„Wir brauchen den Mut zur Veränderung“

Der Nationalfeiertag wurde gestern in St.Vith – in Verbindung mit der Sommerveranstaltungsreihe Summertime – noch ausgiebiger gefeiert als sonst. Bei freiem Eintritt wurde am Triangel ein Programm für die ganze Familie geboten. Kinderclown Pepe und der Bauchredner Frank Lorenz mit seinem Affen Charly unterhielten das Publikum. Die Ardoc bot ihrerseits einen Fotorallye-Orientierungslauf durch die Stadt, währen die Chirojugend die Kinder mit Schminken, Basteln usw. unterhielt. Nicht zuletzt sorgten die CliniClowns für viel Spaß.

Am frühen Abend versammelten sich die Ehrengäste und die Abordnungen der Vereine zum traditionellen Tedeum in der Pfarrkirche, wo sie zu dieser kurzen ökumenischen Feier von Dechant Claude Theiss und Christine Treichen, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde, willkommen geheißen wurden.

„In der großen Politik stimmt sicher die Show, aber stimmt auch die Arbeit?“

Anschließend ging es im Festzug zurück zum Triangel, wo Bürgermeister Christian Krings in seiner Ansprache einen kritischen Blick auf das Weltgeschehen und die politische Situation in unserem Land warf. Zwar sei Belgien ein Land, das mit einem komplizierten Staatsgefüge und seinen vielen Entscheidungsebenen nicht leicht zu regieren sei, „und wie in vielen Demokratien unserer westlichen Welt müssen wir leider feststellen, dass sich die politischen Verantwortungsträger und die Menschen fremd geworden sind“, so Krings. Und weiter: „In der großen Politik da stimmt sicher die Show, aber stimmt auch die Arbeit? Oder lässt man sich blenden von der Macht? Wie könnte es sonst sein, dass man den Steuerbetrug der Reichen über Steueroasen nur halbherzig ahndet, aber den Steuerdruck auf die arbeitende Bevölkerung ständig erhöht.“

Viele Menschen fühlten sich nicht mitgenommen, „sie spürten, dass die Politik sich weniger um sie als um den eigenen Machterhalt kümmert. Das Gerangel in Namur und Brüssel bei der aktuellen Regierungskrise ist da ein treffendes Beispiel.“

An die Allgemeinheit gerichtet, forderte der St.Vither Bürgermeister mehr Dankbarkeit ein: „In unserer von Wohlstand gekennzeichneten Welt haben wir uns angewöhnt, immer mehr zu erwarten. Aber trotz aller Unzulänglichkeiten und Krisen sollten wir dankbar sein, denn wir leben bei uns in Ostbelgien in Wohlstand und Sicherheit. Wir sind abgesichert gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und vieles mehr und das ist nicht selbstverständlich.“

Gewiss müsse man hart arbeiten und viele Steuern zahlen, „aber wir haben auch das Glück, in geordneten Strukturen und Verhältnissen zu leben, die uns viele Perspektiven und Chancen bieten. Im Gegensatz zu uns kommen Millionen Menschen in der Welt trotz harter Arbeit nicht auf einen grünen Zweig und werden ausgebeutet.“

Deshalb brauche es dringend politische Vertreter in Belgien und Europa, die auf die Menschen hören und ihre Interessen wirksam vertreten. „Politiker die sich nicht immer wieder von Lobbyisten für die Interessen des Großkapitals einspannen lassen. Wir brauchen ein Europa, das den Mittelstand und die Menschen schützt und sie nicht mit Entsenderichtlinien der Ausbeutung preisgibt und mit immer neuen Vorschriften kaputt- macht. Unsere politische Klasse muss die Menschen wieder ernst nehmen und den Ausbeutungspraktiken der Großkonzerne Einhalt gebieten, sonst wird unser System nicht überleben.“

Aber es reiche nicht, die Dinge nur anzusprechen. Gemeinsam anfassen sei genauso wichtig, „damit wir wieder eine lebendige Demokratie werden. Es wäre gut, wenn wir uns wieder mehr für unseren Staat und seine gemeinnützigen Einrichtungen einsetzen würden. Gemeinsam dafür stark machen, dass er sich immer wieder zum Guten verändert.“ Klar sei auch, dass dort, wo Nationalitäten und Kulturen aufeinandertreffen, jede Menge Konfliktpotenzial sei. Aber da, wo Flaggen und Traditionen nicht trennend gelebt, sondern als ergänzende Vielfalt einer viel tiefersitzenden „gemeinsamen Identität“ begriffen würden, die den Menschen in den Mittelpunkt stelle, da sei Einheit in der Vielfalt möglich.

Dank an alle, die Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen.

„Unser Nationalfeiertag bietet uns deshalb die Gelegenheit, uns auf die gemeinsamen Werte zu besinnen, die unseren Staat, Europa und unser Gesellschaftsmodell erst lebenswert machen. Wenn wir auf Dauer Freiheit und Demokratie erhalten wollen, brauchen wir bezahlbare und gerechte Strukturen, es braucht die Solidarität der Starken mit den Schwächeren, aber auch Respekt, Geduld und Mitgefühl unter den Menschen.“

Den Nationalfeiertag wolle er aber auch nutzen, um allen von Herzen zu danken, die mehr als ihre Pflicht tun indem sie Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. „Ohne viel Aufhebens leben viele Menschen in unserer Gemeinde nach diesem Prinzip und gehen mit gutem Beispiel voran, indem sie sich für das Allgemeinwohl einsetzen. Dieser Einsatz der vielen Ehrenamtlichen in unseren Vereinen und Organisationen ist unerlässlich und wertvoll, damit wir es schaffen eine lebendige Gesellschaft zu erhalten, wo die Menschen bereit sind, gemeinsam für eine bessere Zukunft zu arbeiten.“

Mit Blick auf die Zukunft brauche es Mut zur Veränderung, „denn was sich nicht verändert, was sich nicht entwickelt, das kann nicht überleben. Deshalb brauchen wir Mut, überflüssige Strukturen, wie z.B. die Provinzen, aufzugeben und loszulassen. Das wird nicht alle Probleme lösen, aber die frei werdenden Ressourcen könnte man besser einsetzen, oder die Steuern senken. Denn unsere zu hohen Steuern treiben viele Belgier ins Ausland.“

Krings zitierte den Dalai Lama mit dessen Worten „Öffne der Veränderung deine Arme, aber verliere dabei nie deine Werte aus den Augen.“

„Nein wir dürfen unsere Werte nicht aufgeben. Unser Staat darf sich weder vor rechten oder linken Chaoten noch vor religiösen Fanatikern oder Kriminellen ducken. Das geht aber nur mit einer starken Justiz, die dort durchgreift, wo es notwendig ist, um die Menschen zu schützen. Aber auch die Gewinnmaximierung dürfe nicht das Maß aller Dinge sein, „sondern der Mensch muss wieder ins Zentrum unsers politischen Handelns. Nur so kann unser Land uns auch in Zukunft Freiheit, Rechtssicherheit und Schutz bieten. Unsere Demokratie muss immer ein lebendiger Ort für alle sein. Ein Ort, an dem Menschen um den besten Weg streiten und miteinander arbeiten und wachsen können.“

Im Anschluss präsentierte das Symphonische Blasorchester der Belgischen Eifel (SBBE) im großen Saal des Triangels ein Galakonzert, ehe das Programm nahtlos in den zweiten Summertime-Abend überging. Für Stimmung sorgten auf der Bühne vor dem Kulturzentrum Freddy the Piper und die internationale Irish Folk, Blues- und Jazz-Formation Five Alive‘O.

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