Der Neujahrsempfang des Palais für die hohen Amtsträger des Landes gehört zu den politisch-gesellschaftlichen Highlights eines jeden Jahres. Verantwortliche aus allen Bereichen des Zusammenlebens, Politik, Wirtschaft, Justiz, Kultur, Kirche und Medien geben sich alljährlich im Januar ein schillerndes Stelldichein im Brüsseler Königspalast wenn sich Minister, Präsidenten und Adlige im prunkvollen Thronsaal die Ehre geben. Auch die Deutschsprachige Gemeinschaft war am Donnerstag wieder mit einer ansehnlichen Delegation vertreten – angeführt von Ministerpräsident Oliver Paasch (ProDG) und PDG-Präsident Alexander Miesen (PFF). Die Anwesenheit von Vertretern aus den unterschiedlichsten Bereichen wertete der König als „Ausdruck der fruchtbaren Wechselwirkung innerhalb unserer Vielfalt“. Es veranschauliche die Stabilität unseres demokratischen Systems.
Die Ansprache des Königs fiel auffallend kurz aus – zumindest kürzer als in den Vorjahren. Sie lag in der Fortsetzung seiner jüngsten Weihnachtsbotschaft mit einem positiven und verantwortungsvollen Ansatz: „Der Jahreswechsel ist die Gelegenheit, nach vorne zu schauen, auf verantwortungsvolle Weise abzuwägen, was erfolgreich erreicht wurde, und was womöglich noch besser gemacht werden kann, und dabei jeden zu ermutigen, das Beste aus sich hervorzubringen“, so Philippe einleitend. „Unser Land steht für Stabilität und Beständigkeit. Stabilität heiß nicht Unbeweglichkeit. Wir bündeln unsere Vielfalt, um daraus den ganzen Reichtum zu schöpfen. Wir sind dynamisch und anpassungsfähig zugleich, und das sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf sozialem und politischem Gebiet.“
Zentral setzte der König den Wirtschaftsaufschwund, von dem jeder in der Gesellschaft profitieren sollte: „Jetzt, wo sich in Belgien und Europa wieder ein kräftigeres wirtschaftliches Wachstum abzeichnet, ist es ganz wesentlich, dass sich niemand im Stich gelassen fühlt. Uns liegt allen daran, dass ein jeder auf gerechte Weise die Früchte des Aufschwungs ernten kann.“ Wie Premier Michel (siehe unten) appellierte er an „eine bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt“. Laut Zahlen des Arbeitgeberverbandes FEB gibt es derzeit im Land 126.913 vakante Stellen und 378.000 Arbeitsuchenden. Der König gilt als großer Verfechter de dualen Ausbildungssystems.
Auch unterstrich der Monarch die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft – „ein Privileg“, wie er meinte: „Wenn wir die Harmonie innerhalb der Gesellschaft fördern, tragen wir zu ihrer Stabilität bei.“ Ein dezenter Hinweis auf die rassistische Hetzkampagne gegen Miss Belgien Angeline Flor Pua, die philippinische Wurzeln hat. Als er engagierte Bürger zur Sprache brachte, „die spontan nach Lösungen suchen und, wenn nötig, auch selbst das Heft in die Hand nehmen“, konnte dies, zwischen den Zeilen, durchaus als Link zu der Hilfe zahlreicher Freiwilliger für Flüchtlinge im Brüsseler Maximilianpark verstanden werden. „Alles, was den Zusammenhalt zwischen Einzelnen und zwischen Gruppen stärkt, ist von allergrößtem Belang.“
Stabilität als Instrument, um die neuen Herausforderungen zu meistern und die Veränderungen in der Welt positiv zu beeinflussen: „Denken wir nur an die verstärkten geopolitischen Spannungen in der Welt, den Klimawandel, dessen Auswirkungen wir immer deutlicher spüren, oder die tiefgreifende Revolution, die die künstliche Intelligenz mit sich bringt.“
Auch stellte sich Philippe erneut hinter das europäische Projekt. Die EU bleibe ein Modell für die Welt, weil sie eine enge Zusammenarbeit unter völliger Achtung der Eigenheiten ihrer Mitgliedstaaten ermöglicht. Es sei erfreulich, dass Europa im vergangenen Jahr wieder auf die Beine gekommen ist. „2018 könnte ein Jahr der neuen Impulse werden, insbesondere auf dem Gebiet der Sicherheit und der Wirtschafts- und Währungsunion. Lassen wir uns dafür sorgen, dass Brüssel weiterhin seine Rolle als vollwertige Hauptstadt dieses Europas in Bewegung spielen kann.“
Zur Stabilität des Landes trage auch die Demokratie bei, und diese habe mit den Wahlen 2018 und 2019 „wieder ein Stelldichein mit sich selbst“.
Die Ansprache des Königs im Wortlaut (deutsche Übersetzung): http://bit.ly/2mTwvCl


