„Schlimmer als Tage des Krieges“: Schwindende Hoffnung nach Erdbeben

<p>Rettungskräfte auf der Suche nach Überlebenden in den Trümmern</p>
Rettungskräfte auf der Suche nach Überlebenden in den Trümmern | Foto: afp

Ein Rennen gegen die Zeit, so wird die Arbeit der Helfer im Erdbebengebiet beschrieben. Und obwohl noch immer Überlebende geborgen werden, scheint die Zeit für Wunder allmählich abzulaufen. Bis zum Freitagmorgen wurden mehr als 21.000 Erdbebenopfer in der Türkei und in Syrien gezählt. Um denen, die überlebt haben, zumindest mit dem Nötigsten zu helfen, rollt immer mehr internationale Hilfe an.

Vor Ort kämpfen die Retter um jedes Leben. „Wir machen weiter, bis wir sicher sind, dass es keine Überlebenden mehr gibt“, zitierte eine Reporterin des staatlichen türkischen Fersehsenders TRT World am Freitagmorgen einen Sprecher der Einsatzkräfte.

Und tatsächlich gibt es noch Berichte über schier unglaubliche Rettungen. In der Südosttürkei konnten Helfer ein zehn Monate altes Baby mit seiner Mutter lebend bergen - die beiden harrten 90 Stunden unter den Trümmern aus. Die Retter umwickelten den Säugling mit einer Wärmedecke, wie Bilder zeigten. Sie hielten es so behutsam als könne es zerbrechen.

In Hatay retteten Helfer zudem einen Mann nach 101 Stunden unter Trümmern. Sie benötigten zehn Stunden, um ihn unter einem Betonblock zu befreien, wie der Sender CNN Türk berichtete. Medienberichten zufolge wurden in der Provinz noch am Freitagmorgen insgesamt sechs Menschen lebend aus den Trümmern desselben Gebäudes geborgen.

In Adiyaman befreiten die Helfer nach Angaben von CNN Türk einen Menschen nach 104 Stunden unter den Trümmern - aus der Gebäuderuine sind demnach noch immer Stimmen zu hören.

Nach so langer Zeit noch Lebende zu bergen, gleicht einem Wunder. Nur in seltenen Fällen überlebt ein Mensch mehr als drei Tage ohne Wasser, zumal bei eisigen Temperaturen. Die Zahl der Toten in beiden Ländern steigt daher rasant.

Alleine in der Türkei wurden 18.342 Tote gezählt, die Zahl der Verletzten lag zuletzt bei 72.879. Mehr als 8.000 Verschüttete wurden nach türkischen Angaben bislang gerettet. Experten befürchten aber, dass noch Zehntausende unter den Trümmern liegen.

In Syrien wurden bislang 3.377 Tote gefunden. „Wir stehen vor einer Katastrophe, die schlimmer ist als die Tage des Krieges“, sagte eine Frau namens Suad im syrischen Aleppo der Deutschen Presse-Agentur. „Viele unserer Nachbarn und Verwandten sind bei dem Erdbeben gestorben.“

Aleppo gilt als Sinnbild des syrischen Bürgerkrieges. Die Stadt wurde bei heftigen Kämpfen stark zerstört. Sie steht inzwischen wieder unter Kontrolle der Regierungstruppen von Machthaber Baschar al-Assad. Am Montag haben die Erdbeben der Stadt zusätzlich stark zugesetzt: Behörden zufolge mussten Zehntausende ihre Häuser verlassen.

Das erste Beben hatte am frühen Montagmorgen mit einer Stärke von 7,7 das Grenzgebiet erschüttert. Am Mittag folgte dann ein weiteres Beben der Stärke 7,6 in der Region. Es gab viele Nachbeben.

Die Weltbank kündigte bereits am Donnerstag an, der Türkei Unterstützung in Höhe von 1,78 Milliarden US-Dollar (1,65 Milliarden Euro) zur Verfügung zu stellen. Damit sollen die Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen vorangetrieben werden. Geliefert werden vor allem Zelte, Betten, Schlafsäcke, Decken, Heizgeräte und Generatoren.

Schwierig ist für die Helfer vor allem die politische Lage in Syrien. Das Problem sei, dass die Regierung und ihre Truppen zuletzt keine humanitäre Hilfe in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Land gelassen hätten, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock im WDR-Radio.

Der einzige Grenzübergang Bab al-Hawa war schon vor dem Erdbeben eine wichtige Lebensader für rund 4,5 Millionen Menschen im Nordwesten des Landes, die nicht von der syrischen Regierung kontrolliert werden. 90 Prozent der Bevölkerung waren dort bereits vor der Katastrophe nach UN-Angaben auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Präsident Erdogan ließ am Donnerstag vom Parlament in Ankara den Ausnahmezustand für drei Monate bestätigen. Das Dekret wurde im Amtsblatt veröffentlicht - damit ist der Ausnahmezustand in Kraft. Die Maßnahme umfasst die zehn Provinzen, die auch vom Erdbeben getroffen wurden. Erdogan hatte gesagt, der Ausnahmezustand werde helfen, gegen diejenigen vorzugehen, die „Unfrieden und Zwietracht stiften“. So könnten zum Beispiel Plünderungen verhindert werden.

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