Wenn Blau-Weiß auf Schwarz-Gelb trifft, dann stehen für die Polizei die Alarmzeichen auf Rot. Zur Tradition des Revierderbys Schalke 04 gegen Borussia Dortmund gehört es, dass es als Hochrisikospiel eingestuft wird. Nach dem Überfall von etwa 100 gewaltbereiten Personen - mutmaßlich aus dem Umfeld der Fanszene des BVB und von Rot-Weiss Essen - auf Schalke-Anhänger Mitte Februar strahlt das Rot der Alarmzeichen noch mehr. Die Polizei fürchtet für das West-Duell der Fußball-Bundesliga am Samstag (18.30 Uhr) Schlimmes. „Wir appellieren an die Vereine und beide Fanlager, die Situation in den nächsten Wochen nicht weiter eskalieren zu lassen“, hatte ein Polizeisprecher einen Tag nach dem Überfall gesagt.
Ob die Hardcore-Fans der beiden Vereine den Sicherheitskräften den Gefallen tun, kann zumindest angezweifelt werden. Mögliche Ausschreitungen und Auseinandersetzungen der beinahe schon verfeindeten Lager würden in die Reihe von Vorfällen passen, die seit dem Ende der Zuschauerbeschränkungen durch die Corona-Pandemie für Aufsehen sorgten.
Zuletzt schreckten Bilder beim Zweitliga-Spiel des FC St. Pauli gegen den FC Hansa auf. Einige Rostocker Anhänger zündeten Pyrotechnik und bewarfen Ordner und gegnerische Anhänger mit Böllern und Keramik-Teilen. Zuvor waren die Toiletten im Gästeblock zerstört worden. Mindestens zwei Personen wurden verletzt.
„Das sind einfach nur Vollidioten. Von denen distanziere ich mich, die haben mit Hansa Rostock nichts zu tun“, hatte Hansas Vorstandschef Robert Marien gesagt. Bereits im September hatte Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte festgestellt: „Es findet eine Verschiebung statt, die Ultras, die gewaltbereit sind, bekommen mehr Einfluss und gewinnen mehr Follower.“ Kurz zuvor hatten die Ausschreitungen beim Spiel des 1. FC Köln in der Conference League bei OGZ Nizza und beim Champions-League-Spiel von Eintracht Frankfurt bei Olympique Marseille für Entsetzen gesorgt.
Dass sich nach Corona in den Fankurven etwas verschoben hat, glaubt auch Experte und Journalist Christoph Ruf. „Ich habe den Eindruck, dass die Statik sich ein bisschen verändert hat in Richtung Erlebnisorientierung, durchaus aus mit Gewalt“, sagte der Autor von Büchern unter anderem über die Ultra-Szene.
Schon früher habe es das gegeben, „dass Fans sich verprügelt haben, wenn der andere den falschen Schal anhatte“, meinte er. „Im letzten halben Jahr ist das aber an vielen Orten zu oft vorgekommen, als dass es Zufall sein könnte.“ Dabei gehe das nicht immer vom harten Kern der Ultra-Szene aus, dem solche Vorfälle reflexhaft in die Schuhe geschoben werden. „Aber generell ist Gewalt im Fußball wieder mehr ein Thema als vor fünf Jahren, fürchte ich.“
Fan-Forscher Jonas Gabler gibt sich zurückhaltend bei der Frage, ob es einen generellen Trend zu mehr Gewalt und Randale besonders nach Corona gibt. „Was man im Fußball beobachten kann, ist, dass da schon ein Nachholbedarf ist“, sagte er. „Es wird mehr Pyrotechnik abgebrannt, auch zu Hause in Heimspielen, was vorher eher unüblich war.“
Inwiefern dies jetzt dauerhaft für eine Enthemmung und einem generellen Trend entspreche, sich fortsetzt oder nur eine Momentaufnahme ist, „dafür finde ich es noch zu früh, um das zu beurteilen“. Er ist überzeugt: „Heute ist ein Stadionbesuch sicherer als vor 30, 35 Jahren.“
Anfang des Jahres hatte die Polizei in Karlsruhe bei Fans Durchsuchungen durchgeführt. Grund war der massive Einsatz von Pyrotechnik beim Spiel des Karlsruher SC gegen den FC St. Pauli im November durch KSC-Fans. Dabei waren mehrere Personen verletzt worden. „So wird man aus der Gewaltspirale nicht rauskommen. Das ist für die Fans verständlicherweise der Beweis, dass die andere Seite eskaliert und machen kann, was sie will“, kritisierte Ruf. Und die Polizei werde „zu Recht sagen, dass die St. Pauli-Fans nichts in der Nähe des HSV-Fanmarschs verloren haben. Die Fans hätten das Gefühl, dass die Polizei nicht differenziert vorgehe, meinte auch Gabler. „Das trägt nicht dazu bei, dass es unter den Fans zu einer Reflexion kommt, haben wir hier tatsächlich Grenzüberschreitungen begangen. Dann zieht man sich auf die Opferrolle zurück.“ (mn/dpa)

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