„Das Ziel: eine gewaltfreie Fußballkultur“ lautet der Titel des Beitrages von Stefanie Dens, Artemis Kubala und Yasmina Fadli.
Hier der Gastkommentar: Es überrascht nicht, dass der rechtsextreme Vlaams Belang nach den Krawallen in Brüssel von einem „Marokkanerproblem“ redete. Doch auch die Sozialdemokraten von Vooruit positionieren sich jetzt offen gegen „Ausländergruppen“, während die christdemokratische CD&V von „Jugendlichen, die unsere Kultur nicht teilen“ spricht. Mit solchen Schlagzeilen und kriegsähnlichen Bildern aus den Straßen Brüssels verstärkt die Presse eine von der Politik entfachte Polarisierung. In Bild und Sprache werden wir unserer vielfältigen Gesellschaft nicht gerecht.
Anlässlich der Krawalle nach dem Sieg der marokkanischen Fußballmannschaft im WM-Spiel gegen Belgien erschienen zahlreiche Beiträge in den Medien. Politische Propagandisten scheuten nicht davor zurück, ihre kurzfristigen Stellungnahmen bis hin zu fundamentaleren Positionen scharf zu formulieren. Bei der Sichtung der Aufmacher verschiedener Nachrichten-Apps stellt sich die Frage, ob wir uns bewusst sind, wie solche politischen Aussagen unser Bild der Gesellschaft buchstäblich färben. Wir sprechen doch auch nicht von „einheimischen Gruppen“ oder von einem „Belgierproblem“, wenn Fans bekannter belgischer Fußballvereine das Stadion anzünden? Es ist erstaunlich, dass wir in einer Zeit, in der über ein Drittel der Belgier internationale Wurzeln hat, Gruppen immer noch auf Grundlage ihrer ethnischen Herkunft ins Visier zu nehmen. Wie viele Generationen sind denn noch nötig, bevor unser öffentlicher und politischer Sprachgebrauch die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt und respektiert?
Überdies kann die Brüsseler Krawalldebatte nicht nur an ethnischer Herkunft oder Kulturdifferenzen aufgehängt werden. Führt man sich vor Augen, was sich bei einem beliebigen Fußballspiel zwischen Antwerpen, Anderlecht, Club Brugge oder Beerschot abspielt, so muss jeder Fußballlaie zu dem Schluss kommen, dass Randale und Krawalle ein typisches Fußballphänomen sind. Diese Kultur haben die jugendlichen Krawallmacher aus Brüssel und Antwerpen sehr wohl „mit uns“ gemein. Wenn wir wollen, dass die Ausschreitungen ein Ende haben, sollten wir nicht nur unseren Sprachgebrauch in den Medien unter die Lupe nehmen, sondern auch auf eine gewaltfreie Fußballkultur setzen, die die Ursachen des „Belgierproblems“ bekämpft.
Um das Ziel einer gewaltfreien Fußballkultur umzusetzen, sollte man an der Basis beginnen. Zunächst sollte im direkten Sozial- und Wohnumfeld, zu dem neben Familie und Freunden auch der Fußballverein gehört, grundlose Gewalt adressiert werden, und zwar unmittelbar nach Spielende. Die beeindruckenden Menschenketten in Brüssel und Antwerpen, die ältere Menschen bildeten und damit weitere Konfrontationen zwischen Jugendlichen und der Polizei verhinderten, waren in diesem Zusammenhang ein beeindruckendes Beispiel für zielführende Zivilcourage.
Zweifellos ist bei schweren Verstößen auch der Rechtsweg zu beschreiten. Jedoch anonymisieren und individualisieren nachträgliche Stadionverbote mitunter auch gewaltsame Verhaltensweisen. Es droht ein Gefühl der Straffreiheit und der Unbesiegbarkeit aufzukommen, denn schließlich ist das Stadion oft weiterhin durch zahlreiche Schlupflöcher zugänglich.
Vor Kurzem wurde der Aktionsplan „Samen voor veilig voetbal“ (Gemeinsam für sicheren Fußball) unter der Federführung des belgischen Fußballverbands, der Fußballvereine, des Föderalen Öffentlichen Dienstes (des Föderalministeriums, A.d.R.) und der Polizei ins Leben gerufen. Leider bilden Sanktionen und Ordnungsmaßnahmen den Kern dieses Plans und schon jetzt steht dessen Wirksamkeit in Frage. Ein starker Fokus auf Jugendsozialarbeit und Streetwork sollte integraler Bestandteil eines derartigen Aktionsplans sein. Dort, wo der rechtliche Rahmen der Realität hinterherhinkt, kann gerade dies zum Wandel beitragen.
In den Straßen von Brüssel und Antwerpen, aber auch in der Berichterstattung ist so einiges schiefgegangen. Wir sollten die Nachspielzeit nutzen, um Verbesserungen herbeizuführen. Inklusion zu stärken und Polarisierung entgegenzuwirken wird in der Welt des Fußballs und der Gesellschaft nur dann gelingen, wenn wir Gewalt (im Fußball) thematisieren, mit gebündelten Kräften einen echten Aktionsplan für sicheren Fußball aufstellen und die Verwendung einer bewussteren Sprache in den Print- und digitalen Medien vorantreiben. Alle zusammen also, auf sportliche Weise, wie ein echter zwölfter Mann.
Stefanie Dens ist Ingenieurin/Architektin und Stadtplanerin sowie Mitglied der Freitagsgruppe.
Artemis Kubala ist Juristin, Network Designer, Innovationsexpertin bei Blenders und Co-Vorsitzende von LEVL, dem Inklusionspartner für Flandern und Brüssel.
Yasmina Fadli ist Business & Sales Strategist, Growth Architect, Keynote Speaker und Vorstandsmitglied von LEVL.

Kommentare
Vielleicht sollten wir endlich damit anfangen im Zusammenhang mit Krawallen nicht von Fußballfans zu reden. Das sind in der Regel Jugendliche die ihren Frust austoben und das mit Vandalismus und sinnloser Zerstörung.
Bei politisch motivierten Krawallen, die mindestens genauso häufig vorkommen, reden wir ja auch nicht von Fans des Ministerpräsidenten oder seiner Partei.
Es ist mittlerweile ein gesellschaftliches Problem. Es hat sich so viel Frust aufgestaut das der sich Bahn bricht, es braucht nur einen Auslöser.
Bei den Coronakrawallen in Deutschland sind die Randalierer aus ganz Europa angereist.
Der größte Teil der Festgenommenen im hamburger Schanzenviertel waren "Randaletouristen". Menschen die kilometerweit fahren um ihren Frust auszutoben. Da kam auch keiner auf die Idee das mit der Freude am HSV zu begründen.
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