Löw lässt seine Spieler von der Leine: „Was ein geiler Fußballabend“

<p>Deutschlands Kai Havertz (links) bejubelte am Samstag sein Tor zum 1:3 gegen Portugal mit Toni Kroos.</p>
Deutschlands Kai Havertz (links) bejubelte am Samstag sein Tor zum 1:3 gegen Portugal mit Toni Kroos. | Foto: dpa

Die euphorisierten Spieler herzten und küssten ihre Familien, der erleichterte Joachim Löw genoss das berauschende Glücksgefühl aber nur kurz. Nach der mitreißendsten Turnierleistung einer deutschen Nationalmannschaft seit dem WM-Triumph 2014 begab sich der Bundestrainer schnell wieder in den „Tunnel“. Der Auftrag an seine beim erlösenden 4:2 (2:1) gegen Portugal teils entfesselt auftrumpfende Elf: „Gegen Ungarn müssen wir nachlegen.“ Schon ein Unentschieden am Mittwoch (21 Uhr) würde der DFB-Auswahl um die herausragende Turnier-Entdeckung Robin Gosens den Einzug ins EM-Achtelfinale sichern. Daran zweifelt nach der rauschhaften Vorstellung niemand. Nicht nur Thomas Müller verspürte „eine kleine Euphorie“.

Diese begleitete die Nationalspieler auf ihrer Ehrenrunde in München, bei der Ankunft kurz vor Mitternacht im „Campo“ Herzogenaurach vor rund 40 klatschenden Fans und am freien Sonntag. “Die eigenen Kinder, die Familie vermisst man schon“, sagte Joshua Kimmich nach der Verabschiedung von seinen Liebsten, fügte aber mit einem Grinsen an: „Ich hoffe, dass ich sie noch ein paar Wochen vermissen werde.“

Das Selbstvertrauen ist nach dem Fehlstart gegen Frankreich zurück, der sture Löw durfte sich gegenüber seinen zahlreichen Kritikern bestätigt fühlen. Der Bundestrainer änderte weder das Personal noch das Grundsystem, doch er justierte an den richtigen Stellen nach.

Nach dem mutlosen Auftritt gegen den Weltmeister ließ Löw seine Spieler gegen den Titelverteidiger von der Leine. “Unser Plan ist aufgegangen“, stellte er zufrieden fest, während die deutschen Fans unter den 12.926 Zuschauern noch lange nach dem Spiel glückselig „Oh, wie ist das schön“ sangen.

„Wir hatten deutlich mehr Freude in der Offensive“, betonte Vorkämpfer Müller. Das galt für ihn selber, aber auch für den immer gefährlichen Serge Gnabry und den bärenstarken Kai Havertz, der Olaf Thon als jüngsten deutschen EM-Torschützen (51.) ablöste. Die an allen Treffern beteiligte Flügelzange mit Kimmich und dem sensationell aufspielenden Gosens war von den überrascht wirkenden Portugiesen nicht zu stoppen.

„Jetzt sind wir da“, schrieb Mats Hummels bei Instagram: „Was ein geiler Fußballabend.“ Dieses Gefühl begleitete die Spieler bei der Regeneration, aber Löw dachte schon weiter. Mit seinem Stab arbeitete er das Spiel auf, der Rückstand bei einem Konter nach eigener Ecke durch Cristiano Ronaldos erstes Tor gegen das DFB-Team überhaupt (15.) ärgerte ihn. Doch ansonsten fand er wenig Anlass zur Kritik. Nach dem Gegentor habe seine Mannschaft „viel Moral bewiesen“ und einen „sehr guten Spirit gezeigt“. Man habe nicht „den Faden verloren“ und „die Ruhe bewahrt“. Kurzum: „So ein Erfolg gibt eine gewisse Stärkung, aber wir haben nicht gezweifelt.“

Diese Einstellung vermittelte er seiner Mannschaft. „Wir waren mutiger, kreativer und einfach besser“, beschrieb Müller den Spaß-Fußball, der die Portugiesen zu einem EM-historischen Eigentor-Doppelschlag durch Ruben Dias (35.) und den Dortmunder Raphael Guerreiro (39.) zwang.

Für Gosens war es nicht nur deshalb ein „unfassbarer Abend auf allen Ebenen“, der sich „unwirklich anfühlt“. Mit seinem Kopfballtor nach Kimmich-Flanke krönte der von der UEFA zum „Star of the Match“ gekürte Gosens (60.) seine Glanzleistung und plauderte danach munter drauf los: „Wir haben uns gegenseitig gepusht, auch mal für eine defensive Grätsche. Das ist doch affengeil.“

Da wächst etwas zusammen. Allerdings gibt es noch einige Ansätze für Verbesserungen. Beim zweiten Gegentor durch Diogo Jota (67.) war Löws Team abermals nach einer Standardsituation völlig unsortiert. Und hätte der Ex-Münchner Renato Sanches nicht nur den Pfosten getroffen (79.), wäre noch kräftig gezittert worden. Müller mahnte daher, dass man nicht „überheblich“ werden dürfe. Aber: „Wir dürfen an unsere Qualität glauben.“

Daran hatte Löw nie Zweifel. „Es war wichtig für uns, dass wir nach dem verlorenen Spiel gegen Frankreich nicht alles über den Haufen werfen, sondern bei unserer Linie bleiben“, lobte Havertz den Chef, für den das Spiel „eine Nervenschlacht“ war. „Umhauen tut mich das nicht“, betonte Löw und antwortete auf die Frage, wie viele Spiele er als Bundestrainer noch vor sich habe: „Auf jeden Fall noch mehrere.“

Gegen die defensiveren Ungarn erwartet Löw ein „zäheres“ Spiel. Ein Einsatz der angeschlagen ausgewechselten Hummels (Knie), Gosens (Adduktoren) und Ilkay Gündogan (Wade) scheint nicht in Gefahr. „Ich glaube, es ist nichts Dramatisches“, sagte Löw, der auch am Sonntag nicht abschalten konnte: „Man ist im Tunnel drin und hat keine Tage, bei denen man völlig runterfährt.“ Dies soll noch lange so bleiben.

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