Zweikampf Vingegaard gegen Pogacar geht weiter

<p>Bereit für die nächste Runde im Gigantenduell: Tadej Pogacar (links) und Jonas Vingegaard.</p>
Bereit für die nächste Runde im Gigantenduell: Tadej Pogacar (links) und Jonas Vingegaard. | Foto: belga

Nach dem Schlagabtausch auf dem Puy de Dôme trennen den Führenden Jonas Vingegaard und Verfolger Tadej Pogacar nur 17 Sekunden. Der Leistungsunterschied der beiden Überflieger ist so marginal, dass es wohl eine der knappsten Entscheidungen bei einer Tour de France geben wird. Manchmal übernahm der Sieger erst am letzten Tag das Gelbe Trikot.

Acht Sekunden – Greg LeMond gegen Laurent Fignon: Der Franzose Fignon ging 1989 mit einem Vorsprung von 50 Sekunden und wehenden blonden Haaren in das abschließende Einzelzeitfahren nach Paris. LeMond nutzte die technischen Möglichkeiten voll aus, trug einen Zeitfahrhelm und montierte einen Triathlonaufsatz auf den Lenker. Am Ende der 26,5 Kilometer gewann er als einziger Amerikaner die Tour – mit dem noch heute knappsten Vorsprung der Geschichte.

23 Sekunden – Alberto Contador gegen Cadel Evans: Die Tour 2007 stand im Zeichen des Dopingskandals um den Führenden Michael Rasmussen. Contador hatte das Gelbe Trikot nach dem Ausschluss des Dänen übernommen und war wenige Tage später mit 1:50 Minuten in das entscheidende Zeitfahren gegangen. Am Ende lag Contador nur 23 Sekunden vor Evans.

38 Sekunden – Jan Janssen gegen Herman Van Springel: Auch 1968 fiel die Entscheidung erst auf der letzten Etappe, einem Zeitfahren über stattliche 55 Kilometer nach Paris. Am Morgen des Tages war übrigens noch eine 136 Kilometer lange Etappe bewältigt worden – es waren halt andere Zeiten. Van Springel ging mit 16 Sekunden Vorsprung vor Janssen auf die Strecke, doch der Niederländer war dort 54 Sekunden schneller als der Belgier und gewann die Tour.

39 Sekunden – Alberto Contador gegen Andy Schleck: In den heutigen Siegerlisten existiert dieses Ergebnis nicht mehr. Weil Contador in einer während der Tour genommenen Dopingprobe Clenbuterol nachgewiesen wurde, strich man den Spanier und ernannte den Luxemburger Schleck zum Sieger. Schon während des Rennens hatte das Duell für eine heftige Kontroverse gesorgt. Contador hatte Schleck auf der 15. Etappe am Port de Bales attackiert, als der ein Problem mit seiner Kette hatte – ein Verstoß gegen ein ungeschriebenes Gesetz im Radsport. Contador gewann die Etappe mit jenen 39 Sekunden Vorsprung, die zum Triumph in Paris reichten – aber nicht zum Tour-Sieg.

Ganz so weit ist es bei Vingegaard und Pogacar freilich noch nicht, nachdem noch nicht einmal die Hälfte aller Etappen gefahren sind. Die aktuellen 17 Sekunden Zeitunterschied können allerdings ein Gradmesser sein, für das, was auf Fahrer und Fans noch zukommt.

Den ersehnten Ruhetag nutzte Vingegaard jedenfalls zur mentalen Generalüberholung: Ausschlafen, eine lockere Ausfahrt, Spaß mit der Familie, keine lästige Medienrunde mit kritischen Nachfragen. Und vor allem: Nichts sehen und wenig hören von seinem großen Rivalen, der dem Titelverteidiger in den Bergen wie eine lästige Fliege um die Ohren schwirrt.

„Ich bin im Gelben Trikot, und meine Etappen kommen jetzt erst. Deshalb bin ich wirklich zufrieden“, sagte der 26 Jahre alte Däne, obwohl ihn Pogacar am Sonntag am Puy de Dome zum zweiten Mal in Folge steil bergauf niedergerungen hatte – und damit nach „Punktsiegen“ nun mit 2:1 knapp die Nase vorne hat

Doch während der zwei Jahre jüngere Slowene im Kampf um seinen dritten Tour-Titel nach 2020 und 2021 abseits der Landstraßen so cool und angriffslustig reüssiert wie auf jenen – „mir geht es supergut“, sagte Pogacar, die Kletterei am Puy de Dome habe sich angefühlt wie „heraufzufliegen“ –, ist dem wortkargen Vingegaard eine gewisse Dünnhäutigkeit anzumerken.

Alles bezüglich Pogacar müsse man eben mit diesem besprechen, entgegnete Vingegaard auf die Frage nach einem Mittel gegen Pogacars Angriffe, er selbst befasse sich mit seinem Kontrahenten nicht. „Wenn ich mich auf eine Tour vorbereite, denke ich nicht an ihn, sondern daran, wie ich mich verbessern kann“, sagte Vingegaard. Und darauf wolle er sich auch bei den nächsten Kräftemessen konzentrieren.

Doch genau in jenen Bereichen, in denen Vorteile Vingegaards erwartet worden waren, hatte dieser bislang keine. Im Hochgebirge ist er nicht unantastbar wie noch 2022. Und vom erwarteten Form-Plus gegenüber Pogacar, der bis kurz vor Beginn der Tour mit den Folgen eines Kahnbeinbruchs kämpfte, ist nichts zu spüren.

Vingegaard nicht mehr der Publikumsliebling

„Ich kann mich nicht erinnern, als Favoriten schon einmal zwei so verschiedene Charaktere gesehen zu haben“, sagte der frühere Tour-Sieger Andy Schleck in L'Equipe: „Tadej hat immer Spaß, macht Witze, spricht viel. Jonas ist total scheu, spricht kaum und strahlt eine gewisse Arroganz aus.“ Und überhaupt würde Schleck die Fahrweise von Vingegaards mächtigem Jumbo-Visma-Team eher „an eine deutsche Panzerarmee“ erinnern.

„Was Schleck sagt, kümmert mich nicht“, sagt Vingegaard: „Arrogant? Ich bin vielleicht ruhig, aber nicht unnahbar.“ Dennoch: Der kühle Vingegaard muss sich damit abfinden, in Frankreich nicht der Publikumsliebling zu sein, der er 2022 beim Tourstart in seiner dänischen Heimat war. Und damit, dass Pogacar, der zuvor als blutjunger Dominator aus einem UAE-Team mit durchaus zwielichtigem Personal kritisch beäugt wurde, plötzlich ein Sympathieträger ist.

Im vergangenen Jahr übrigens wies Toursieger Vingegaard letztlich 2:43 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten und nach zwei Tour-Erfolgen entthronten Pogacar auf. Das dürfte – mit Blick auf die bisherigen Etappen – in diesem Jahr deutlich enger werden. (dpa/sid/leo)

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