Tests grundsätzlich ermöglicht.
Allerdings gibt es im Internet bereits für ein paar Euro einen Test, mit dem Laien von Zuhause aus überprüfen können, ob eine Pille gefährliche Inhaltsstoffe enthält. Dieser Test sei besonders einfach in der Handhabung: Es genügt, etwas von der Pille abzukratzen, das Pulver mit einer speziellen Flüssigkeit zu vermengen und zu warten, bis sich die Mischung verfärbt hat. Die Verfärbung gibt schließlich einen Hinweis auf die vorhandenen Substanzen, aber keine absolute Garantie. „Wenn Sie immer noch Zweifel an den Inhaltsstoffen einer Pille haben, lassen Sie sie von einer offiziellen Stelle testen“, heißt es auf der Website Azurius.nl, wo man entsprechende Tests kaufen kann.
Jan Tytgat, Toxikologe an der KU Löwen, rät von solchen Tests aus dem Internet ab: „Diese Tests geben den Menschen ein falsches Gefühl von Sicherheit. Wir haben kürzlich eine Reihe dieser Tests selbst untersucht, und die Ergebnisse waren enttäuschend. Die meisten Tests haben besonders schlecht abgeschnitten. Gefährliche Stoffe wurden oft nicht erkannt.“
Das niederländische Trimbos-Institut hat derweil eine App entwickelt, die als eine Art Warnsystem fungiert und seine Nutzer informiert, wenn „extrem gefährliche Drogen“ im Umlauf sind. Wenn Substanzen in Drogen gefunden werden, die eine akute Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, wie gepanschte Ecstasy-Pillen oder Pillen mit einer extrem hohen Dosis an MDMA, schlägt die App Alarm. Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich zu informieren und so die Zahl der Vorfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Derzeit stehen zwölf Pillen auf der schwarzen Liste von Trimbos. Für jede dieser Pillen liefert die App ein Bild sowie eine detaillierte Beschreibung.
Bislang kein Drogen-Check auf Festivals in Belgien
Inzwischen werden auch auf zahlreichen Musikfestivals kostenlose Drogen-Checks angeboten – allerdings nicht in Belgien. Die Veranstalter des Dour-Festivals bemühen sich bereits seit einigen Jahren um eine entsprechende Erlaubnis, bislang ohne Erfolg. „Bisher wurde die Erlaubnis jedes Mal verweigert“, heißt es.
Auch beim weltbekannten Tomorrowland-Festival können Konsumenten ihre Drogen nicht testen lassen. „Das ist gesetzlich nicht erlaubt“, sagt Sprecherin Debby Wilmsen. „Unsere Einstellung dazu ist zweigeteilt. Einerseits würden wir es sicherlich in Betracht ziehen, wenn das Gesetz es zulassen würde. Auf der anderen Seite wollen wir sicherlich nicht die Botschaft vermitteln, dass Drogenkonsum in Ordnung ist, solange man vorher die Qualität überprüft.“ Zwar gibt es auf dem Festivalgelände ein mobiles Drogenlabor, allerdings wird dieses nicht zur Qualitätskontrolle eingesetzt. Stattdessen soll es dabei helfen, im Falle einer Überdosis eines Besuchers je nach Art der Droge die optimale Behandlung einzuleiten. Für einen Tomorrowland-Besucher kam am vergangenen Wochenende jede Hilfe zu spät: der 27-Jährige aus Indien starb, möglicherweise an einer Überdosis.
Übrigens: Auf dem Tomorrowland-Festivalgelände in Boom sind am gleichen Wochenende 24 Drogendealer gefasst worden. Das geht aus Zahlen hervor, die die Staatsanwaltschaft Antwerpen und die Föderalpolizei veröffentlichten. Demnach seien auch 231 Festivalgänger aufgegriffen worden, die Drogen für den eigenen Konsum bei sich hatten. Sie mussten das Festival verlassen und haben eine Geldstrafe erhalten: 75 Euro für den Gebrauch weicher Drogen und 150 Euro für harte Drogen. Gegen drei der 24 Dealer wurde Haftbefehl erlassen. Sie sitzen in Untersuchungshaft. Es gehe vornehmlich um Niederländer und Briten, hieß es. (vrt)

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