Joachim Löw tüftelte auf der Fahrt nach München an letzten Details seines Portugal-Plans. Mit einem Sieg im Schlüsselspiel will der Bundestrainer das schlingernde Nationalmannschafts-Schiff wieder auf Kurs EM-Achtelfinale bringen. „Es ist nichts passiert. Wir können noch alles geradebiegen“, sagte Löw fast beschwörend mit Blick auf das heiße Duell gegen den Titelverteidiger um Superstar Cristiano Ronaldo. Vor dem vielleicht schon vorletzten Spiel unter Löw ist richtig „Druck auf dem Kessel“, wie Kai Havertz berichtete. Nach dem Fehlstart gegen Frankreich (0:1) würde eine weitere Niederlage am Samstag (18 Uhr) den dreimaligen Europameister in eine äußerst bedrohliche Situation versetzen. Die traurigen Bilder des historischen WM-Debakels 2018 wären wieder präsent.
So weit will es Löw bei seiner Abschiedsmission nicht kommen lassen. Dafür muss er allerdings die heiklen Fragen nach dem passenden System und dem richtigen Personal beantworten. Einen letzten Eindruck verschaffte er sich beim Abschlusstraining. Die Musikeinlage „Deutschland, schieß ein Tor“ von einem Fan-Bus bei seiner längeren Ansprache an die Mannschaft hätte passender nicht sein können – auch wenn sie Löws Anfeuerungsrufe („Auf geht's, Männer!“) übertönte. Nach dem Training, bei dem Löw immer wieder mit seinem Assistenten Marcus Sorg angeregt diskutierte, ging es auf die rund zweistündige Busfahrt in den Spielort München. Auf eine Übungseinheit in der Arena wurde diesmal verzichtet.
Große Veränderungen werden dort gegen „Turnier-Lieblingsgegner“ Portugal nicht erwartet. Löw wird vermutlich erneut auf die gegen den Weltmeister erprobte Dreierkette um Abwehrchef Mats Hummels setzen. Dieser mahnte davor, sich nur auf den EM-Rekordtorschützen Ronaldo zu konzentrieren. Portugal habe inzwischen „eine große Fülle an herausragenden Spielern“, sagte Hummels. Der elementare Baustein in Löws Sieg-Plan ist aber die eigene Offensive. Gegen Frankreich war der Ertrag von Thomas Müller und Co. gleich null. „Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt im letzten Drittel. Wir haben den Pass nach hinten gesucht, anstatt ins Eins-gegen-Eins zu gehen“, kritisierte Havertz, der womöglich seinen Platz für Leroy Sané oder Timo Werner räumen muss. Egal mit welchem Personal: Die DFB-Auswahl benötigt dringend mehr Durchschlagskraft. Das letzte Stürmer-Tor bei einer EM oder WM gelang Mario Gomez im Achtelfinale der EURO 2016. In den sechs Spielen danach traf kein Angreifer mehr. Müller hat überhaupt noch keinen EM-Treffer zu Buche stehen – in zwölf Spielen.
Als weitere Schwäche hat Löw die Standardsituationen ausgemacht. Trotz intensiver Arbeit in der Vorbereitung verpufften diese gegen Frankreich wirkungslos.
Positiv stimmt ein Blick in die Statistik. Bei Welt- und Europameisterschaften gab es seit 2006 vier Siege gegen die Portugiesen nacheinander (11:2 Tore). Gegen Deutschland hat Ronaldo noch nie getroffen. Das wäre auch am Samstag eine der Voraussetzungen für das dringend benötigte Erfolgserlebnis. Emre Can zweifelt daran nicht. Warum? „Weil wir eine geile Mannschaft haben.“ (sid/tf)

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